Weggeschwommen

Deutsche Frauenstaffel wird in Budapest überraschend Europameister. Weltmeister Paul Biedermann Zweiter über 400 Meter Freistil

Budapest. Für Doppel-Weltmeister Paul Biedermann ist der Traum vom erneuten Double mit Silber über 400 Meter Freistil gleich zum Auftakt der Beckenwettbewerbe der Schwimm-Europameisterschaft in Budapest geplatzt. Dafür sorgten die neuen Golden Girls der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel auch ohne die zweimalige Olympiasiegerin Britta Steffen für den ersten Titel. Die Männerstaffel belegte mit Biedermann, Stefan Herbst und den beiden Hamburgern Steffen und Markus Deibler in neuer deutscher Rekordzeit Platz fünf. Es war die erste deutsche Bestmarke nach dem Verbot der Hightech-Anzüge zu Beginn dieses Jahres.

Die "fantastischen Vier" waren derweil außer Rand und Band. "Das ist sensationell, das ist ein Hammer, einfach unglaublich. Ohne Britta hatten wir Sorgen, aber nach dem Vorlauf haben wir uns schon etwas ausgerechnet", jubelte Daniela Schreiber, die das Quartett des Deutschen Schwimm-Verbandes auf den letzten zwei 50-Meter-Bahnen zum Sieg gekrault hatte. Sie war beim letzten Wechsel als Viertplatzierte ins Wasser gesprungen. In 3:37,72 Minuten schlugen am Ende Daniela Samulski (Essen), die erst 16 Jahre alte Silke Lippok (Pforzheim), Lisa Vitting (Essen) und Schreiber (Halle/Saale) vor Großbritannien und Schweden an.

"Zuerst kam nur eine Wand aus Schwimmerinnen auf mich zu, dann hab ich alles rausgeballert", sprudelte es aus Schreiber heraus, "ich weiß auch nicht, woher ich auf den letzten Metern die Kraft genommen habe. Plötzlich war niemand neben mir, das war ein geiles Gefühl." Am lautesten aber sang später Lippok die deutsche Hymne bei der Siegerehrung. Im Vorlauf hatte sie das Team bereits von Platz sechs auf eins geführt und souverän die anschließenden Interviews absolviert. "Ich bin jung und mache mir nicht so den Druck", sagte die Pforzheimerin und blinzelte lächelnd in die Budapester Sonne. Vergangenen Monat war die Schülerin in Helsinki fünfmalige Junioren-Europameisterin geworden. "Ehrlich gesagt, merke ich hier keinen großen Unterschied zu Helsinki", sagte Lippok, deren Sache Understatement ohnehin nicht ist. "Ich bin nach Budapest gekommen, um Medaillen zu gewinnen." Bundestrainer Dirk Lange gefällt dieses Selbstbewusstsein. "Silke kann eine ganz Große werden", sagt der Hamburger.

Der besiegte Biedermann erhielt unterdessen einen Kuss von Freundin Britta Steffen. Den Trost konnte Deutschlands Sportler des Jahres 2009 gut gebrauchen. In 3:46,30 Minuten musste sich Biedermann um 13 Hundertstelsekunden dem 18 Jahre alten französischen Shootingstar Yannick Agnel geschlagen geben. Biedermann zeigte nach dem Rennen Größe, gratulierte Agnel direkt nach dem Anschlag und gab sich als fairer Verlierer. "Yannick hat verdient gewonnen, er hat die ganze Zeit geführt", sagte der 24-Jährige aus Halle/Saale - und übte auch Selbstkritik: "Ich bin die ersten Bahnen zu langsam angegangen und habe zu spät angezogen. Das wird mir eine Lehre sein."

Unter den Augen seiner Freundin, die mit seiner Familie auf der Tribüne die Daumen drückte, holte Biedermann auf den letzten 150 Metern zwar Armzug um Armzug auf, kam aber nicht mehr an Agnel vorbei. Clemens Rapp aus Bad Saulgau, der lange Zeit auf Platz drei gelegen hatte, wurde Siebter.

"Die 400 Meter sind in diesem Jahr nicht so mein Ding. Vielleicht sind sie mir zu lang geworden", sagte Biedermann. Damit spielte er auch auf die jetzt fehlende Materialunterstützung durch die inzwischen untersagten Anzüge an. Sie gaben den Schwimmern im Wasser nicht nur Auftrieb, sie wirkten dadurch zudem kraftsparend. "Paul war den ganzen Tag sehr konzentriert, da habe ich ihn in Ruhe gelassen. Er wusste um Yannicks Stärke", sagte Steffen nach dem Rennen. Vor vier Jahren hatte sie an gleicher Stätte viermal Gold gewonnen und drei Weltrekorde geschwommen. Wegen gesundheitlicher Probleme beschränkt sich diesmal ihre Rolle in Budapest als Fachfrau für die ARD.

Biedermann will sich nun auf die 200 Meter Freistil konzentrieren und dort am Mittwoch seinen Titel verteidigen. Über seine zweite Weltrekordstrecke geht Biedermann als Favorit an den Start. Agnel tritt nicht an.