Vielseitigkeitsreiten: Olympiasieger im Interview

Romeike: "Ich glaube an meine Chance in London"

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Norbert Scheid

Foto: dpa / dpa/DPA

Olympiasieger Hinrich Romeike im Interview vor den heute in Luhmühlen beginnenden Europameisterschaften der Vielseitigkeitsreiter.

Luhmühlen. Deutschlands populärster Vielseitigkeitsreiter kann nur zuschauen, wenn heute auf dem Turniergelände in Luhmühlen die Europameisterschaften mit der Dressur beginnen. Bei der Eröffnung wurden gestern auf einer Großbildleinwand die "Ritte des Jahrhunderts" präsentiert. Noch einmal konnten die Pferdesportfreunde miterleben, wie Hinrich Romeike und sein Pferd Marius bei den Olympischen Spielen 2008 in Hongkong Gold im Einzel und mit der Mannschaft gewann. Seitdem allerdings ist der Zahnarzt aus Nübbel bei den großen Veranstaltungen nur noch als Botschafter seines Sports und als Co-Kommentator beim NDR dabei. Denn Marius, sein 17-jähriger Schimmelwallach, benötigte fast zwei Jahre, um eine Fesselverletzung im linken Vorderbein auszukurieren. Nicht um den Titel kämpfen zu können tue ein bisschen weh, sagte Hinrich Romeike im Gespräch mit dem Abendblatt.

Hamburger Abendblatt: Herr Romeike, haben Sie endgültig Abschied vom großen Sport genommen?

Hinrich Romeike schweigt.

Oder hoffen Sie, bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr doch wieder reiten zu können?

Romeike: Ich will es ganz leise formulieren: Es gibt ein Vielleicht.

Hat Marius seine langwierige Verletzung auskuriert?

Romeike: Ja, wir arbeiten wieder jeden Tag zusammen. Ich spüre, Marius will wieder Leistung bringen. Die Arbeit macht ihm Spaß. Sollte ich allerdings bei steigender Belastung spüren, dass er sich quält, mache ich sofort Schluss.

Wie groß sehen Sie Ihre Chance, in London zu reiten?

Romeike: Realistisch gesehen ist sie klein, sehr klein. Aber auch eine kleine Chance ist für mich eine Chance. Und ich werde alles tun, um sie zu nutzen.

Ihr "Ritt des Jahrhunderts" - war das Hongkong 2008?

Romeike: Der hat mir zweimal Gold eingebracht. Mehr geht ja nicht. Aber entscheidender für meine Sportkarriere war der Geländeritt fünf Jahre zuvor in Luhmühlen. Der letzte Sprung, das war ein riesenhaftes Bettgestell. Ich spüre noch heute, mit welcher Frische, mit welcher Freude Marius über das Bett setzte, als wäre das der erste und nicht der letzte Sprung. Da wusste ich, mit dem Pferd stehst du erst am Anfang, mit dem kannst du noch Großes erreichen.

Was ist die Stärke dieses Schimmels?

Romeike: Seine Unerschrockenheit. Er ist ein Schlitzohr, aber doch grundehrlich. Der verrät mich nie, der lässt mich nie im Stich.

Sie sind nicht nur in einer Familie von Zahnärzten und Zahntechnikern, sondern auch von Freizeit-Reitern aufgewachsen. Und das Pferd ihrer Jugend hieß Molar, also Backenzahn ...

Romeike: ... und begonnen habe ich als Dressurreiter, weil ich fürs Springen zu ängstlich war.

Wie haben Sie zu den Buschreitern gefunden?

Romeike: Ich war 14, da nahm der Vater mich mit zu dem Turnier in Schenefeld. Auf der Wegstrecke trabte uns ein Reiter entgegen, der blau gekleidet war. Das hat mich begeistert. Dieses Reiten war nicht so uniformiert, das ist ein Sport für Kreative, habe ich gedacht.

Der damals noch viel gefährlicher war. Beim Geländeritt in Luhmühlen versammeln sich noch immer die meisten Fotografen am Milford-Teich, weil es hier immer die spektakulärsten Stürze gab.

Romeike: Darauf warten sie heute aber meist vergeblich. Wer stürzt, der scheidet aus. Für den ist alles zu Ende.

Früher sind immer wieder Pferde auf der Strecke verendet. Das und auch tödliche Stürze brachte Ihren Sport in Misskredit.

Romeike: Aber er ist in den letzten Jahren völlig verändert worden. Die Geländestrecken sind kürzer, die Hindernisse sicherer, und vor allem die Pferde sind viel wendiger, viel intelligenter und auch braver geworden.

Und doch gibt es wegen der feststehenden Hindernisse im Gelände noch immer tödliche Unfälle.

Romeike: Die meisten tödlichen Stürze aber gibt es bei privaten Ausritten in die Natur. Sicher, Reiten ist gefährlicher als Dauerlauf. Aber auch bei jedem großen Marathon fällt mindestens ein Teilnehmer tot um. Auch wenn uns heute im Alltag so viele Risiken abgenommen werden - das Leben ist gefährlich. Dem muss man sich stellen. Der Mensch sucht oft ja auch bewusst das Risiko, weil er erst in der Grenzerfahrung erkennt, was wirklich in ihm steckt.

Es ist noch nicht lange her, da musste sich der gesamte Pferdesport mit Vorwürfen der Tierquälerei auseinandersetzen. Unter anderem sorgte das Barren der Springreiter für einen Skandal.

Romeike: Dass das rausgekommen ist, war außerordentlich wichtig, vor allem für die Pferde. Früher stand der Schutz und das Wohlergehen der Tiere nicht im Vordergrund. Vor allem die Frauen, gerade auch im Sport, haben das radikal verändert. Als die mit ihrem einfühlsamen, geduldigeren, sanfteren Umgang mit diesen großen, kraftvollen Tieren Erfolg hatten im Sport, begriffen auch wir Kerle: Es geht auch anders.

Reitsport, das ist an der Basis heute vor allem Mädchen- und Frauensport. Machen die denn im Umgang mit ihren Lieblingen alles richtig?

Romeike: In meine Zahnarzt-Praxis kommen immer wieder mal Frauen, die ihrem Pferd ein Küsschen auf die Nase geben wollten. Das schreckhafte Tier hat jäh den Kopf gehoben, und der Reiterin fehlen ein oder zwei Zähne. Pferde sind hoch und schnell, wiegen um die 600 Kilo und haben ihren eigenen Kopf. Sie können richtig gefährlich sein.

Kann der kleine Mensch denn diesen mächtigen Partner wirklich ohne Strenge beherrschen?

Romeike: Ich will Strenge durch Konsequenz ersetzen. Der Reiter muss für das Pferd berechenbar sein, das Tier braucht einen festen Rahmen. Und er muss in der Rangfolge klar die Nummer eins sein. Deshalb darf man dem Tier auch keine Unarten durchgehen lassen.

Hat denn auch der jugendliche Hinrich Romeike etwas von seinen vierbeinigen Sportpartnern fürs Leben gelernt?

Romeike: Sehr viel. Vor allem mich zu überwinden, meine Zweifel, meine Ängste. Und ich habe gelernt, zu vertrauen. Ein Pferd kennt keine Intrigen, keine Intoleranz, kein Taktieren. Es hat ein Grundvertrauen, und es spürt, wenn du auch ihm vertraust.

Bleibt die Frage, warum ein Vater mit drei fast erwachsenen Kindern und einer gut gehenden Zahnarztpraxis mit 47 Jahren noch immer von Olympia träumt?

Romeike: Leistung bringen und mit heißem Herzen kämpfen: Für mich heißt das lebendig sein.

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