Basketball: Boris Schmidt ist der einzige Hamburger in den Play-Offs

Der Nowitzki der Schiedsrichter

Der Bergedorfer ist die Nummer eins unter Deutschlands Unparteiischen.

Bremerhaven. Nun gilt es die Nerven zu bewahren. Kölns Trainer Sasa Obradovic hüpft wie ein Rumpelstilzchen auf und ab. Auch Eisbären-Trainer Sarunas Sakalauskas hält nichts auf seinem Platz. Acht Minuten sind im zweiten Viertel gespielt. Boris Schmidt weiß, dass jetzt jede Entscheidung die fast ausverkaufte Stadthalle Bremerhaven in einen Hexenkessel verwandeln kann. Für einen Moment wirkt der Schiedsrichter ratlos. Dann schnappt er sich entschlossen den Ball, schreitet zum Schiedsgericht und lässt zwei zuvor ausgeführte Freiwürfe annullieren. Bremerhaven tobt. Schmidt verzieht keine Miene.

Es ist Play-off-Zeit in der Basketball-Bundesliga. Die Spieler kämpfen um jeden Rebound, um jeden Wurf. "Crunsh-Time" nennen Fans die Momente, in denen es so richtig zur Sache geht. Boris Schmidt liebt diese Momente. Jedes Spiel kann entscheidend sein. Es gibt 32 Unparteiische in der Bundesliga, Schmidt ist die unumstrittene Nummer eins. Der Bergedorfer wurde nach der letzten Saison zum Schiedsrichter des Jahres gewählt, gilt als eine Art Dirk Nowitzki der Referees.

"Boris ist geradlinig und verlässlich. Im Gegensatz zu anderen drückt er sich nicht vor unbequemen Situationen", beschreibt Horst Weichert die Qualitäten seines Schiedsrichterkollegen, mit dem er und Andreas Schreiner an diesem Abend die Partie zwischen den Eisbären Bremerhaven und RheinEnergy Köln (siehe Text rechts) pfeifen. Und unbequeme Situationen gibt es auch in diesem Spiel mehr als genug.

Sasa Obradovic wirbelt erneut wie wild mit den Armen. Der 1,95 Meter große Trainer baut sich vor dem 1,70 Meter kleinen Schmidt auf, diskutiert, pöbelt. Es ist ein ungleicher Kampf, allerdings zu Ungunsten des Kölners. Ein Pfiff: Technisches Foul. Erledigt.

Bereits als Jugendlicher bei Grün-Weiß Harburg hat Boris Schmidt angefangen zu pfeifen. "Ich wurde gefragt, also habe ich es gemacht." Der ehrgeizige, fast schon verbissene Schmidt merkte sofort, dass er nirgendwo so schnell die Erfolgsleiter hoch klettern konnte, wie als Schiedsrichter. Mit 15 Jahren erwarb er seine C-Lizenz, ein Jahr später die B-Lizenz. Als 26-Jähriger debütierte er als damals jüngster Schiedsrichter in der Bundesliga, zwei Jahre später international.

"Es gibt nichts Schöneres als das Pfeifen. Schiedsrichter zu sein ist für mich weit mehr als nur ein Hobby", sagt der hauptberufliche Geschäftsführer der TSG Bergedorf über seine Passion. Diese Saison war er 56 Mal im Einsatz, hat rund 65 000 Kilometer mit seinem BMW 728 in ganz Deutschland hinter sich gelegt. Keiner wird von Kollegen, Trainern und Spielern gleichermaßen so sehr geschätzt wie er. Aber auch keiner wird von den Fans so sehr verabscheut wie er. "Ich bin wahrscheinlich der einzige Schiedsrichter, bei dem die Zuschauer schon vor dem Spiel pfeifen", sagt Schmidt und lächelt dabei. In Internetforen wird er als "arrogant", "widerlich" und "selbstdarstellerisch" beschimpft. Er sei eine Maschine, kein Mensch. Für Schmidt kein Problen: "Was da steht, ist mir vollkommen egal."

Nur einmal hat Schmidt, der auch Präsident des Hamburger Basketballverbandes ist, daran gedacht aufzuhören. Bei einem Freundschafts-Länderspiel zwischen Deutschland und Griechenland in Bielefeld verfolgten ihn aufgebrachte Zuschauer bis in einen Geräteraum, wollten ihm an die Gurgel. Erst im letzten Moment kam Ex-Nationalspieler Mark Suhr zur Hilfe, nahm sich die "Fans" zur Brust.

Der Zwischenfall ist längst vergessen. Der Vorfall aus dem zweiten Viertel beschäftigt Schmidt aber noch lange nach dem Spiel. In der Nachbesprechung kritisiert der Perfektionist sich selbst, aber auch seine Kollegen. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass Schmidt wirklich Emotionen zeigt. Aber auch ein Schiedsrichter ist eben nur ein Mensch.

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