Laufsport

Arne Gabius läuft ohne Hilfe in die Weltspitze

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Achim Leoni

Der aus Hamburg stammende Langstreckler Arne Gabius muss auf Trainer und Sportförderung verzichten - und verblüfft mit starken Zeiten.

Hamburg. Gestern Mittag war Arne Gabius wieder ein gefragter Mann. Die LAV Tübingen wurde vom Landessportverband als "Regionales Spitzensportzentrum" im Bereich Lauf ausgezeichnet, und da durfte ihr erfolgreichster Repräsentant natürlich nicht fehlen. Es sind keine leichten Zeiten, weder für Gabius noch für seinen Verein, und da tut es gut, ein wenig zusammenzurücken. Im vergangenen Sommer beendete Olympiasieger Dieter Baumann seine Trainertätigkeit für Gabius und seine anderen Tübinger Athleten. Zum Jahreswechsel hat dann auch noch die LAV den Sportartikelhersteller Asics als Hauptsponsor verloren. "Trotzdem unterstützt mich der Verein weiter", sagt Gabius, "dafür bin ich sehr dankbar."

Andererseits kann Gabius, 30, bei der Suche nach einem neuen Geldgeber durchaus mit hochwertigen Leistungen behilflich sein. Vor zwei Wochen verpasste der gebürtige Hamburger Baumanns 17 Jahre alten deutschen Hallenrekord über 3000 Meter in 7:38,13 Minuten nur um sechs Zehntelsekunden. An diesem Wochenende nun will er, wiederum in Karlsruhe, zum zweiten Mal nach 2009 deutscher Hallenmeister werden. Einer, der dieses Projekt gefährden könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. "Arne ist der Sprung in die Weltspitze gelungen", staunt der leitende Langstrecken-Bundestrainer Tono Kirschbaum (Witten).

Nicht nur er wurde von Gabius' Tempoverschärfung überrascht. Die Deutsche Sporthilfe stellte ihre Förderung im vergangenen Jahr mangels Perspektive ein. Einen Ausrüster hat Gabius auch nicht. Vom Deutschen Leichtathletik-Verband hat er als B-Kader-Athlet lediglich Anspruch auf 300 Euro Zuschuss zur Finanzierung eines Trainingslagers. "Arne hat die geforderten Zeiten und Normen im vergangenen Jahr nun einmal nicht erreicht", sagt Kirschbaum entschuldigend. Den Grund glaubt Gabius zu kennen: "Ich habe mein Leben voll auf mein Medizinstudium und das praktische Jahr ausgerichtet. Diesen Abschluss zu schaffen war immer mein Traum." Er habe zwar weiterhin seine 160 Trainingskilometer pro Woche heruntergespult. Nur zur Erholung blieb keine Zeit. Nun, da er alle ärztlichen Prüfungen hinter sich gebracht habe, könne er sich zeitlich voll auf den Sport konzentrieren. Mit der Gewissheit, nach der Sportkarriere eine Perspektive zu haben, laufe es sich obendrein lockerer.

Wahr ist aber auch, dass Gabius nach der Trennung von Baumann zur Selbsthilfe gegriffen und sein Training eigenmächtig umgestellt hat. Er habe viel Fachliteratur gewälzt und englischsprachige Zeitungen studiert. Am Ende entstand ein Plan, den Gabius auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Die Geschwindigkeit seiner Dauerläufe hat er deutlich gesteigert. Je nach Länge - zwischen acht und 21 Kilometern - benötige er 40 bis 60 Sekunden weniger als früher. Zudem baute er gymnastische Übungen und Hürdenläufe in sein Programm ein, um den Laufstil ökonomischer und geschmeidiger zu machen.

"Die Sprinter haben mich ausgelacht, als ich die Hürden aufgestellt habe", sagt Gabius. Inzwischen lacht keiner mehr. Einen vergleichbaren Leistungsschub hatte Gabius zuletzt nach seinem Wechsel von der LAV Hamburg-Nord nach Tübingen 2005 erlebt. Seither aber stagnierte seine Entwicklung trotz des hohen Aufwands. Umsonst aber sei die jahrelange Plackerei nicht gewesen, glaubt Gabius: "Ohne die Grundlagenarbeit von Dieter Baumann wäre die Steigerung jetzt nicht möglich gewesen." Zu seinem Förderer und Nachbarn pflege er immer noch ein sehr gutes Verhältnis, man verabrede sich regelmäßig zum Laufen.

Baumann ist auch nach seiner Trainerzeit weiter ein Orientierungspunkt für Gabius geblieben: "Als er 1995 seinen Rekord aufstellte, ließ er auch in der folgenden Freiluftsaison Bestzeiten folgen. Darauf hoffe ich jetzt auch." Auch Kirschbaum hat bereits hochgerechnet, dass Gabius die Olympianorm über 5000 Meter von 13:18 Minuten schaffen sollte: "Mit einer 7:38 in der Halle müsste es in die Region um 13:10 gehen." 2008 verfehlte Gabius die Vorgabe trotz persönlicher Bestzeit von 13:26,69 noch um rund fünf Sekunden.

In zwei Wochen hofft Gabius als Zehnter der Weltjahresbestenliste auch bei der Hallen-WM in Istanbul vorn mitlaufen zu können. Anschließend geht es wieder für drei Wochen ins Trainingslager in Kenia. Immerhin: Der baden-württembergische Verband signalisierte gestern, diese Maßnahme finanziell zu fördern. Es würde auch Gabius' Eltern in Hamburg entlasten, die ihm bis zum nächsten Jahr Unterstützung zugesichert haben.

Denn ans Aufhören denkt Gabius trotz der Widrigkeiten noch lange nicht. "Ich will nicht in der Form meines Lebens abtreten. Mit 30 geht das Langstreckenlaufen doch erst richtig los."