"Shoya hätte es so gewollt"

Schuld oder Schicksal: Wie die Motorradwelt den Todessturz des Japaners Tomizawa verarbeitet

Hamburg. Am Tag danach würde Sandro Cortese gern über das Rennen reden. Er hat den fünften Platz belegt am Sonntag in Misano, der Große Preis von San Marino war eines der besseren Rennen in seiner sechsten Saison in der Motorradweltmeisterschaft der Klasse bis 125 cm³ und wäre wohl noch besser gewesen, hätte nicht "viel an Topspeed gefehlt". Gern würde er auch erzählen, dass er sich noch viele Podiumsplätze vorgenommen hat in den verbleibenden sechs Rennen. Denn es geht ja immer weiter. "Ich bin mir sicher, Shoya hätte es so gewollt."

Shoya Tomizawa hat seine Passion am Sonntag mit dem Leben bezahlt. Im Rennen der Moto2-Klasse war der 19 Jahre alte Japaner zu Tode gestürzt. Die internationalen Statistiken führen ihn jetzt als 46. Todesfall der WM-Geschichte seit 1949. Der Name Peter Lenz taucht darin nicht einmal auf. Der 13-Jährige war eine Woche zuvor beim Warm-up im Rahmenprogramm des US-Grand-Prix in Indianapolis von einem Zwölfjährigen überfahren und tödlich getroffen worden.

"Diese Unfälle haben bewusst gemacht, dass Motorradfahren ein gefährlicher Sport ist", sagt Cortese mit brüchiger Stimme. Ihn deshalb aufzugeben aber ist für den 20 Jahre alten Berkheimer undenkbar: "Ein Polizist, dessen Kollege erschossen wird, wechselt deshalb auch nicht den Beruf." Die jüngsten Todesfälle, darauf hat sich die Fachwelt schnell verständigt, wären auch durch noch so große Sicherheitsvorkehrungen nicht zu verhindern gewesen. Das unterscheidet sie vom Unglück Daijiro Katos, der 2003 bei seinem Heimrennen in Japan an einer Betonmauer zerschellte, die nur einen Meter neben der Rennstrecke aufragte.

Seither hatte der WM-Zirkus sich und seine Anhänger im Glauben gelassen, ein kalkulierbares Risiko zu sein. Die Fahrer tragen Protektoren und mit Kohlefaser verstärkte Lederkombis, beim Aufprall werden Hals und Kopf zudem von Airbags geschützt. Und doch lebt der Motorradsport noch immer von seiner extremen Geschwindigkeit. Von dem Nervenkitzel, den spektakulären Überholmanövern, dem Risiko. Letztlich fährt auch der Tod auf dem Sozius mit. Die Profis wissen um die Gefahr, der sie sich aussetzen.

Dennoch - solch tragisches Erlebnis wie der tödliche Unfall Tomizawas kann sich massiv auf die Psyche auswirken. Besonders bei einer direkten Beteiligung, wie sie in Misano gegeben war. Die Piloten Alex de Angelis und Scott Redding konnten dem gestürzten Japaner nicht mehr ausweichen, überrollten ihn. "Das war der schlimmste Sturz meiner Karriere", sagte ein schockierter de Angelis später. Er sei in Gedanken bei Tomizawas Familie und allen, die ihm nahegestanden hätten.

In der Psychologie wird hier von einem "kritischen Lebensereignis" gesprochen. Der Umgang damit sei zwar individuell verschieden, sagt Professor Dr. Manfred Wegner, Direktor am Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Kiel. "In der Regel lassen sich aber bei der Ursachenzuschreibung zwei Typen festmachen: Der eine lädt die Teilschuld auf sich, was die Verarbeitung erschweren kann", so Wegner. Der andere akzeptiere den Unfall als unabänderliches Schicksal. "Wichtig ist es, möglichst realistisch mit der Situation umzugehen."

Eine psychologische Begleitung sei in jedem Fall erforderlich. "Wir wissen, dass sich solche Erfahrungen nicht verdrängen lassen, sondern unterbewusst festsetzen. Eine Reaktion findet häufig erst wesentlich später statt. Teilweise mit Folgen, die gar nicht immer direkt auf das traumatisierende Ereignis bezogen sind", sagt der Sportpsychologe. Die Karriere sei nach schweren Stürzen nicht zwangsläufig beeinträchtigt. "Allerdings sollte dem Sportler eine gewisse Rekonvaleszenz zugestanden werden."

Sandro Cortese wird sich in einer Woche nach Aragón zum nächsten Grand Prix aufmachen. Den Tod des Kollegen will er nicht einfach verdrängen, es wäre ohnehin zwecklos. Er habe das Thema mit seiner Familie und seinem Team erörtert und werde auch in den kommenden Tagen noch mit Vertrauten darüber sprechen. "Shoya und ich kamen sehr gut miteinander aus", sagt er, "er war ein lustiger Typ und ein toller Rennfahrer." Den Motorradsport dürfe man wegen des tragischen Unfalls nicht generell infrage stellen: "Beim Fußball fallen auch Leute um und sterben."