Gänsehaut zum Abschied

Zu seinem letzten Spiel als Bundestrainer schenken Deutschlands Handballer Heiner Brand einen Sieg und ein Rennrad

Trier. Fünf Jahre lang hatte Martin Heuberger seinem Bundestrainer Heiner Brand loyal gedient und dessen Entscheidungen stets akzeptiert, doch am Ende missachtete er die Anweisung des Chefs. Beim 32:22 im abschließenden EM-Qualifikationsspiel gegen Lettland, dem letzten Auftritt von Brand als Bundestrainer, schnappte sich Heuberger kurz vor Schluss eigenmächtig die Grüne Karte und nahm eine Auszeit - obwohl der Cheftrainer nicht wollte.

Doch wer ob dieser Aktion einen Eklat wittert, der muss hier aufhören zu lesen. Der 47 Jahre alte gelernte Diplomverwaltungswirt und Co-Trainer verschaffte seinem Vorgesetzten, mit dem er stets freundschaftlich und vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, bei seinem Abschied einen Gänsehaut-Moment. "Die Auszeit geht auf meine Kappe. Dafür gibt es vielleicht noch einen Anschiss, aber den nehme ich heute gerne in Kauf", sagte Heuberger nach dem Spiel schmunzelnd.

Die 4515 Zuschauer in der ausverkauften Arena in Trier skandierten immer wieder Brands Namen und hielten zahlreiche Plakate mit Aufschriften wie "Danke, Heiner" oder "Für immer in unseren Herzen" hoch. Brands Spieler kreisten ihn ein und drückten ihn noch einmal fest an sich. Später gab der Rheinländer zwar mit einem Augenzwinkern zu Protokoll, dass er Heuberger noch auf dem Spielfeld entlassen habe, aber nach über 14 Jahren als Dirigent des Handballensembles hatte sich der Weltmeistercoach von 2007 die Zugabe redlich verdient.

Die Aktion von Brands wahrscheinlichem Nachfolger auf der Trainerposition war bestens gelungen am Ende eines Spiels, in dem es für die deutsche Auswahl nur noch darum ging, sich den ersten Tabellenplatz in der EM-Qualifikationsgruppe fünf zu sichern. Als Zweite qualifizierten sich die Isländer durch einen 44:29-Sieg über Österreich für die Endrunde im Januar in Serbien. Die Gruppen werden morgen ausgelost.

Nach anfänglichen Konzentrationsschwierigkeiten rückten vor allem die Kieler Christian Sprenger und Dominik Klein die Kräfteverhältnisse gegen die überforderten Letten mit jeweils fünf Treffern gerade und sicherten somit den Spitzenplatz in der Endabrechnung. Kapitän Pascal Hens vom deutschen Meister HSV Hamburg traf einmal, Vereinskollege Michael Kraus wurde geschont.

Nach dem Ende der Ära Brand richtet sich nun der Fokus auf die Nachfolgersuche, obwohl diese wohl bereits abgeschlossen ist. Martin Heuberger steht bereit, das Landsratsamt, für das er früher im Umweltschutz tätig war, gibt ihn für weitere drei Jahre frei. "Bereit wäre ich schon, sonst hätte es die Gespräche nicht gegeben. Es war wichtig, dass ich von meinem Amt freigestellt wurde. Ich bin versessen auf Handball, genau wie Heiner", sagte der 47-Jährige. Sind die Vertragsdetails geklärt, kommt auf Heuberger ein Fulltime-Job zu.

Was sein Vorgänger, der sich als Manager des Deutschen Handball-Bundes künftig vor allem um die Nachwuchsförderung kümmern will, mit der gewonnenen Freizeit anfängt, ist seit Sonntag auch geklärt: "Meine Spieler haben mir zum Abschied ein Rennrad geschenkt. Ich habe es aber noch nicht, es muss ja erst an mich und meine Hüften angepasst werden." Wann immer also einer auf einem nagelneuen Rennrad durch Gummersbach kurvt - es könnte Heiner Brand sein.

Vier weitere HSV-Profis qualifizierten sich als Gruppenerste für die EM. Domagoj Duvnjak überragte mit acht Toren beim kroatischen 34:26-Sieg über Litauen. Marcin und Krzysztof Lijewski siegten mit Polen 30:22 über Portugal, Hans Lindberg mit Dänemark 34:29 gegen die Schweiz.