Doping-Skandal

Sportnation Spanien unter Anklage

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Jens Hungermann

Der Mediziner Eufemiano Fuentes soll jahrelang Spitzenathleten gedopt haben. Seit Montag wird ihm der Prozess gemacht.

Berlin. Spitznamen sind in der Welt des Sports weit verbreitet, und wie seine Sportler hat auch Eufemiano Fuentes, 57, über viele Jahre zu dieser Welt gehört. "El Importante", so ließ Fuentes sich gern rufen, "der Bedeutsame". Und tatsächlich: Bedeutsam war er allemal mit seinem Wissen und seinen sinistren Serviceleistungen für all jene, die ihrer Leistungsfähigkeit pharmazeutisch nachhalfen. Deshalb gab der US-Radprofi Tyler Hamilton Fuentes einen weiteren Spitznamen: "Einmann-Walmart des Dopings". Weil es beim spanischen Arzt praktisch alles gab, was stramme Athletenwaden flottmachte.

Längst allerdings ist es - mutmaßlich - vorbei mit der Karriere als Dopingarzt. Fast sieben Jahre nach der "Operación Puerto" genannten Razzia sitzt Eufemiano Fuentes Rodríguez seit Montagmorgen in Madrid auf der Anklagebank. Weil es zum damaligen Zeitpunkt in Spanien noch kein Antidopinggesetz gegeben hat, wird ihm wegen des Verdachts der Gefährdung der öffentlichen Gesundheit der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Haft sowie ein zweijähriges Berufsverbot. Angeklagt sind zudem Fuentes' Schwester Yolanda und die früheren Radrennstallbetreiber Manolo Saiz (Once, Liberty-Seguros), José Ignacio Labarta (Comunidad Valenciana) und Vicente Belda (Kelme).

Der Fall ist aufsehenerregend, aus mehreren Gründen. Nicht nur das Arsenal an Dopingpräparaten und -hilfsmitteln oder gefüllten Blutbeuteln, das die spanische Polizei damals entdeckte, war beträchtlich. Auch der Kundenstamm des Doktor Fuentes war es. Eine Liste mit rund 200 Sportlernamen existierte, etwa 58 davon entstammten dem Radsport - unter ihnen Jan Ullrich, Giro-d'Italia-Gewinner Ivan Basso, Tour-de-France-Sieger Alberto Contador und weitere prominente Profis.

In der Folge erhielten Spekulationen Nahrung, betroffen seien von der Puerto-Affäre auch Schwimmer, Tennisspieler, Leichtathleten und, ja, auch Fußballspieler. Schließlich hatte Fuentes öffentlich selbst bestätigt, dass Kicker zu seinen Klienten zählten: in einem Radiointerview 2006. In der Folge erhielt er nach eigenen Angaben dann Morddrohungen.

Als Nebenkläger gegen Fuentes und Co. tritt in Madrid neben dem Radweltverband UCI die World Anti-Doping Agency (WADA) auf. WADA-Generaldirektor David Howman erklärte im "Guardian": "Der Sinn der ganzen Übung und der Grund, warum wir so resolut auf eine Verhandlung vor Gericht gedrängt haben, ist herauszufinden, wer diese Sportler sind. Wir müssen wissen, um welche Sportarten es geht." Nur so können "die Informationen denjenigen Agenturen übergeben werden, die in der Lage sind, etwas zu tun".

Doch gerade an der Weitergabe der Informationen von staatlichen Ermittlungsbehörden an Antidopingagenturen hapert es weltweit erheblich. In Deutschland etwa, unken Fachleute, wissen viele Staatsanwälte nicht einmal, dass es die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) überhaupt gibt - was nicht nur deren struktureller Schwäche geschuldet ist. Beim Versuch, Zugang zu den Ermittlungsakten der "Operación Puerto" zu bekommen, "sind wir mit dem Kopf gegen Mauern gerannt", schimpft Howman. Den zuständigen Richter mussten sie in Madrid überdies zum Jagen quasi tragen: Antonio Serrano hatte das Verfahren in der Vergangenheit eingestellt. Angeblich auf Druck der Politik, die um das Renommee der fabulösen Sportnation bangte. Aus Justizkreisen heißt es entschuldigend bloß, die Polizei habe nur Sportler namentlich genannt, die sie eindeutig identifizieren konnte.

Der Erkenntnisgewinn aus dem Fuentes-Prozess droht nun gering auszufallen. Und die Causa zeigt, wie schwierig es für die Fahnder ist, effektiv gegen international operierende Dopingnetzwerke zu ermitteln, die für die beteiligten Mediziner ein florierendes Geschäft sind. Siehe etwa Italiens "Dottor Epo" Michele Ferrari, Szeneguru und Leibarzt unter anderen von Lance Armstrong. Oder das hochprofessionelle Dopingsystem im niederländischen Rabobank-Rennstall. Erst Montag gestand der deutsche Ex-Profi Grischa Niermann, der als Edeldomestike neunmal die Tour de France fuhr, manipuliert zu haben - nach eigenen Angaben aber nur zwischen 2000 und 2003 ("Dass diese dunkle Phase nun zurückkommt, schmerzt mich sehr"). Die Verhandlung gegen Fuentes und seine Mitangeklagten ist bis 22. März angesetzt, 35 Zeugen sollen aussagen. Montag wurden zum Prozessauftakt zunächst nur Verfahrensfragen geklärt, eine erste Aussage Fuentes' ist auf Dienstag vertagt. Gibt es am Ende eine Revision, wird das Urteil wohl erst 2014 fallen - acht Jahre nach der "Operación Puerto".

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