Olympia 2012

"Die Formel 1 ist viel einfacher als Segeln"

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Achim Leoni

Kathrin Kadelbach, Friederike Belcher und Ullrich Libor über Herausforderungen der See und ständig wechselnde olympische Klassen.

Strande. Im Kieler Yacht-Club haben Kathrin Kadelbach, Friederike Belcher und Ullrich Libor ein Heimspiel. Die Hamburgerinnen Kadelbach, 28, und Belcher, 30, kennen sich in dem Segelrevier der Kieler Bucht bestens aus. Libor, 72, gewann hier vor 40 Jahren nach Silber in Acapulco 1968 eine olympische Bronzemedaille im Flying Dutchman. In Weymouth würden es Kadelbach/Belcher ihrem NRV-Vereinskollegen, der später zum Geschäftsführer des Deutschen Golfverbands aufstieg, gern gleichtun.

Herr Libor, Sie haben 14 Jahre lang keinen Segelsport betrieben und sind 2001 wieder eingestiegen. Was hatte Ihnen ohne gefehlt?

Ullrich Libor: Ich stand vor der Frage, mir nach der intensiven beruflichen Phase ein Hobby fürs Alter zu suchen. Und ich war nicht überzeugt, dass Golf meine Erfüllung ist. Ich wollte eine richtige Herausforderung und suchte sie im Segelfliegen. Aber kurz bevor es dazu kam, fragte mich ein Freund, ob ich nicht einem anderen Freund das Drachensegeln beibringen wolle. Und schon war ich bei der Kieler Woche. Segeln ist ja wie Rad fahren, man verlernt es nicht.

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Sie gewannen 2007 sogar WM-Silber.

Libor: Ich hatte damals Profis und Halbprofis an Bord. 2009 habe ich mit einer reinen Amateurmannschaft neu angefangen: meinem Sohn und einem Freund, den ich 40 Jahre lang nicht gesehen hatte. Inzwischen mischen wir unter den besten 15 weltweit mit.

Sind Freundschaften an Bord wichtig?

Libor: Früher war man mit Freunden im Boot. Man kannte sich, und wenn es funktioniert hat, hat man zusammen gesegelt. Heute werden in vielen Booten die Topleute zusammengesucht und für einzelne Regatten oder Saisons verpflichtet. Diese Professionalität schlägt sich übrigens auch im Benehmen nieder. Wir waren früher emotional. Wenn es sein musste, haben wir uns an Bord geprügelt, und dann haben wir uns wieder vertragen. Wir waren auch gar nicht jeden Tag auf dem Wasser, sondern nur zu den Regatten. Wenn Sie heute eine Olympiakampagne segeln wollen, müssen Sie sich richtig gute Leute an Bord holen, die auch Zeit haben.

Kathrin Kadelbach: Es gibt schon viele dieser Zweckehen, die von dem gemeinsamen Ziel Olympia zusammengehalten werden. Bei denen man sich an Bord anschreit und sich die Wege trennen, sobald man aus dem Wasser kommt. Ich würde aber gar nicht mit jemandem segeln wollen, mit dem ich mich an Land nicht verstehe. Man verbringt viel Zeit miteinander, teils in Extremsituationen, in denen es auch darum geht, Druck auszuhalten und mit Misserfolg umzugehen. Rike und ich verstehen uns zum Glück sehr gut, ich bin sogar ihre Trauzeugin. Die große Vertrauensbasis macht, glaube ich, unsere Stärke aus.

Friederike Belcher: Wir kennen uns ja schon seit der Kindheit. Wir waren immer gegeneinander gesegelt, auch im 470er noch: Kathrin für Deutschland, ich für Australien. Irgendwann gingen unser beider Segelpartnerschaften auseinander. Dann haben wir es miteinander versucht und sofort gemerkt, dass es passt. Daraus hat sich die Freundschaft entwickelt.

Worauf können oder sollen sich Kadelbach/Belcher bei Olympia einstellen, Herr Libor?

Libor: Wir haben damals sehr darauf geachtet, in diesen zwei bis drei Wochen nicht alles umzustellen, sondern so weiterzumachen wie gewohnt. Wichtig ist, den Stress fernzuhalten und sich nicht durch zu hohe Erwartungen unter Druck zu setzen. Was in diesem Fall hinzukommt: Weymouth ist kein einfaches Revier. Dort gibt es extreme Strömungen. Die Konkurrenz schenkt einem sowieso nichts. Da muss man in aller Klarheit und Härte segeln und jeden Spielraum ausnutzen, den die Regeln zulassen. Aber diesbezüglich mache ich mir keine Sorgen. Ihr beiden habt das bei der WM genau richtig gemacht.

Sie spielen auf die umstrittenen Manöver an, durch die Kadelbach/Belcher ihre Konkurrentinnen Tina Lutz/Susann Beucke daran gehindert haben, in der Olympiaqualifikation vorbeizuziehen.

Libor: Wer bei Olympia eine Medaille gewinnt, muss das internationale Spiel beherrschen und die Regeln ausnutzen. Eine nationale Ausscheidung segle ich nicht aus Freundschaft, sondern für mich. Dass Lutz/Beucke dem Verband vorwerfen, sie nicht richtig informiert zu haben, ist völliger Quatsch. Das wäre ihre Aufgabe oder die ihres Trainers gewesen. Für mich ein einfacher Fall.

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Das Hamburger Landgericht hat entsprechend entschieden. Würden Sie rückblickend nach der vielen Kritik, die Sie einstecken mussten, noch einmal diese Taktik wählen?

Kadelbach: Wir haben uns damals dafür entschieden in vollem Bewusstsein, dass es kontrovers diskutiert werden würde. Hinter uns liegt in der Tat ein harter Winter, wir sind heftig angegriffen worden. Aber wir haben auch viel Zuspruch erhalten. Nach dem Gerichtsbeschluss haben wir Tina und Susann angeboten, einen Schlussstrich zu ziehen. Ihre Enttäuschung konnten wir ja nachvollziehen. Zum Glück ist auch für sie das Thema jetzt beendet.

Haben die Olympiaerfolge Ihr Leben verändert, Herr Libor?

Libor: Überhaupt nicht. Wir waren ja Amateure und haben die Segelei neben dem Beruf gemacht. Wir hatten nicht einmal persönliche Trainer. Wir mussten uns auch um den Bootsbau kümmern und haben die Beschläge selbst hergestellt. Wobei ich schon versucht habe, es so professionell wie möglich anzugehen. Wir hatten einen Vierjahresplan, der allein auf Olympia ausgerichtet war.

Wie viel Zeit wird heute in die Technik investiert?

Kadelbach: Eine ganze Menge. Wir haben das Glück, dank der Ziegelmayer-Werft von Rikes Vater beim Material auf sehr hohem Niveau zu sein. Viele betreiben die Segelentwicklung noch in enger Kooperation mit den Segelmachern. Wir haben uns aus Zeitmangel bewusst gegen diesen Weg entschieden und auf Standardmaterial zurückgegriffen, von dem wir wissen, dass wir damit mithalten können.

Belcher: Wir segeln ja eine Einheitsklasse mit ziemlich strengen technischen Vorschriften. Sie auszureizen ist Sache von Millimetern und Zehntelmillimetern. Viel wichtiger als das Material, das man hat, ist aber, wie man es einstellt.

Seit zwei Jahren gibt es das Sailing Team Germany, eine Art Nationalteam, das die Segler finanziell, logistisch und durch Know-how unterstützt. Was halten Sie von diesem Modell?

Libor: Die Leistungsträger zusammenzufassen ist eine richtige und gute Entwicklung. Der Deutsche Segler-Verband, dessen Mitglieder in der großen Mehrzahl Tourensegler sind, kann die finanziellen Mittel für den Spitzensport allein gar nicht aufbringen.

Kadelbach: Klassische Segelnationen wie Australien und Großbritannien sind schon drei Schritte weiter. Die Strukturen schlagen sich zwangsläufig auch auf die Leistungen nieder. Deshalb ist es nur zu begrüßen, wenn sich große Firmen wie Audi und BMW für den deutschen Segelsport engagieren. Die Regattaergebnisse der letzten Zeit machen Hoffnung, dass es wieder aufwärts geht.

Belcher: In Deutschland segelt man, solange man jung ist. Wenn dann zum Beispiel das Studium beendet ist, hören viele wieder auf. Auch für uns fängt nach Olympia das normale Leben wieder an. Die Briten oder Australier können dank der Unterstützung durch ihre Verbände drei, vier, fünf Olympiakampagnen segeln. Da ist olympisches Segeln über Jahrzehnte ein Lebensinhalt. Schon diese Erfahrung erhöht die Erfolgsaussichten ungemein.

Fehlt es hier an Bewusstsein für Segeln als Leistungssport?

Libor: Sie können es einem normalen Bürger in seiner Komplexität kaum vermitteln. Elfmeter, Abseits, das begreife ich. Aber was beim Segeln alles dahintersteckt, die vielen Tausend entscheidenden Momente, ist nur schwer zu erfassen.

Ist es mit der Formel 1 vergleichbar?

Libor: Die ist viel einfacher. Da habe ich eine Straße, die ist für alle gleich. Beim Segeln ist der Wind für alle unterschiedlich.

Kadelbach: Und die Straße bewegt sich auch noch. Man muss aber anerkennen, dass bei der medialen Aufbereitung, etwa beim Tracking, viele Fortschritte gemacht wurden.

Herr Libor, Sie haben 1979 am Fastnet Race teilgenommen, das 19 Menschen das Leben kostete. Hat diese Erfahrung Ihre Einstellung zum Segeln verändert?

Libor: Ich habe mir danach schon ein oder zwei Jahre lang die Frage gestellt, ob ich im Leben eigentlich alles richtig mache. Seither sehe ich alles etwas kritischer und achte, was das Segeln betrifft, noch penibler auf Sicherheit. Mein Respekt vor dem Wasser ist fast genauso groß geworden wie vor dem Feuer.

Wäre eine Hochseeregatta etwas für Sie, Frau Belcher?

Belcher: Ich werde ganz furchtbar seekrank. Auf einer Jolle geht es, da gibt es immer etwas zu tun. Aber auf einem großen Boot nur lange auf der Kante zu sitzen und in einer Richtung zu fahren wäre nichts für mich.

Die olympischen Bootsklassen sind im ständigen Wechsel, das Frauen-Matchrace etwa wird nach der Premiere 2012 wieder aus dem Programm genommen. Ist das Aktionismus oder notwendige Modernisierung?

Kadelbach: Ein bisschen mehr Kontinuität wäre meines Erachtens wünschenswert. In die Entwicklung der Matchrace-Boote wurde extrem viel Geld investiert. Die Nationen, die am wenigsten Geld haben, haben das Material erst drei Wochen vor der Entscheidung bekommen, es wieder aus dem Programm zu nehmen. Und dass 2016 nach dem Ende der Starboote keine Kielbootklasse mehr olympisch ist, halte ich für falsch. Modernität ist gut, aber etwas mehr System würde nicht schaden.

Libor: Die Problematik ist, dass alle Nationen abstimmen dürfen – auch viele kleine, in denen gar kein Segelsport betrieben wird. Ich glaube zwar, dass IOC-Präsident Jacques Rogge als Segler unsere Interessen im Blick hat. Aber beim Starboot zum Beispiel ist das Material so teuer und die Weltspitze so klein, dass die Klasse für andere Nationen kaum noch zugänglich ist.

Die Segler haben bei den Sommerspielen meist das Pech, fernab des sonstigen Geschehens zu sein. Wie viel Olympiaflair kommt überhaupt an?

Libor: Meine Erfahrungen sind da sehr positiv. Natürlich waren wir interessiert, einmal ins olympische Dorf zu fahren und die anderen Athleten zu treffen. 1968 waren wir in einem Hotel untergebracht. Damals sind viele internationale Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Die Abschlussfeier war uns allen zu trocken. Plötzlich stand ein Australier auf, ging nach vorn und sagte: Schmeißt mal Geld auf die Bühne, ich besorge uns eine Band. Eine Stunde später kam ein Leiterwagen mit Pferden und einer Blasband vorgefahren, und dann sind wir in den Puff von Acapulco gefahren und haben uns alle besoffen. Das war ein herrlicher Abend! Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Frauen waren alle mit.

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