Tennis

Wie Agassi einer Drogensperre entging

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Jörg Allmeroth

Als André Agassi (39) vor einem Monat zu seiner großen Stiftungsnacht in die Wüste nach Las Vegas (USA) bat, kamen sie wieder einmal alle in der Spielerstadt zusammen: Hollywood-Stars, ehemalige Sportgrößen, Spitzenpolitiker und Wirtschaftskapitäne.

Hamburg. Wer vom alten Tennismeister zum "Grand Slam for Children" eingeladen wird und über sein Ticket bis zu 85 000 Dollar spenden darf, hat es in der High Society weit gebracht. Weit über 100 Millionen Dollar hat der Superstar schon für seine Schulprojekte eingesammelt. "André ist einer der größten Wohltäter in Amerika geworden", sagt Basketball-Legende Michael Jordan, ein enger Freund des Tennischampions.

Die bizarre Wahrheit ist: Dass Agassi Tausenden Kinder aus sozial schwachen Familien helfen konnte, ist auch jener großen Lüge des Jahres 1997 zu verdanken. Der Lüge, die er in seiner Autobiografie "Open" in aller Klarheit schildert. Der Lüge, die ihn jetzt ins Zwielicht gebracht hat. Als Agassi mit einer positiven Dopingprobe erwischt wurde und seine Karriere in Gefahr sah, schrieb er eilig einen Brief an die Spielerorganisation ATP und beteuerte, unabsichtlich eine mit Crystal Meth aufgepeppte Soda seines Freundes "Slim" getrunken zu haben. Er bitte um "Gnade". Im Kern stimmte kein einziges Wort des Briefes. Die Einnahme der Droge geschah vorsätzlich, es war eine Flucht aus der tristen Wirklichkeit jener Tage, eine Flucht aus Beziehungszoff und sportlicher Krise. "Lass uns high werden", sagte Agassi zu seinem Kumpel "Slim". Es war ein Spiel mit dem eigenen Leben. Crystal Meth gilt als extrem gefährliche Party-Droge, die zu Halluzinationen und Schizophrenie führen kann.

Das Drogengeständnis ist eine "Affäre Agassi". Allerdings ist es noch viel eher eine "Affäre ATP", eine skandalöse Enthüllung, wie schlampig die Spielerorganisation den Dopingkampf betrieb. Kein Wunder, dass sich Beobachter fragen, wie viele vergleichbare Fälle es noch gegeben hat.

Schon meldet die Anti-Dopingagentur Wada Klärungsbedarf an: Zwar seien nachträgliche Sanktionen gegen Agassi nicht möglich, aber die Wada erwarte eine Aufhellung der Umstände, die zu der Entscheidung in der Sache Agassi geführt hätten. Die ATP erinnerte in ihrer ersten dubiosen Reaktion auf die Enthüllungen an die Poesie eines Politbüros: Es sei die feste Regel, nur Kommentare abzugeben, "wenn auch ein Verstoß vorliegt." Im Falle Agassis habe es aber keinen Verstoß gegeben.

Beim Welttennisverband ITF zeigten sich Spitzenfunktionäre derweil "echt schockiert" - weniger über Agassis spektakuläre Beichte als über die Behandlung des Falles durch die ATP. Der ITF seien ohnehin die sogenannten unabhängigen Tribunale in der Tennis-Gerichtsbarkeit ein Dorn im Auge, schreibt die Londoner "Times" und verweist auch auf den Fall Richard Gasquet, in dem sich ein solches Gremium wieder einmal auf die Seite des Profis geschlagen habe. Gasquet war mit einer positiven Kokainprobe Ende März 2009 aufgeflogen, hatte dann eine merkwürdige Geschichte erzählt, wonach er in einer Bar in Miami ein Mädchen geküsst habe und die Kokainspuren so in sein Blut gelangt seien. Die Richter glaubten ihm gern, lobten den Franzosen für seine "Freimütigkeit". Die ITF legte wie die Wada Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof ein.

Der Fall Agassi - er führt auch zu der Frage, warum der geläuterte Provokateur die Welt jetzt mit seinen Drogenbekenntnissen aufrüttelt. Den PR-Rummel für sein Buch braucht Agassi genau wenig wie das Geld, längst hat er ausgesorgt und ist billiger Schlagzeilen-Hatz überdrüssig. "Er wollte reinen Tisch machen und seinen Seelenfrieden haben", sagt ein enger Freund. Und das habe er auch auf die Gefahr hin getan, "es sich mit Sponsoren und Industriepartnern zu verderben".

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