Tennis am Rothenbaum

Deutsche Tennisasse siegen vor leeren Rängen

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Björn Jensen und Marcel Westermann

Am ersten Turniertag der German Open am Rothenbaum überzeugten die einheimischen Profis. Aber nur 3500 Zuschauer waren auf der Anlage.

Hamburg. Der Wettbewerb, den sich die deutschen Tennisprofis gestern, am Eröffnungstag der German Open am Rothenbaum, lieferten, war skurriler Natur. Es ging um das glücklichste Gesicht des Tages, und nach einem harten, die Lachmuskeln strapazierenden Wettkampf musste man als neutraler Beobachter ein Unentschieden konstatieren. Tobias Kamke, Julian Reister und Bastian Knittel hatten aber auch alle Berechtigung dazu, glücklich zu sein, die Gründe für diese Gefühle waren jedoch unterschiedlicher Art.

Knittel, der sich am Wochenende durch die Qualifikation gekämpft hatte, feierte mit dem Sieg (6:4, 6:3) über den Kroaten Ivan Dodig, als Nummer 41 der Welt immerhin 143 Plätze besser eingestuft als der 27 Jahre alte Stuttgarter, den größten Erfolg seiner Karriere. Erstmals erreichte er bei einem ATP-Turnier der 500er-Serie die zweite Runde. "Ich bin ohne Erwartungen hergekommen, weil es in den vergangenen Wochen nicht gut lief. Dass ich hier die zweite Runde erreicht habe, ist ein Traum für mich", sagte er. Nächster Gegner ist morgen nun Dodigs Landsmann Marin Cilic.

Kamke wiederum war "einfach nur erleichtert, in Hamburg erstmals in der zweiten Runde zu stehen". Der 25 Jahre alte Lübecker hatte im vergangenen Jahr sein Rothenbaum-Debüt im Hauptfeld gegeben, aber bereits in Runde eins verloren. Diesmal zeigte er sich gegen den Spanier Pere Riba nervenstark und fokussiert. Zwar war das 6:1, 6:1 letztlich deutlicher als der Spielverlauf, dennoch durfte der Weltranglisten-88. mit seinem Auftritt mehr als zufrieden sein. "Es war nicht so einfach, wie es das Ergebnis aussagt. Ich freue mich über den Sieg hier bei meinem Lieblingsturnier aber zehnmal mehr als anderswo in Runde eins", sagte er. In Runde zwei wartet mit dem argentinischen Sandplatzspezialisten Juan Ignacio Chela heute ein ganz anderes Kaliber. "Das ist eine schöne Standortbestimmung für mich, auf die ich mich sehr freue", sagte Kamke.

Als Dritter im Bunde zeigte dann Reister, dass er aus seinem Achtelfinal-Aus im vergangenen Sommer gelernt hat. Der Weltranglisten-156. aus Reinbek besiegte in Denis Istomin den Mann, der ihm 2010 den Traum vom Viertelfinaleinzug zerstört hatte. 6:3 und 6:4 hieß es nach 78 unterhaltsamen und intensiven Spielminuten, in denen der Usbeke dem aggressiven Serve-and-volley-Angriffsspiel des Deutschen nicht viel entgegenzusetzen hatte. "Ich liebe es einfach, hier zu spielen, auch wenn ich so nervös war, dass ich vorm Spiel eine halbe Stunde Joggen war, damit die Energie vom Kopf in die Beine ging", sagte Reister, der nun heute in Runde zwei den Spanier Guillermo Garcia-Lopez herausfordert. "Gegen ihn habe ich schon einmal verloren, habe also etwas gutzumachen", kündigte er an. Gegen Istomin hat das ja bereits funktioniert.

Es wäre also ein Auftakt nach Maß gewesen, hätte nicht das geringe Zuschauerinteresse für einen Makel in der Bilanz gesorgt. Als Knittel zur Mittagszeit aufschlug, verloren sich 300 wackere Besucher auf dem Centre-Court. Später, am Nachmittag, waren es bei Kamke und Reister jeweils höchstens 800, insgesamt kamen 3500 Zuschauer auf die Anlage. "Das ist schon traurig. Natürlich würde ich lieber vor ausverkauftem Haus spielen. Ich hoffe, dass in den nächsten Tagen ein paar Leute mehr kommen", sagte Kamke.

Vielleicht passiert dies schon heute, wenn neben den beiden Lokalmatadoren auch zwei Daviscupspieler ihre ersten Aufschläge am Hamburger Rothenbaum absolvieren. Der Augsburger Philipp Kohlschreiber hat dabei die unbequeme Aufgabe, den kasachischen Titelverteidiger Andrej Golubjew auszuschalten. Nach der Trennung von Trainer Miles MacLagan hat der 27-Jährige die Hoffnung, mit einer gehörigen Portion Eigenmotivation seine bisher so mäßige Rothenbaum-Bilanz aufzuhübschen. "Ich habe hier nie gut gespielt und bin über das Achtelfinale nie hinausgekommen. Aber irgendwann muss es ja mal klappen", sagte er.

Darauf hofft auch Philipp Petzschner, der allen deutschen Turnieren eine hohe Bedeutung beimisst. "Ich spiele immer sehr gern vor eigenem Publikum", sagte er vor seinem Duell mit dem türkischen Qualifikanten Marsel Ilhan, das heute um elf Uhr die Spiele am Rothenbaum eröffnet. Die Diskussion um die vermeintliche Schwäche des deutschen Herrentennis geht auch dem 27 Jahre alten Bayreuther auf die Nerven. "Ich bin schon enttäuscht darüber, wie über uns berichtet wird. Gerade bei den deutschen Turnieren haben wir in diesem Jahr großartig abgeschnitten. Ich denke, dass vieles oft zu negativ dargestellt wird. Aber ich weiß auch, dass es an uns Spielern ist, mit konstant starken Leistungen die Kritiker ruhig zu stellen", sagte er. Heute wäre ein guter Tag, um damit fortzufahren.

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