Boxen: Wladimir Klitschko kämpft Sonnabend

Der unheimliche Mister Chisora will den Gürtel

Foto: Bongarts/Getty Images / Getty Images

Dereck Chisora, am Sonnabend nächster Herausforderer von Schwergewichts-Boxweltmeister Wladimir Klitschko, gibt Rätsel auf.

Hamburg. Es gibt viele Menschen, die aus Dereck Chisora nicht schlau werden. Auch gestern, auf der offiziellen Pressekonferenz für sein Duell mit Schwergewichts-Doppelweltmeister Wladimir Klitschko am Sonnabend (22.45 Uhr/RTL) in der Mannheimer SAP-Arena, gab sich der britische Boxprofi seltsam zwiespältig. Zunächst ließ er die branchenüblichen Sticheleien des Titelverteidigers fast regungslos über sich ergehen, dann holte er plötzlich doch zum verbalen Gegenschlag aus und verhöhnte Klitschkos Freundin wegen ihrer geringen Körpergröße.

Es ist indes nicht das erste Mal, dass Chisora Rätsel aufgibt. Der 26-Jährige, geboren in Simbabwe, aufgewachsen in London, hat Schlimmeres zu bieten als verbale Entgleisungen. Im Mai 2009 biss er seinem Landsmann Paul Butlin während eines Kampfes ins Gesicht und wurde dafür von der britischen Boxkommission für vier Monate aus dem Verkehr gezogen. War diese Attacke "nur" aus sportlichen Fair-Play-Gesichtspunkten verwerflich, leistete sich Chisora ein Jahr später sogar ein strafrechtlich relevantes Vergehen. Weil er auf ihrem Handy SMS von einem Nebenbuhler gefunden hatte, soll er seiner Freundin mit der flachen Hand den Hintern versohlt haben. Am 10. November wurde er zu drei Monaten Haftstrafe auf Bewährung und 150 Stunden Sozialarbeit verurteilt. "Für mich ist Chisora ein schrecklicher Mensch. Ein Profiboxer, der seine Frau schlägt, ist eine Schande und ein echter Verlierer", kommentierte Wladimir Klitschko die Eskapade.

Als Verlierer, da sind die britischen Boxexperten sicher, wird Chisora sich in Mannheim allerdings nicht präsentieren. "Er wird mit vollem Risiko nach vorn marschieren", glaubt der frühere Cruisergewichtschampion Jonny Nelson, der als Kommentator für den live übertragenden Sender Sky arbeitet. Chisoras Vorteil sei, dass er Denkstrukturen wie ein Kind habe und deshalb angstfrei in das Duell gehen werde. Nicht einmal eine Stunde hatte der 187 cm große Athlet benötigt, um die Offerte des Klitschko-Managements zu akzeptieren, obwohl sein Promoter Frank Warren angesichts von Chisoras mangelnder Erfahrung aus erst 14 Profikämpfen zum Warten geraten hatte.

Chisora, der sich nach einem Charakter aus der Fernsehserie "Only fools and horses" Del Boy nennt, ist ein beweglicher und unberechenbarer Kämpfer, der allerdings bei einer K.-o.-Quote von 64 Prozent einen Glückstreffer benötigt, um den Weltmeister auszuknocken. Seine Deckung ist lückenhaft, vor allem aber sind seine Nehmerfähigkeiten noch ungetestet. "Er wird sehr mutig boxen, aber er hat noch nicht annähernd einen Gegner vom Kaliber Klitschko im Ring gehabt. Deshalb wird der Kampf in England auch mit Spannung erwartet", sagt der renommierte Boxjournalist Graham Maclean.

Chisora ist in England kein großer Star, vor allem auch deshalb, weil er als Mensch nicht greifbar ist. Die von ihm selbst verbreitete Geschichte, er stamme aus reichem Elternhaus und nenne 45 Luxusautos sein Eigen, halten die Sky-Reporter für blanken Unsinn. Er erzähle viele Dinge, die einer Überprüfung nicht standhielten. Sogar um die korrekte Schreibweise seines Vornamens macht Chisora ein Geheimnis. Auf der Homepage seines Promoters firmiert er als "Derek", das Klitschko-Management bat er, auf den Plakaten "Dereck" geschrieben zu werden. Nachfragen zu diesen Dingen waren nicht möglich. Einen Abendblatt-Besuch im Trainingslager in den schottischen Highlands lehnte Chisora ebenso ab wie ein telefonisches Interview.

Eins ist klar: Wenn sich der Brite am Sonnabend ebenso unberechenbar präsentiert, dann hat Wladimir Klitschko ein kniffliges Rätsel zu lösen.