Der Bullenstall gibt Vettel freie Fahrt

Beim Treffen der Formel-1-WM-Kandidaten in Südkorea zeigt Red Bull Gelassenheit

Hamburg/Yeongam. Sebastian Vettel hatte an alles gedacht. Hatte seine Wasserflasche mitgenommen und über dem frischen Asphalt ausgekippt, um zu testen, wie rutschig die Strecke in Yeongam bei Regen werden kann. Hatte seine Digitalkamera eingepackt, um Details der Piste fotografieren und auswerten zu können. War mit federnden Schritten über die Zielgerade gelaufen, um die Verhältnisse bei trockenem Wetter einschätzen zu können. Doch dann entdeckte er, dass die größte Gefahr nicht auf, sondern neben der Strecke lauert: Ein sieben Zentimeter langer Nagel ragte aus dem Gras neben der in allerletzter Sekunde fertiggestellten Formel-1-Strecke.

Wobei: Fertig ist in Anbetracht der weiterhin munter hämmernden und schraubenden Soldaten vielleicht der falsche Begriff. Selbst am Tag vor dem ersten Training, beim Fototermin mit den fünf WM-Kandidaten, war die neue Piste eine Baustelle. "Ich bin positiv überrascht, wie fertig die Strecke schon aussieht", erklärte Sauber-Pilot Nick Heidfeld vielsagend, nachdem er das 220 Millionen Euro teure Provisorium inspiziert hatte. Force-India-Fahrer Adrian Sutil fand den 5621 Meter langen Parcours "auf den ersten Blick sehr interessant".

Heidfeld und Sutil gehören zu jenen Fahrern, die sich einigermaßen entspannt auf ein Wochenende im Formel-1-Abenteuerland freuen können. Für ihren Landsmann Sebastian Vettel hingegen geht es um die Weltmeisterschaft. Beim Showdown der fünf Titelanwärter wirkte der 23-jährige Deutsche neben seinem Red-Bull-Teamgefährten Mark Webber (Australien), Ferrari-Pilot Fernando Alonso (Spanien) und dem schon etwas abgeschlagenen britischen McLaren-Duo Lewis Hamilton und Jenson Button noch am wenigsten gelangweilt.

Vor dem drittletzten Rennen der Saison hat Vettel 14 Zähler Rückstand, punktgleich mit Alonso. "Meine Ausgangslage war schon schlechter. Wir haben eine gute Position. Nun müssen wir etwas daraus machen." Mit "Wir" meint Vettel sich und Webber; gemeinsam soll das Duo in Südkorea das erste große Saisonziel von Teambesitzer Dietrich Mateschitz greifbar machen: den Titel in der Konstrukteurswertung.

Der Österreicher findet, dass "beide letztlich auch für das Team und um die Konstrukteursmeisterschaft fahren. Sollten wir die Fahrerwertung gewinnen, freuen wir uns nicht nur mit beiden gleichermaßen mit, sondern beide würden es sich auch gleichermaßen verdient haben." Derzeit liegt Red Bull mit 45 Punkten vor McLaren, ein Doppelsieg von Webber und Vettel wäre die Vorentscheidung.

Mit dieser Konstellation könnte wohl auch Vettel gut leben, solange er oben auf dem Podium steht. Er ist für den Titelgewinn nicht auf fremde Hilfe angewiesen, da jeder Grand-Prix-Sieger 25 Punkte bekommt und der Zweite jeweils 18. Webber muss also noch mindestens einmal vor Vettel landen, um vorn zu bleiben. Aus dieser teaminternen Rivalität zieht die Formel 1 im Saisonfinale ihre Brisanz - zumal es allem Anschein nach einen Weltmeister geben wird, der sich den Titel sportlich verdient hat. "Von unserer Seite wird es keine Teamorder geben. Es soll und wird derjenige gewinnen, der weniger Fehler macht und der Schnellere ist", sagte Mateschitz, der den Deutschen leicht im Vorteil sieht: "Sebastian scheint vom Speed her die Nasenspitze knapp vorn zu haben." Freie Fahrt für Vettel?

Sein Teamchef Christian Horner indes warnt vor Alonso als lachendem Dritten. "Wir müssen mit taktischen Blockaden rechnen", sagte der Brite mit Blick auf die klare Hierarchie bei Ferrari. Felipe Massas einzig verbliebene Aufgabe als abgehängter WM-Siebter besteht darin, seinem Teamkollegen zum Titel zu verhelfen. Wie das funktioniert, zeigte der deutsche Grand Prix am Hockenheimring. Dort bremste Massa für den späteren Sieger Alonso. "Unsere Philosophie", verspricht Horner, "ist eine andere."