Champions League

Wilde Schalker zwischen Spitzenklasse und Durchschnitt

Beim 2:2 gegen den FC Arsenal zeigen die Schalker ihr ganzes Spektrum – Spitzenklasse in der Offensive, seltsam in der Defensive.

Gelsenkirchen. Verdrossen trauerten die Schalker dem vergebenen Matchball nach. „Wir sind nicht zufrieden mit dem Punkt“, sagte Kapitän Benedikt Höwedes nach dem 2:2 (1:2) gegen den FC Arsenal. In einem wilden Spiel, das höchst unterhaltsam war, aber seinen Reiz auch durch haarsträubende Fehler bekam, hatten die Gelsenkirchener die große Chance vergeben, den Londoner Eliteklub zum zweiten Mal innerhalb von 14 Tagen zu schlagen und nach nur vier von sechs Gruppenspielen in das Achtelfinale der Champions League einzuziehen. „Ich hatte das Gefühl, da war mehr drin“, ärgerte sich Torjäger Klaas-Jan Huntelaar. „Bis zur 17. Minute haben wir unseren besten Fußball in dieser Saison gespielt“, erklärte Trainer Huub Stevens und wurde am Ende eines rassigen Fußballabends dennoch richtig grantig. Denn neben den Stärken waren auch die Schwächen des Bundesliga-Zweiten sehr deutlich aufgedeckt worden.

Die Schalker schwanken in dieser Saison zwischen Spitzenklasse und Durchschnitt – und das meist innerhalb eines Spiels. Auch gegen Arsenal boten sie erst Zauberfußball, der noch disziplinierter vorgetragen, aber auch mit noch mehr Kreativität, Esprit und Spielfreude als beim 2:0-Triumph in London garniert wurde. Doch am Ende mussten die Königsblauen froh sein, dass sie nicht wieder ein Frusterlebnis wie am Samstag beim 2:3 in Hoffenheim verdauen mussten. In der Nachspielzeit tauchte Theo Walcott allein vor Lars Unnerstall auf, aber anstatt den Ball locker zum Siegtor am Schlussmann vorbeizuschieben, schoss der englische Nationalspieler den Torwart an.

„Das war eine große Schrecksekunde. Hätte unser Gegner in der Nachspielzeit noch das dritte Tor erzielt, wäre das mehr als bitter und auch unverdient gewesen“, sagte Manager Horst Heldt. Es war der Schlusspunkt einer Achterbahnfahrt, mit der Schalke 54.000 Zuschauer in einen Wellenbad der Gefühle gestürzt hatte. Nach einem Zauberstart fielen durch krasse Fehler die Tore zum 0:2 durch Walcott (18.) und Olivier Giroud (26.). Zunächst sackten die Westfalen in eine „Schockstarre“ (Heldt), kämpften sich aber wieder großartig heran, spielten den 13-maligen englischen Meister phasenweise förmlich an die Wand und erzielten durch Huntelaar (45.+2) und Jefferson Farfan (67.) die Treffer zum 2:2.

Der beste Schalker Kader seit Kuzorra und Co.?

Dass der eigene Treffer zum 3:2 nicht gelang, war auch ein Beleg dafür, dass das Team nicht zur besten Güteklasse zählt. Es fehlte die Coolness vor dem gegnerischen Tor. Und schließlich waren die Schalker nur noch froh, dass Walcott in der Nachspielzeit das Resultat nicht so dämlich gestaltet hatte wie in Hoffenheim. „Unnerstall hat klasse reagiert und uns damit das Unentschieden gerettet“, urteilte Heldt. Hoch überlegen hatte die Elf gespielt, aber nach 94 Minuten lautete das Fazit: „Glück gehabt“. So ist Schalke 04 im Jahr 2012. Manche sagen, der Verein habe den besten Spielerkader seit den Tagen der Altvorderen Kuzorra und Szepan.

Die Offensive ist hervorragend besetzt mit Huntelaar, der allerdings mehr Chancen braucht als vorige Saison, mit Farfan und Ibrahim Afellay, mit dessen Ausleihe vom FC Barcelona Heldt großes Geschick bewies. Schalke besitzt wahrscheinlich neben den Bayern (Robben/Ribery) die beste Flügelzange der Bundesliga. Das Mittelfeld zeigt mit Lewis Holtby, Jermaine Jones und Roman Neustädter gute bis befriedigende Auftritte in der Offensive, aber nach hinten wird es seltsam. In der Defensive ist Schalke stets für unglaubliche Fehler gut, die Abwehr spielt manchmal sehr konfus, der Torwart wirkt unsicher.

Und als ob das alles nicht genug wäre, fallen nun auch zwei Defensivakteure aus. Atsuto Uchida zog sich gegen Arsenal einen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zu, Marco Höger verletzte sich die rechte Syndesmose. Wie lange die beiden ausfallen, gab der Klub am Mittwoch nicht bekannt.

„Das erste Gegentor war von uns grandios vorbereitet worden“, kommentierte Heldt süffisant einen krassen Aussetzer von Neustädter. Joel Matip schwankt zwischen Top- und Kreisklasse. Wie Unnerstall wird er von den Fans immer wieder mal ausgepfiffen. Der Torwart zählt nur zur Mittelklasse, wird von Stevens aber für besser befunden als Timo Hildebrand und Ralf Fährmann. Manchmal wirkt die gesamte Mannschaft mit einer ungestümen Spielweise unreif wie ein A-Juniorenteam. Stevens erzählt ständig vom Entwicklungsprozess. Unter dem Strich stimmt es, denn nur zwei von 16 Pflichtspielen in dieser Saison wurden verloren (gegen die Bayern, in Hoffenheim), aber zweimal wurden auch mögliche Siege verschenkt (2:2 in Hannover, 2:2 in Düsseldorf). Und auch in der Champions League gönnte Schalke bei einem 2:2 zu Hause dem Tabellenletzten HSC Montpellier den bisher einzigen Punktgewinn. „Als Gruppenerster haben wir aber alle Trümpfe in der Hand“, sagte Höwedes. Ob gegen Piräus in zwei Wochen und in Montpellier am 4. Dezember die weiteren Matchbälle verwandelt werden, ist bei Schalkes Launenhaftigkeit aber keineswegs sicher.

Die Aufstellungen

Schalke: Unnerstall - Uchida (25. Höger, 66. Kyriakos Papadopoulos), Höwedes, Matip, Christian Fuchs - Jones, Neustädter - Farfan, Holtby, Afellay - Huntelaar. - Trainer: Stevens

Arsenal: Mannone - Sagna, Koscielny, Mertesacker, Vermaelen - Arteta, Wilshere - Cazorla (90.+1 Coquelin) - Walcott, Giroud, Podolski (90.+1 Santos). - Trainer: Wenger

Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)

Tore: 0:1 Walcott (18.), 0:2 Giroud (26.), 1:2 Huntelaar (45.+2), 2:2 Farfan (67.)

Zuschauer: 54.142 (ausverkauft)

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