Hockey: Interview mit Bundestrainer

Markus Weise: "Nicht mit offenem Mund duschen"

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Der Trainer der deutschen Hockey-Herren, Markus Weise, spricht vor dem WM-Turnier in Indien über Chancen und Probleme seines Teams.

Hamburg. Heute um 13.30 Uhr startet für die deutschen Hockeyherren das Unternehmen Titelverteidigung mit dem Abflug von Frankfurt am Main nach Neu Delhi (Indien), wo am Sonntag die WM beginnt. Bundestrainer Markus Weise über Erwartungen, Titelfavoriten und Sicherheitsvorkehrungen.

Abendblatt: Herr Weise, wenn man wie Sie mit den deutschen Damen und Herren Olympiagold geholt hat, welchen Stellenwert hat dann noch eine WM?

Markus Weise: Einen hohen, ähnlich dem, den Olympia hat. Immerhin habe ich als verantwortlicher Trainer noch keinen WM-Titel gewonnen. Ich hatte allerdings auch erst eine Chance.

Abendblatt: Welche Chancen auf den Titelgewinn rechnen Sie diesmal Ihrem jungen Team zu?

Weise: Wir sind im internationalen Vergleich eine der unerfahrensten Mannschaften, was daran liegt, dass in Deutschland Hockeyspieler auf ihrem Zenit die Karriere beenden, weil sie mit dem Studium fertig sind und ins Berufsleben einsteigen. Ich gehe allerdings grundsätzlich nicht mit Erwartungen in ein Turnier, sondern mit Zielen. Wir wollen erreichen, dass das Team als Gruppe funktioniert und das umsetzt, wozu es in der Lage ist. Dann ist das Halbfinale möglich.

Abendblatt: Welche Baustellen müssen Sie bis zum Auftaktspiel am 1. März gegen Südkorea noch schließen?

Weise: Nachholbedarf haben wir vor allem im generellen und individuellen Abwehrverhalten. Die Testspiele und auch die Partien bei der Champions Trophy im Dezember in Australien haben gezeigt, dass wir im Schnitt drei Gegentore pro Spiel bekommen. Eine stabile Abwehr ist der Garant für Erfolg, da müssen wir also hart arbeiten. Grundsätzlich gilt auch, dass wir zu schwankend sind und Konstanz ins Spiel bringen müssen.

Abendblatt: Wer sind auf dem Weg ins Halbfinale die ärgsten Konkurrenten in Gruppe A mit Korea, Argentinien, Kanada, Neuseeland und den Niederlanden?

Weise: Bis auf die Kanadier, die etwas abfallen, können alle Teams das Halbfinale erreichen. Die Niederlande und Südkorea sind wohl die härtesten Rivalen.

Abendblatt: Und wer ist, neben Ihrem Team, Ihr Titelfavorit?

Weise: Ich glaube, dass Australien der Topfavorit ist. Aber da auch die Teams aus der zweiten Reihe unheimlich aufgeholt haben, werden wir eine starke, sehr ausgeglichene WM erleben.

Abendblatt: Es wird in diesen Tagen viel über die Sicherheitsproblematik in Indien geredet, nachdem es dort jüngst mehrere Anschläge gegeben hat. Wie stark belastet Sie das?

Weise: Eigentlich nicht besonders. Natürlich haben die Nachrichten mich aufhorchen lassen. Aber Böses kann einem überall auf der Welt zustoßen. Ich war Ende November in Indien und habe mir ein eigenes Bild gemacht. Wir wohnen dort im Teamhotel im Regierungsviertel, das sehr gut bewacht ist. Wenn man sich an die Anweisungen hält, dürfte man sicher sein.

Abendblatt: Wie bereiten Sie die Spieler auf die Lage vor?

Weise: Wir haben bei unserem letzten Lehrgang eindringlich über alles geredet und werden vor Ort von einem Botschaftsmitglied eine Einführung in Land und Leute erhalten. Die Jungs wissen, dass sie das Hotel nie allein verlassen dürfen. Es wird das Hauptproblem sein, die Zeit zwischen den Spielen sinnvoll herumzukriegen.

Abendblatt: Ein weiteres Problem ist die Ernährung. Die indische Kost sorgt bei Europäern oft für Magen-Darm-Probleme. Was tun Sie im Vorfeld, um das in den Griff zu bekommen?

Weise: Es ist ja nicht nur die Nahrung. Schon beim Umgang mit Trinkwasser muss man extrem vorsichtig sein. Die Jungs dürfen deshalb beispielsweise nicht mit offenem Mund duschen. Bei der Ernährung gilt: Keine Experimente, nichts an irgendwelchen Straßenküchen probieren. Einen eigenen Koch können wir uns leider nicht leisten, aber wir haben Vertrauen in das Hotelessen. Magen-Darm-Erkrankungen sind viel übler als grippale Infekte, weil sie den Körper mehr schwächen. Mit drei, vier kranken Spielern hat man keine Chance mehr. Deshalb gehen wir da mit größter Vorsicht ran.

Abendblatt: Könnte auch das Klima eine Rolle in der Vergabe des Titels spielen? Sind asiatische Teams da im Vorteil?

Weise: Nein, das spielt keine große Rolle. Wir reisen extra eine Woche früher an, um uns zu akklimatisieren. Alle Teams sind konditionell so gut ausgebildet, dass sie mit dem Klima klarkommen. In Indien ist es zu dieser Zeit auch nicht so feucht wie beispielsweise in Malaysia. Aber auch dort haben das A-Team 2002 und die U 21 im vergangenen Jahr die WM gewonnen.