"In meiner Stasi-Akte erkannte ich zwölf Leute"

Verlängerung - Das Sportgespräch: Heute mit Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich. Der Goldschmied über Psychologie, seinen Umgang mit Spitzeln und das schwierige Erbe des DDR-Sports.

ABENDBLATT: Herr Ullrich, was ist anstrengender: als Athlet oder als Trainer bei Olympia zu sein?

FRANK ULLRICH: Als Athlet war es deutlich angenehmer. Da bist du nur für dich selbst verantwortlich, mußt trainieren, dich auf den Wettkampf einstellen. Danach hast du mehr oder weniger deine Ruhe, legst die Beine hoch und regenerierst. Als Trainer fängt die Arbeit dann erst an. Du analysierst den Wettkampf, planst, organisierst. Du mußt auf die unterschiedlichen Charaktere der Athleten eingehen, das erfordert deine ganze Kraft. Ich erwarte von meinen Athleten sehr, sehr viel - aber genauso erwarten sie von mir alles.

ABENDBLATT: Können Sie die Erfolge Ihrer Athleten, wie die Olympiasiege von Michael Greis und Sven Fischer, besser genießen als Ihre eigenen?

ULLRICH: Ja. Als Sportler hast du kaum Zeit dazu. Wenn ich vom Siegertreppchen gestiegen bin, habe ich schon wieder ans nächste Rennen gedacht. Als Trainer kann man es eher verinnerlichen.

ABENDBLATT: Reden Sie mit Ihren Athleten hier auch über andere Dinge als Biathlon?

ULLRICH: Natürlich schalten wir auch mal ab. Es ist wichtig, den Kopf freizubekommen. Ich halte auch nicht jeden Tag eine Mannschaftssitzung ab. Als Trainer muß man ein Gespür entwickeln, die Sportler zu greifen und auch wieder loszulassen, die Mischung aus Anspannung und Entspannung zu finden. Die Sportler brauchen Luft zum Atmen.

ABENDBLATT: Wie bauen Sie Spannung, Reibungspunkte auf?

ULLRICH: Durch die hohen Anforderungen, die ich an meine Athleten stelle. Wenn einer denkt, daß er bereits das Höchste erreicht hat, lege ich noch einen drauf, bis ich spüre, jetzt knistert es. Ein bißchen nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche.

ABENDBLATT: Sehen Sie sich auch als Psychologe?

ULLRICH: Ich habe im Studium sehr viel über Psychologie und Pädagogik gelernt, das versuche ich umzusetzen. Wenn du als Trainer etwas erreichen willst, mußt du den Sportler erreichen. Meine Anforderungen müssen in seinen Kopf rein. Dafür muß ich bereits lange vor Beginn der Saison ein Konzept erstellen.

ABENDBLATT: Wie sah Ihr Plan für Turin aus?

ULLRICH: Wir haben 2002 gesagt: In zwei, spätestens drei Jahren müssen wir die Intensitäten erhöhen. Wir haben uns eine offensive Laufentwicklung zum Ziel gesetzt, um mit den Norwegern Schritt zu halten. Dafür mußten wir gegen Widerstände arbeiten. Wir sind mit dem Rad Tour-de-France-Pässe abgefahren: Col de la Madeleine, Galibier und so weiter. Das hat sich ausgezahlt.

ABENDBLATT: Ihnen wurde vorgehalten, zu lange an älteren Athleten wie Ricco Groß und Sven Fischer festzuhalten . . .

ULLRICH: Das werde ich auch weiterhin tun. Bei mir gibt es kein Alt und Jung, es geht nur nach Leistung. Bei den Weltmeisterschaften 2005 war das Durchschnittsalter der Medaillengewinner 33 Jahre. Natürlich muß man die Jüngeren bei Laune halten, ihnen die Chance und das Vertrauen geben. Ohne eine gute Synthese von Jung und Alt geht es nicht.

ABENDBLATT: Ist Harmonie gut, oder braucht man auch Quertreiber zum Anstacheln?

ULLRICH: Die haben wir auch schon gehabt. Nur, sie eliminieren sich dann oftmals selbst. Ein Einzelgänger wird nur bis zu einem gewissen Leistungsgrad kommen, weil er die Erfolgserlebnisse nicht mit den anderen ausleben kann. Wenn du einen Erfolg hast, den dir die anderen nicht gönnen, bist du arm dran.

ABENDBLATT: Sortieren Sie solche Athleten gezielt aus?

ULLRICH: Ich versuche sie zu überzeugen, sich zu integrieren. Man darf nicht vergessen: Biathleten sind Individualisten. Sie müssen nicht die dicksten Freunde sein, aber es muß ein gemeinsames Ziel dasein: daß einer durchkommt und aufs Treppchen.

ABENDBLATT: Waren Sie zu Beginn Ihrer Trainerkarriere härter zu den Athleten?

ULLRICH: Ja. Vielleicht auch ungeduldiger. Ich war selbst Olympiasieger, habe den Gesamtweltcup gewonnen, diese Erfolge habe ich dann zu schnell auch von ihnen erwartet. Man muß den Athleten die Zeit geben, dann kann sich etwas entwickeln, was man zunächst gar nicht absieht.

ABENDBLATT: Waren die beiden Olympiasiege hier absehbar?

ULLRICH: Ja. Es hätte auch ein zweiter oder dritter Rang werden können, darüber hätte ich mich genauso gefreut. Am Ende gehört Glück dazu. Sven Fischers letzter Schuß war ein Innenpfostentreffer. Aber er ist mit einer stabilen Grundlage hier angereist. Und Michael Greis hat hier vor einem Jahr den Weltcup gewonnen.

ABENDBLATT: Haben es die Biathleten heute leichter?

ULLRICH: Ich denke schwerer. Es gibt eine ganz andere Vielfalt an Wettkämpfen. Zu meiner Anfangszeit gab es nur die 20 Kilometer und die Staffel. Die Leistungsdichte in der Weltspitze ist enorm, es sind viel mehr Nationen beteiligt. Durch die Medienaufmerksamkeit entsteht zusätzliche Belastung. Andererseits bedeuten mehr Wettkämpfe auch mehr Möglichkeiten.

ABENDBLATT: Biathlon ist mittlerweile die populärste Wintersportart. Woran liegt das?

ULLRICH: Sicher an den attraktiven neuen Wettkämpfen wie Massenstart und Verfolgung. Auch Einzel und Sprint werden mittlerweile im Fernsehen sehr gut rübergebracht, der Zuschauer ist immer auf der Höhe des Geschehens. Wir haben früher auf Luftballons, auf große Glas- oder Papierscheiben geschossen, wo erst nach dem Rennen ausgewertet wurde, ob der Schuß gut war.

ABENDBLATT: Ist der Dopingfall Olga Pylewa ein Einzelfall?

ULLRICH: Er betrifft jedenfalls die ganze Biathlonfamilie. Aber man darf es auch nicht überbewerten. Die Frage ist, ob es bewußt gemacht wurde.

ABENDBLATT: Schließen Sie aus, daß es Doping zu Ihrer Zeit gab?

ULLRICH: Wenn, dann wurde es zentral gesteuert, ohne daß der Sportler etwas wußte. Wir konnten ja nicht mal eben in die Apotheke gehen. Wenn ein Trunk angerührt wurde und es hieß, das seien Mineralien, habe ich es geglaubt. Und ich glaube es noch heute. Auch damals wurde ja kontrolliert, und der einzige positive Fall aus Deutschland war Peter Angerer. Ich will ihm nichts unterstellen. Mich hat nur immer gestört, daß unsere Erfolge auf Doping zurückgeführt wurden. Im übrigen würde ein Aufputschmittel in unserem Sport auch nichts nützen: Biathlon ist Gas und Bremse zugleich, Ausdauer und Konzentration.

ABENDBLATT: Herr Ullrich, es gab im Vorfeld der Spiele die Affäre um den Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer, der wegen seiner Stasi-Mitarbeit ausgeschlossen werden sollte. Sie sind selbst ausspioniert worden. Wie gehen Sie heute damit um?

ULLRICH: Ich sage es einmal so: Manche können sich in die Situation nicht hineinversetzen. In meiner Akte habe ich zwölf Leute wiedererkannt, von denen ich sehr enttäuscht war. Aber ich habe mir gesagt: Das ist Geschichte. Diejenigen, die über mich berichtet und Lügen verbreitet haben, haben heute mehr Probleme mit sich als ich.

ABENDBLATT: Haben Sie diese Leute darauf angesprochen?

ULLRICH: Das ist psychologisch höchst interessant. Die einen haben zuerst sehr empört reagiert, nach dem Motto "Willst du mich jetzt denunzieren?" Und sind dann am nächsten Tag so klein mit Hut angekommen und haben sich entschuldigt. Andere sind so in sich gegangen, daß ich sie wiederaufbauen mußte und ihnen sagte: "Schon gut, das ist Geschichte." Es hängen ja auch menschliche Schicksale daran. Ansonsten hätte ich kein Problem damit zu sagen: Es war in der DDR so, die Gesellschaft war mit diesem Sicherheitssystem aufgebaut, das gehörte dazu.

ABENDBLATT: Wie sollte die Öffentlichkeit künftig solche Fälle handhaben?

ULLRICH: Man muß jeden einzeln betrachten und sehr sensibel damit umgehen. Nehmen Sie Sven Fischer: In seiner Akte lag ein einziger Zettel, das war die Bereitschaftserklärung. Die haben den Jungen überfahren.

ABENDBLATT: Warum ist die Stasi nicht an Sie herangetreten?

ULLRICH: Ich war denen zu kompliziert. Ich habe mir nicht alles gefallen lassen, mich gegen Sachen aufgelehnt.

ABENDBLATT: Würden Sie dennoch sagen, Sie haben Ihre Karriere dem DDR-System zu verdanken?

ULLRICH: Auf die Förderung lasse ich nichts kommen. Was um uns herum gelaufen ist, ist etwas anderes. Ich habe mich immer gewundert, nie den vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen zu haben, obwohl ich fast alles erreicht hatte. Als ich meine Stasi-Akte gelesen habe, war mir klar, warum. Auch für das Höchste, den Gesamtweltcupsieg, gab es nichts.

ABENDBLATT: War diese fehlende Anerkennung der Grund, warum Sie Ihre Karriere früh beendet haben? Sie hatten das beste Biathlon-Alter doch noch vor sich.

ULLRICH: Mir starb 1982 meine Frau, das war der härteste Schlag für mich. Und was das Allerschlimmste war: Daß unser Sportchef Manfred Ewald, als ich ihn fragte, ob ich vom Trainingslager fernbleiben dürfte, weil meine Frau im Sterbebett liege, mir sagte, daß seine Frau ja auch mal krank sei und daß das nicht ginge. Dann starb sie, und ich bin zusammengebrochen. Ich konnte ihr nicht mehr helfen und habe mir wahnsinnige Vorwürfe gemacht. Damals habe ich den Glauben an das sportliche System verloren und gesagt: Ich höre auf.

ABENDBLATT: Wieviel DDR steckt noch im Training der Biathleten?

ULLRICH: Ich habe meine Prinzipien, die ich mir aus dem damaligen System heraus aufgebaut habe, und versuche, sie einzubringen. Am Anfang, nach der Vereinigung, war das System 100 Prozent DDR. Später hat sich das vermischt, und heute ist alles miteinander verflochten. Das ist das Beste, was wir machen konnten, denn keines der beiden Systeme konnte allein zum Erfolg führen. Für mich ist es faszinierend, beides kennengelernt zu haben und damit umzugehen.

ABENDBLATT: Schauen Sie sich noch andere Wettbewerbe an?

ULLRICH: Am Sonntag werde ich zu den Bobfahrern gehen. Andre Lange wohnt wie ich in Suhl, wir haben viele Berührungspunkte. Das macht Olympia aus.

ABENDBLATT: Dies sind Ihre neunten Spiele. Wie ist Ihr Eindruck?

ULLRICH: Vor einem Jahr hätte ich gesagt: Das kann ganz schön happig werden. Jetzt muß ich sagen: Sie haben es toll hingekriegt.

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