Verlängerung: Das Sportgespräch heute mit Hochspringer Eike Onnen

"Wer dopen will, der kann das auch - sogar in Deutschland"

ABENDBLATT: Herr Onnen, wird Osaka eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Dopingmittel?

EIKE ONNEN: Das könnte schon sein. Ich fürchte, dass sich die Leichtathletik nicht grundlegend vom Radsport unterscheidet. Die Zahl der Kontrollen nimmt zwar zu. Aber wer dopen will, der kann das auch - sogar in Deutschland.

ABENDBLATT: Heißt das, es wird keine Chancengleichheit geben?

ONNEN: Bei vielen Hochsprungkonkurrenten denke ich in der Tat, dass sie dopen. Anders kann man sich bestimmte Leistungssteigerungen nicht erklären. Stutzig werde ich auch bei einigen Osteuropäern meines Alters, die eine Zahnspange tragen. Oder bei Athleten, die man nur einmal im Jahr sieht, weil sie sonst nur in ihrer Heimat springen. Aber solange ich mithalten kann, lässt es mich nicht mit meinem Sport hadern.

ABENDBLATT: Sie haben die Latte mit 2,34 Meter sehr hoch gelegt, sind Dritter der Weltjahresbestenliste. Was erwarten Sie?

ONNEN: Wahrscheinlich nicht so viel wie andere. Für Osaka habe ich mir eine Platzierung im Endkampf, also unter den besten acht, vorgenommen. Eine Medaille ist möglich, aber ich bin international ja noch unerfahren.

ABENDBLATT: Hochspringer ragen schon durch die Körpergröße heraus. Sind sie eine eigene Spezies in der Leichtathletik?

ONNEN: Ich denke schon, dass Hochspringer etwas Besonderes sind. Alles geht familiärer, lockerer zu, nicht so verkrampft. Für die meisten von uns steht der Spaß im Vordergrund. Das hat wohl Tradition. Carlo Thränhardt und Dietmar Mögenburg waren in den 80er-Jahren ja auch ein bisschen anders drauf.

ABENDBLATT: Sie werden oft mit Thränhardt verglichen. War er ein Vorbild?

ONNEN: Wie denn, ich habe mich früher ja kaum für Leichtathletik interessiert. Der Name Thränhardt kam zum ersten Mal auf, als ich selbst annähernd in seine Gefilde gesprungen bin. Da habe ich mich gefragt: Thränhardt? Wer ist denn das?

ABENDBLATT: Sie kannten auch seinen deutschen Rekord von 2,37 Metern nicht?

ONNEN: Davon wusste ich nicht einmal, als ich neulich in Garbsen 2,39 Meter auflegen ließ. Statistiken interessieren mich nicht so. Auf die Bestenlisten schaue ich vielleicht einmal im Jahr, am Ende der Saison.

ABENDBLATT: Bedeuten Ihnen Rekorde denn gar nichts?

ONNEN: Jetzt, wo ich weiß, wie nahe ich am deutschen Rekord bin, würde ich ihn schon gern haben. Leider verkrampfe ich inzwischen ein bisschen, wenn er aufliegt. Aber 2,40 Meter traue ich mir auf jeden Fall zu.

ABENDBLATT: Würden Sie es begrüßen, wenn die offensichtlich Doping-versuchten Rekordlisten der Leichtathletik gelöscht würden?

ONNEN: Es wäre zu überlegen. Der Hochsprungweltrekord von 2,45 Meter ist im Grunde unerreichbar - Javier Sotomayor wurde ja später auch des Kokaindopings überführt. Ich bin zwar davon überzeugt, dass ein Mensch im besten Fall 2,50 Meter bewältigen kann. Aber in der Praxis werden selbst 2,40 Meter kaum noch erreicht, allenfalls in der Halle, wo die Bedingungen günstig sind.

ABENDBLATT: Sie haben viele Einladungen zu großen Meetings ausgeschlagen und sind lieber in der deutschen Provinz gestartet. Warum?

ONNEN: Weil ich bei anderen Athleten beobachte, dass sie sich durch Herumreisen verheizen und das Gefühl dafür verlieren, dass internationale Meisterschaften etwas Besonderes sind. Ich habe einige sagen hören: "Welt- oder Europameisterschaft, das ist auch nur ein weiteres Springen." Dabei ist eine WM mit das Größte, was man erreichen kann. Ich will nicht, dass es zur Routine wird. Außerdem kann ich so die deutschen Meetings stärken.

ABENDBLATT: Ist der Hochspringer Eike Onnen Ergebnis systematischer Nachwuchsförderung, oder sind Sie eher ein Zufallsprodukt?

ONNEN: Ein großer Zufall sogar. Ich habe ja erst mit 16 Jahren angefangen. Eigentlich habe ich Fußball gespielt. Dann hat mich meine Mutter gefragt, ob ich nicht einmal zum Leichtathletiktraining kommen wolle, weil da jemand in meiner Altersstufe ganz allein trainierte. Ich kann nicht behaupten, dass mich die Verbände groß gefördert hätten.

ABENDBLATT: Birgt es Konfliktpotenzial, von der eigenen Mutter trainiert zu werden?

ONNEN: Mittlerweile nicht mehr. Ich bin durch meinen Fußbruch 2004 viel erwachsener geworden. Ich hatte ja viel Zeit zum Nachdenken. Inzwischen ist mir klar geworden, dass sie am gleichen Ziel arbeitet wie ich. Seitdem läuft es sehr harmonisch ab.

ABENDBLATT: Ist Ihre Disziplin undankbar?

ONNEN: Hochsprung wird häufig unterschätzt und bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die er verdiente. Das liegt vielleicht daran, dass es in Deutschland zuletzt keine sehr guten Athleten gab. Mit einem Hochsprungwettkampf muss man sich richtig beschäftigen, damit er interessant ist. Das ist nicht so einfach, weil er sich in die Länge zieht. Trotzdem bin ich froh, dass ich mich für Hochsprung entschieden habe und nicht für Hürden oder Diskus.

ABENDBLATT: Warum?

ONNEN: Dieses Gefühl, aus eigener Kraft so hoch fliegen zu können, verbunden mit artistischen Elementen, das genieße ich jedes Mal aufs Neue.

ABENDBLATT: Die meisten Ihrer Kollegen planen ihren Anlauf wie auf dem Reißbrett. Von Ihnen heißt es, Sie würden improvisieren. Richtig?

ONNEN: Ich messe schon die Distanz von der Hochsprunganlage bis zu dem Punkt, von dem aus ich anlaufe, das sind 56 Fuß. Aber Zwischenmarkierungen, wo welcher Fuß stehen muss oder wie weit ich nach außen gehe, nehme ich nicht vor. Ich schaue mir einfach die Anlage an und gehe dann nach Gefühl, anders kann ich es gar nicht.

ABENDBLATT: Wann weiß man, ob der Sprung gelingt? Erst bei der Landung auf der Matte?

ONNEN: Häufig sieht man schon beim Anlauf, ob jemand bedingungslos drüberwill oder nicht. Ich selbst merke es spätestens zwei, drei Schritte vor dem Absprung, ob es ein guter Versuch werden kann oder nicht. Wenn der Fuß dann nicht richtig steht, dann breche ich häufig den Sprung ab, um nicht wieder eine Verletzung zu riskieren.

ABENDBLATT: Was machen Sie zwischen Ihren Sprüngen?

ONNEN: Ich schaue beim Wettkampf grundsätzlich nie zu. Gelegentlich sehe ich nach, wie hoch die Latte liegt, aber nie, wie die anderen springen. Deswegen wusste ich beim Europacup in München auch gar nicht, dass ich gewonnen hatte. Ich nehme auch die Reaktion des Publikums gar nicht richtig wahr.

ABENDBLATT: Dabei will es Ihnen doch mit rhythmischem Klatschen helfen.

ONNEN: Das registriere ich schon. Es motiviert auch ungemein. Am meisten hilft aber Musik, möglichst mit heftigem Bass. Ideal ist "For You" von den Disco Boys. Da sind zwei verschiedene Rhythmen drin: ein langsamerer mit lautem Bass, der passt zu den längeren Schritten am Anfang des Anlaufs. Der zweite Takt ist für die Phase kurz vor dem Absprung, wo eine höhere Frequenz und Dynamik gefragt sind.

ABENDBLATT: Laufen im Wettkampf Psycho-Spielchen ab?

ONNEN: Ich denke schon. Alle tun zwar so, als würden sie nur auf sich selbst achten. Aber man erkennt schon, ob jemand verunsichert ist oder richtig entschlossen. Ich bin ohnehin überzeugt, dass man einen Wettkampf im Kopf gewinnt.

ABENDBLATT: Deshalb ist in der Leichtathletik Mentaltraining ja auch sehr im Kommen.

ONNEN: Das habe ich Ende vergangenen Jahres in Betracht gezogen, aber dann hat es zeitlich nicht hingehauen. Zum Glück hat es dann auch so geklappt.

ABENDBLATT: Sie holen nebenher das Abitur nach und haben schon konkrete berufliche Pläne. Füllt Sie der Sport nicht aus?

ONNEN: Man braucht einen gewissen Ausgleich, ein zweites Leben, um nicht permanent dem Druck ausgesetzt zu sein, den der Sport zwangsläufig verursacht. Deshalb sollte man auch nicht finanziell darauf angewiesen sein, um locker und unbeschwert an die Sache gehen zu können. 2006 habe ich mich ganz auf den Sport konzentriert. Ich fühlte mich durchaus in der Lage, 2,30 Meter zu springen, aber ich konnte mit dem Druck nicht umgehen.

ABENDBLATT: Woher kommt denn der Druck?

ONNEN: Von außen, aber auch von mir selbst. Die Presse, der Verband, alle erwarten etwas von einem. Vergangenes Jahr haben alle gehofft, dass ich mich für die EM qualifiziere. Das war mir wohl zu viel. Damals bin ich für die anderen gesprungen. Daraus habe ich gelernt. Jetzt springe ich für mich.

ABENDBLATT: Hochspringer sind oft sehr dünn. Haben Sie es schwer, Ihr Gewicht zu halten?

ONNEN: Ich achte auf mein Gewicht, aber ich habe keinen strikten Ernährungsplan. Wichtig ist, dass ich mich in meinem Körper wohlfühle. In den vergangenen Wochen hatte ich ein paar Probleme, weil ich unbewusst viel abgenommen habe. Plötzlich war ich acht Kilogramm leichter. Das ging auf Kosten der Kraft und der Substanz.

ABENDBLATT: Kommen Essstörungen unter Hochspringern vor?

ONNEN: Garantiert. In ein, zwei Fällen wusste ich konkret davon. Wenn man manche Athleten sieht, denkt man automatisch: Da kann etwas nicht stimmen.

ABENDBLATT: Auch in Bezug auf Doping?

ONNEN: Ich gehe davon aus, dass es das in Deutschland nicht gibt. Im Ausland wird auf jeden Fall noch gedopt.

ABENDBLATT: ARD und ZDF haben sich bei der Tour de France aus der Liveberichterstattung ausgeblendet . . .

ONNEN: . . .was ich in Ordnung fand. Man muss ja an die Wirkung der Bilder denken: Da bekommen Kinder und Jugendliche vor Augen geführt, dass man nur mit illegalen Mitteln Höchstleistungen bringen kann. Es ist gut, dass da mal ein Zeichen gesetzt wurde. Wenn Doping in der Leichtathletik ähnliche Ausmaße annehmen würde, würde ich eine entsprechende Entscheidung begrüßen, auch wenn sie mir selbst vielleicht schaden würde.

ABENDBLATT: Ihr Doping ist gelegentlich eine Zigarette.

ONNEN: Das ist wahrscheinlich so eine Hochspringer-Krankheit. Bis auf die Schweden wüsste ich keinen, der nicht raucht. Wenn ich vor Wettkämpfen nervös bin, stecke ich mir schon mal eine an. Kleine Laster gehören für mich zum Leben dazu. Genauso wie das Bier am Vorabend des Wettkampfs. Das habe ich einmal vor einem Hallenwettkampf gemacht, und es hat super geklappt. Seitdem mache ich es immer so.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.