Boxen

Prügel für den Jungen aus Finkenwerder

Boxprofi Mahir Oral vergibt auch seine zweite WM-Chance. Gegen Sebastian Sylvester war der Hamburger in Rostock über zwölf Runden chancenlos.

Rostock. Der Blick ging ins Leere. Immer wieder schloss er die Lider, so als habe er die Hoffnung, beim nächsten Augenaufschlag aus seinem Albtraum zu erwachen. Als um ihn herum jeder von einem "tollen Kampf" sprach, da hätte sich Mahir Oral wohl am liebsten an einen ganz anderen Ort gewünscht. Aber nun saß er da, auf diesem Stuhl im Pressekonferenzraum der Rostocker Stadthalle, und musste versuchen, seine Enttäuschung in Worte zu kleiden. Ein türkischer Journalist fragte tatsächlich nach einem Rematch, und selbst seine ironische Antwort, er sei sofort bereit für weitere zwölf Runden, man solle doch die Zuschauer zurückholen, und dann könne es losgehen, konnte er nicht mit einem Lächeln untermalen. Oral war die Niedergeschlagenheit in Person - auch wenn er nicht niedergeschlagen worden war.

Es war jedoch eine Prügelstrafe gewesen, in die sich der Traum des tapferen Jungen aus Finkenwerder verwandelt hatte. Zweimal 117:107 und 119:106, das waren die Wertungen der Punktrichter, die in aller Brutalität deutlich machten, wie überlegen Sebastian Sylvester seinem Hamburger Kontrahenten gewesen war. 4000 Zuschauer in der ausverkauften Halle und 4,62 Millionen bei der ARD wurden Zeuge, wie Orals Traum vom WM-Titel zum zweiten Mal zerplatzte. Doch während seine erste WM-Niederlage im Juni 2009 gegen Arthur Abraham noch erwartbar gewesen war, saß die Enttäuschung diesmal umso tiefer. In dieser Deutlichkeit hatte kaum ein Experte den IBF-Weltmeister im Mittelgewicht vor dem Kampf vorn gesehen. Doch weil Sylvester, wenn man seinem Promoter Kalle Sauerland glauben darf, die beste Leistung seiner Karriere ablieferte, entwickelte sich ein ungleiches Duell, das eigentlich in der vierten Runde entschieden war.

Nach ausgeglichenem Beginn hatte Oral sich eingangs jener Runde einen rechten Haken zur Schläfe abgeholt, der ihn gehörig ins Wanken brachte. Gute zwei Minuten stand er im Schlaghagel des Champions, und allein, dass er diesen überstand, nötigte Respekt ab. "Ich ziehe meinen Hut vor Mahir. Wer solche Treffer wegsteckt, der ist ein großer Kämpfer", lobte Sylvesters Trainer Karsten Röwer.

Oral, der nach Runde vier zunächst in die neutrale Ecke gewankt war, erholte sich zwar noch einmal, wurde aber nach wiederholten schweren Körpertreffern in den Runden acht, neun und elf angezählt und war nicht mehr in der Lage, seinen ebenfalls 30 Jahre alten Kontrahenten zu gefährden. "Die vielen Körpertreffer haben mich zermürbt", sagte er später. Viel schlimmer als die körperlichen Schmerzen war jedoch die seelische Pein, die ihm die erneute Schlappe bereitete. "Ich bin unglaublich enttäuscht, dass ich es wieder nicht geschafft habe", sagte er. Noch im Ring weinte er an der Schulter seines Bruders Denis, während in seiner Ecke sein Freund, der Star-Regisseur Fatih Akin, konsterniert um Fassung rang.

Beim Sauerland-Stall, der Oral für insgesamt drei Kämpfe unter Vertrag genommen hatte, ist man trotz der Lehrstunde festen Willens, dem in Finkenwerder geborenen Deutsch-Türken auch die weiteren beiden vereinbarten Chancen zu geben. "Heute haben wir gesehen, warum man Mahir den Löwen nennt", sagte Kalle Sauerland. Zwar sah Oral in dem Moment eher aus wie einer, dem man gerade die Entlassung mitgeteilt hatte, dennoch freute er sich über das Vertrauen seines neuen Promoters. "Wenn man mir weitere Chancen anbietet, werde ich zugreifen. Ich bin eben ein Kämpfer", sagte er, ehe er in Begleitung von Ehefrau Ferda, Mutter Nuray und Bruder Denis direkt nach Hamburg zurückreiste, wo er sich nun ein paar Wochen erholen möchte.

Erholung plant auch Sylvester, allerdings war der Greifswalder im Gegensatz zu Oral in bester Urlaubsstimmung. Sein beeindruckender Auftritt, geprägt von nie da gewesener Variabilität und enormer Selbstsicherheit, ließ ihn vor Selbstbewusstsein nur so sprudeln. Tiefe Cuts über den Augen, erlitten in Runde zwei und sieben, tupfte sein Trainer immer wieder mit einem Taschentuch trocken, was den Weltmeister jedoch nicht daran hinderte, in lockerer Pose über seine nächsten Pläne zu plaudern.

Natürlich wolle er auch die USA erobern, "dann machen wir eben dort die Leute kaputt". Oberstes Ziel bleibt jedoch der Rückkampf mit WBA-Superchampion Felix Sturm, dem er im November 2008 nach Punkten ebenso deutlich unterlegen war wie Oral ihm. "Ich bin sicher, dass Sebastian einen völlig anderen Kampf liefern würde", sagte Kalle Sauerland, "bis Ende 2011 wollen wir dieses Rematch realisieren." Zunächst steht jedoch bis März 2011 die Pflichtverteidigung an. Gegner ist der Australier Daniel Geale, der am Sonntagabend in Sydney den Russen Roman Karmazin in Runde zwölf ausknockte.