Warum Hamburgs Sport in China gefragt ist

Know-how: HT 16 und HSV sind die Vorreiter auf dem neuen Markt.

Hamburg. In Zeiten der Visa-Affäre fällt es selbst politisch erwünschten Besuchern schwer, ihr Reiseziel zu erreichen. Es bedurfte diplomatischer Depeschen zwischen der Senatskanzlei und der deutschen Botschaft in Peking, damit die eingeladene, fünfköpfige Delegation aus dem Reich der Mitte mit ihrem umgebuchten Lufthansa-Flug - die Einreiseerlaubnis hatte sich verzögert - am Sonnabend in Fuhlsbüttel landen konnte. Die Chinesen wollen im Land des Exportweltmeisters einkaufen, was in ihrer Heimat nicht gibt: Breiten- und Vereinssport. Sport, vornehmlich Leistungssport, ist Sache des Militärs, der Polizei, der (Kader-)Schulen und der Betriebe. Das Know-how dafür glauben sie beim ältesten Sportverein der Welt zu bekommen, der HT 16. Seit zwei Jahren hält der Klub aus Hamm mit Hilfe des ehemaligen Hamburger Olympiabeauftragten Thomas Kleipoedszus regen Kontakt nach China.

Ziel der angestrebten Zusammenarbeit bleibt die Gründung der HT 16 Beijing. Den Grundstein für die fernöstliche Dependance hofft der Vereinsvorsitzende Sven Dahlgaard im Herbst legen zu können. Die Kooperation soll am Mittwoch im Warsteiner Elbspeicher in der Großen Elbstraße unterzeichnet werden. Bis dahin, warnt Kleipoedszus, "sind intensive Verhandlungen nötig. Das Projekt kann noch platzen." Alles hängt an Liu Jun Zen, dem Chef einer Investmentgesellschaft und Leiter der hochrangigen chinesischen Abordnung.

Sein Unternehmen muß die benötigten zehn Millionen Euro zum Bau der Vereinsanlagen in Peking auf dem Gelände einer Polizeisportschule aufbringen. Die HT 16 sieht ihre Rolle in der Beratung beim Aufbau des Vereins, der Mitgliederverwaltung sowie der Ausbildung von Funktionären und Mitarbeitern. Profitieren will der Klub vom Sportler- und Traineraustausch, mittelfristig vom Beitragsaufkommen. "Wenn alles klappt, wären 50 000 HT-16-Mitglieder in Peking keine Utopie", sagt Dahlgaard. In Hamburg sind es derzeit knapp 8000. Auch gesellschaftspolitische Ziele reizen: "Wir haben die Chance, demokratische Strukturen wie die Mitwirkung und Mitbestimmung von Bürgern im Vereinsleben nach China zu transportieren", meint Kleipoedszus.

Ratschläge aus Hamburg sind gefragt. Beim Tuesday Late Skate um die Alster holten sich die Chinesen von Verbandschefin Irmelin Otten Tips für die Ausrichtung der Inlineskating-WM im September in Shoushou (90 km von Shanghai). Gestern abend ließen sich die chinesischen Gesandten bei ihrer Sightseeing-Tour durch Hamburgs Sportstätten vom ehemaligen St.-Pauli-Profi Carsten Pröpper seine Fußballschule in Öjendorf präsentieren. Auch hier scheint eine China-Connection möglich. Pröpper: "So etwas habe ich schon länger im Hinterkopf."

Der Handelsplatz Hamburg spielt in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Europa längst eine zentrale Rolle. Mehr als 20 000 Chinesen wohnen in der Stadt, rund 3000 Firmen wickeln von Elbe und Alster ihre Geschäfte ab. Der Sport profitiert stark davon. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) trägt sein Länderspiel gegen China am 10. Oktober in der AOL-Arena aus. Bürgermeister Ole von Beust hatte DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder darum gebeten.

Im Gegenzug versucht der HSV auf dem neuen Markt Fuß zu fassen. Die Vorstände Bernd Hoffmann und Katja Kraus sowie Klubmanager Bernd Wehmeyer haben den Bundesligaklub bei ihrem Besuch Anfang März in Shanghai erstmals vor Ort positioniert. In zwei Freundschaftsspielen mit Shenhua Shanghai (26. Mai in China) und dem Rückspiel im September 2006 sollen die Beziehungen vertieft werden. Die Ziele des HSV: umfangreichere TV-Präsenz der Bundesliga in China und ein größerer Absatz von Merchandising-Produkten.