18 Vollblüter gegen Ivanhowe

Der Schlenderhaner Hengst ist großer Favorit für das 144. deutsche Galoppderby in Hamburg-Horn. Der Besitzer des Siegers kassiert 300.000 Euro

Hamburg. Im Gegensatz zum Schwarzen Ritter Wilfred of Ivanhoe trägt der Derbyfavorit Ivanhowe ein „w“ im Namen. Ob der dreijährige Hengst an diesem Sonntagnachmittag eine ähnlich scharfe Klinge schlagen kann wie der siegreiche Kreuzritter in Sir Walter Scotts berühmtem Roman – im übertragenen Sinne? 18 Vollblüter wollen ihm Paroli bieten und das Blaue Band des Jahrgangsbesten gewinnen.

Fest steht: Gegen 16.35 Uhr bebt das Horner Moor. Dann zeigen die sonst angeblich so zurückhaltenden Hanseaten den temperamentvollen Teil ihrer Seele. Wenn der Pulk im Sparda 144. Deutschen Derby erstmals an der Haupttribüne vorbeiprescht, wird wieder der für Hamburg typische „Horn Roar“ erschallen. Das gehört traditionell zum guten Ton. Und wenn das Feld aus dem Horner Bogen in die Zielgerade prescht, erreichen vieltausendfache Anfeuerungsrufe ihren Höhepunkt. Das ist der Derbyrhythmus, bei dem fast jeder mitmuss, in den Logen ebenso wie auf dem Sattelplatz im Inneren des Geläufs.

Für den Favoriten gibt es nur einen mageren Totokurs von 30:10 Euro

Die Fachwelt ist sich einig: Ivanhowe kann Deutschlands neuer Turfkönig werden. Der Hengst war im Kölner Union-Rennen vor drei Wochen derart dominant, dass er zum Totokurs von etwa 30:10 Euro in die Startbox rücken wird. Auf Deutsch: Im Siegfall gibt’s dreifaches Geld zurück. Wer auf den Mitfavoriten Nicolosio setzt, darf mindestens die sechsfache Rendite erwarten, während Lucky Speed ungefähr das Zehnfache bringt. Wer zehn Euro auf den größten Außenseiter Nordvulkan zockt, erhält rund 1000 Euro zurück.

Apropos Geld: Der Besitzer des Derbysiegers erhält 300.000 Euro plus Prämien. Insgesamt ist das wichtigste Pferderennen hierzulande mit 770.000 Euro dotiert. Unbezahlbar ist die Ehre, den Besten des Jahrgangs gezüchtet zu haben. Ivanhowe entstammt dem anno 1869 gegründeten Gestüt Schlenderhan in Bergheim bei Köln, dem ältesten privaten Rennstall Deutschlands. 18-mal waren die Gestütsfarben Schwarz, Blau und Rot im Derby bisher Spitze; zuletzt vor vier Jahren mit Wiener Walzer. Ivanhowe verdankt übrigens das „w“ in seinem Namen der Tatsache, dass bereits ein anderer Vollblüter Ivanhoe im hiesigen Register verzeichnet ist. Daher die kleine Korrektur.

Auch den Italiener Cristian Demuro wird’s nicht stören. Das 20 Jahre alte Talent mit dem besonderen Fingerspitzengefühl am Zügel und der Intuition für die ideale Position während des Rennens profitiert vom gebrochenen Fuß des eigentlich für ihn vorgesehenen Jockeys Adrie de Vries. Schafft er das Bravourstück, bei seinem ersten Derbyritt in Hamburg-Horn auf Anhieb der Größte zu sein?

„Ich glaube ja“, sagt einer, der sich damit bestens auskennt. Hein Bollow, im Alter von 92 Jahren selbstverständlich wieder in Horn vor Ort präsent, war von Ivanhowes bisherigen Auftritten angetan: „Der Hengst ist klasse und das zu schlagende Pferd.“

Im Vorjahr zeigte Außenseiter Pastorius allen Favoriten die Hufe

1936 sah Bollow sein erstes Derby. Fünfmal gewann er selbst das Blaue Band; viermal als Jockey, einmal als Trainer. Andreas Wöhler, der den chancenreichen Außenseiter See the Rock aufbietet und von Mickael Barzalona reiten lässt, hält ebenfalls viel von Ivanhowe, traut jedoch Nicolosio mit dem Briten William Buick im Sattel am meisten zu. Auch die beiden Ausländer im Feld, Tres Blue aus Frankreich und Probably aus Norwegen, könnten durchaus überraschen.

Vielleicht profitieren die Gäste aber von Fortune bei der Startplatzauslosung mit den günstigen Boxen vier und fünf. Ivanhowe hatte Pech: Er muss aus Box eins ganz innen abgehen. Gelangt er nicht zügig ganz nach vorn, droht die Gefahr, im Wandsbeker Bogen von der Konkurrenz „eingemauert“ zu werden und keine gute Position mit freiem Lauf auf der Zielgeraden zu finden.

So wie es Pastorius gelang, dem Vorjahreschampion. Als Außenseiter zeigte er den Rivalen die Hufe, darunter dem haushohen Favoriten Novellist. Was kein Glück, sondern Können war, wie die Einsätze danach zeigten. Der Held von Hamburg 2012 gewann große Prüfungen, darunter jüngst den Prix Ganay in Paris-Longchamp. An diesem Sonnabend galoppiert Pastorius in den Eclipse Stakes in England um eine halbe Million Euro. Reiter ist der Franzose Olivier Peslier. Hauptgegner in Sandown Park dürfte einer der besten Vollblüter der Welt sein: Al Kazeem unter Jamie Doyle.

Traditionell entscheidet nicht nur die Rasse des Pferdes, sondern auch die Klasse des Jockeys das Derby. Das spricht für den großen Außenseiter Bermuda Reef, der von Meistertrainer Peter Schiergen vorbereitet wurde. Gesteuert wird der Hengst von Lanfranco Dettori, einem der begnadetsten Jockeys Europas. Nach einer mehrmonatigen Sperre wegen Kokainmissbrauchs darf „Frankie“ erst jetzt wieder reiten und lechzt nach sportlicher Rehabilitation.

Die deutschen Trümpfe sind Andreas Helfenbein und Andrasch Starke

Oder lässt sich ein Deutscher nach dem Zieleinlauf vor der Tribüne feiern und von zwei Schimmelreiterinnen zur Siegerehrung geleiten? Wenn es nach aktueller Form geht, müsste Andreas Helfenbein weit vorne sein. Der 45-Jährige schaffte das Kunststück, zu Beginn der Derbywoche drei Grupperennen in Folge mit Außenseitern zu gewinnen, darunter auch den renommierten Hansa-Preis. Jetzt am Sonntag will es Helfenbein mit Schulz versuchen, der allerdings aus der äußersten Startbox ins Rennen gehen muss. Vier Plätze weiter innen startet Andrasch Starke mit Lucky Speed. Fünfmal triumphierte der gebürtige Stader bisher im Wettstreit um das Blaue Band, zuletzt vor fünf Jahren mit Kamsin.

Dass der Turf neben Sternstunden auch bittere Momente bringen kann, spürte Besitzer Rainer Hupe aus Seevetal schmerzhaft. Noch vor einer Woche galt sein Galopper Orsello als Derby-Mitfavorit: Platz drei im Union-Rennen hinter Ivanhowe nährte0 große Hoffnungen. Vor ein paar Tagen jedoch zog sich der Hengst eine Fissur am linken Hinterbein zu. Bei der Operation in einer Tierklinik starb Orsello. Einige der gewiss 25.000 Zuschauer am Sonntag werden an dieses bittere Schicksal denken, wenn die Pferde zum 144. Deutschen Derby in die Startboxen rücken.