Ein Spieltag mit Guido Schröter

St. Paulis Comic-Helden feiern Jubiläum!

Foto: Julian König / HA / Julian König / HA/Julian König

Die Comics über die Spieler und Fans des FC St. Pauli von Guido Schröter kennt fast jeder. Wir haben ihn einen Spieltag lang begleitet.

Hamburg. In einer Dreierreihe fahren Guido Schröter, seine Freundin Kerstin und Kumpel „Paddel“ mit ihren Fahrrädern die Bornstraße hinauf in Richtung Abaton Kino. „Wir müssen uns beeilen, wir sind spät dran“, ermahnt Schröter seinen Begleitzug. Es ist kurz nach 12 Uhr mittags, und in eineinhalb Stunden spielt der FC St. Pauli gegen Union Berlin am heimischen Millerntor.

Ein Pflichttermin für den Comic-Zeichner Schröter und seine „Fahrradgang“. Seit 20 Jahren geht er nun zu den Spielen von St. Pauli und hat seit seiner ersten Begegnung am 11. März 1989 „maximal zehn Heimspiele verpasst“, wie er versichert. Ein paar Kumpels aus Bergedorf, wo er aufwuchs, nahmen ihn mit gegen den Karlsruher SC. Das Spiel war nicht gut, St. Pauli gewann durch ein Tor von Dirk Zander mit 1:0.

Schröter aber war angefixt von diesem doch etwas anderen Bundesligisten. Ihm gefiel die Atmosphäre im Stadion. Die nicht aggressive Stimmung der Fans mit ihren originellen Gesängen, wie er erzählt. Damals wie heute stand er auf der Gegengerade, lernte über einen gemeinsamen Freund „Paddel“ kennen. Auch Kerstin hat dort ihren Platz. Ein paar Meter weiter steht sie mit ihrer Clique.

Über die Karolinenstraße gelangen sie zu ihrem Zwischenstopp auf dem Weg zum Stadion. Beim „Cafe an der Messe“ holen sich Schröter und „Paddel“ ihr erstes Bier. Für Kerstin ist es zu früh für ein Bier. Noch beim Aufsteigen aufs Rad setzen beide an. „Prost“, sagt „Paddel“. Nun aber zügig weiter, es ist ja bereits neun Minuten nach zwölf.

Veränderungen? Nicht, wenn es auch anders geht!

Seit Jahren fahren sie zusammen diese Strecke entlang am Heiligengeistfeld, vorbei an der Domschänke hin zur Gegengerade. Egal bei welchem Wetter. Schröter mag diese Art von Beständigkeit. Neuerungen lehne er aber nicht ab, sagt er.

„Paddel“ hat derweil beim Getränkestand das nächste Pils besorgt und bahnt sich mit Guido den Weg durch die bereits gut gefüllte Stehplatztribüne. Etwas versetzt vom Strafraum, die Südtribüne mit den Ultra-Fans direkt im Blick, gesellen sie sich zu einer Gruppe, die ihre Plätze frei gehalten hat. „Wir stehen eigentlich immer zusammen“, sagt „Paddel“. Mittlerweile ist es halb eins.

„Mann, sieht das scheiße aus“, sagt Schröter, als er die abgerissene Haupttribüne erblickt. Oder vielmehr die Baustelle. Gemeinsam mit „Paddel“ beginnt er darüber zu schwadronieren, wie häufig schon ein neues Stadion versprochen wurde - und nun habe man „wirklich das Gefühl, es passiert etwas und es wird auch zu Ende gebaut“, sagt „Paddel“.

In seinen Comics verarbeitet Schröter diese Versprechungen rund um die Mannschaft und das Stadion. Seinen ersten Strip über den Kiezklub zeichnete er 1989 und schickte ihn an das Fanzine „Millerntor Roar“, das ihm damals eher zufällig in die Hände fiel. Als sich das Fanzine 1993 auflöste, machte er im „Übersteiger“ weiter – bis heute.

Mitte der 1990er Jahre nahm er dann an einer Comic-Ausstellung im alten Millerntor-Hochhaus teil. Der Eichborn-Verlag wurde dort auf ihn aufmerksam. Für Schröter ein Glücksfall. 1994 kam sein erster Sammelband „Voll Drauf“ raus. Bis heute erschienen vier Bände mit seinen St. Pauli-Comics.

„Wir müssen aufsteigen!“

„Wenn wir aufsteigen, dann wird es wohl den nächsten Band geben“, sagt Schröter und zieht den Reißverschluss seiner olive-grünen Jacke zu. Darunter trägt er einen schwarzen Kapuzenpullover und ein Fan-Shirt. Seinen jährlich erscheinenden Kalender hat er bereits fertiggestellt. Aufsteigen müsse man unbedingt, ist sich die Gruppe um Schröter sicher. Allein wegen der Anstoßzeiten. An diesem Nachmittag wird der Comic-Zeichner immer wieder die Vorzüge späterer Anstoßzeiten aufzählen.

Als die Phantastix-Version des Hans-Albers-Klassikers „Das Herz von St. Pauli“ über die Stadionboxen erklingt, ist Schröter immer noch im Gespräch. „Du bist hier wohl nicht zu Hause“, beschwert sich Kumpel Steve beim 42-jährigen Schröter und fordert ihn auf: „Sing mal mit!“ Dieser schiebt seine akustische Abwesenheit auf das Alter und die frühe Uhrzeit. Kurze Zeit später spulen die Ultras auf der Südtribüne ihr Liedgut ab.

Die älteren Fans auf der Gegengerade können oftmals mit der neuen Generation wenig anfangen. Schröter sagt von sich, er habe mit dieser Art der Anfeuerung seinen „Frieden gemacht“. Er mag eben Beständigkeit, mag es, wenn die Gesänge spontan kommen. Er braucht keinen der vier Anheizer, die auf dem Zaun vor der Südtribüne stehen und die Fans über ihr Megafon anpeitschen.

Drei Tore, drei weitere Runden Bier und ein Matjes-Brötchen später ist Halbzeit. „Was für ein geiles Spiel“, analysiert Schröter bierselig. Die Helden der ersten Halbzeit werden besprochen. Schröter saugt Atmosphäre und Gesagtes auf. Er muss immer wachsam sein, neue Ideen für seine Strips suchen. „Wenn ich im Stadion bin, dann arbeite ich“, sagt er amüsiert.

Dabei zeichnet er nicht nur St. Pauli-Comics. Viele Tageszeitungen veröffentlichen Woche für Woche seine Bundesliga-Variante, sogar in animierter Form konnte man seine Figuren mit den markanten großen Nasen vor der Sportschau und später auch beim Pay-TV-Sender Premiere sehen. Für die Fußball-WM 2010 zeichnet er für den Lappan-Verlag einen Band über die Nationalmannschaft – nicht sein erster.

Nächster Halt: Domschänke

Es bleibt beim 3:0. Das Bier drückt etwas und so verpasst Schröter die Welle mit den Spielern. Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff hat sich die Truppe vor der Domschänke versammelt. Der Comic-Zeichner wartet mit sechs Flaschen Jever unter dem Arm. Es wird das letzte Bier des Tages sein. „Es sind entschieden mehr Biere als sonst bei Sonntagsspielen“, sagt er. Es waren aber auch entschieden mehr Tore.

Vor den Kneipen rund um die Clemens-Schultz-Straße stehen die Fans im Pulk. Es erinnert etwas an die Menschentrauben, die sich im Londoner Stadtteil Soho nach getaner Arbeit vor den Pubs bilden. Die Leute quatschen, umarmen sich und fast alle haben ein Getränk in der Hand. Schröter und Kerstin ziehen ein paar Straßen weiter zu ihrer Stammkneipe „Le Kaschemme“. Normalerweise schauen sie dort noch die Sonntags-Partien der ersten Liga. „Paddel“ hat sich bereits in Richtung einer Geburtstagsfeier verabschiedet.

Heute müssen sich Schröter und seine Freundin kurz fassen, denn die beiden sind ebenfalls auf einen Geburtstag eingeladen. Man hat das Gefühl, dass jeder jeden kennt. Schröter wird von einem Gespräch ins nächste gezogen. Gegen kurz nach 17 Uhr ist der Spieltag zu Ende. Kerstin und er gehen zu ihren Fahrrädern, schließen sie auf und fahren – diesmal in einer Zweierreihe – davon.

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