Amateurfußball

Oberligist Bergedorf 85 zerlegt sich selbst

Der Oberligist trat zum Punktspiel bei USC Paloma nicht an. Sportliche Leitung fühlt sich geschasst, Präsident Knothe: "Missverständnis".

Hamburg. Am Sonntagmorgen um 10.20 Uhr stand Olaf Poschmann am Spielfeldrand des Grandplatzes an der Brucknerstraße. "Ich kann nicht erklären, was hier abläuft", sagte der Trainer von Bergedorf 85 in gebückter Haltung und mit zittriger Stimme. Neben ihm starrten Bergedorfer Fans betroffen auf ihre Schals. Sie waren umsonst aufgestanden, um ihre "Elstern" zu unterstützen. "Um 10.08 Uhr erhielt ich die Mitteilung, dass Bergedorf nicht antritt", sagte Schiedsrichter Benjamin Stello vom SC Egenbüttel. Das Team des punktlosen Tabellenletzten war erschienen. Spielen wollte es nicht.

Während die älteren Semester auf der Anlage sich zu erinnern versuchten, ob jemals ein Team der höchsten Hamburger Klasse das Auflaufen verweigerte, stellte sich der emotional ebenfalls sichtlich bewegte Sportliche Leiter Florian Menger. Überschlagen hätten sich die Ereignisse kurz nach der erfolgten Wahl des neuen Präsidenten Marcel Knothe am Vorabend.

In der Woche seien mit Ugur Kiraz, Ivo Aliev (beide GSK Bergedorf) und Marco Oliveira dos Santos (FC Türkiye) drei Spieler verpflichtet worden, ohne Menger oder Liga-Manager Marcus Prahl zu informieren. Menger und Prahl hätten den neuen Präsidenten gefragt, ob sie künftig in sportlichen Dingen noch das Sagen hätten. "Herr Knothe teilte daraufhin mit, über uns sei im Verein diskutiert worden. Ebenso über Trainer Olaf Poschmann, Assistent Mirko Petersen und Torwarttrainer Andreas Poschmann. Das Trainerteam werde nach der Partie bei Paloma entlassen. Als Nachfolger wurde Bülent Tinas ins Spiel gebracht", sagte Menger.

Menger und Prahl sahen sich übergangen. Menger: "Wir traten zurück und informierten die Trainer. Diese informierten das Team vor dem Spiel vom Verlust der sportlichen Leitung."

Nur drei Spieler wollten unter diesen Bedingungen das Trikot des Traditionsvereins tragen. "30 wahlberechtigte Mitglieder kamen zur Versammlung, fast alle aus der ersten Herren. Wir wählen einen neuen Vorstand, und der wirft uns raus", sagte Co-Trainer Mirko Petersen. "Es ist einfach unfassbar."

Gegen 10.45 Uhr fuhren Mannschaft und sportliche Leitung ins Klubheim. "Wir trinken noch einige Frustbiere zusammen", sagte Petersen. Palomas Trainer Marco Krausz kommentierte da schon das interne Ersatztrainingsspiel seiner Jungs: "Es steht 1:1, aber ich glaube, wir gewinnen."

Zudem begannen Gerüchte durch die Luft zu schwirren. Ganz heiß gehandelt: eine Übernahme des FC Bergedorf 85 durch den benachbarten Hansa-Landesligisten GSK Bergedorf. Angeblich seien am Freitag vor Ende der Wechselfrist GSK-Pässe beim Hamburger Fußball-Verband eingereicht worden.

Dies bestätigte sich nicht. GSK trat nachmittags in Altenwerder an und siegte 4:1. Dennoch steht Bergedorf 85 so nahe am Abgrund wie selten zuvor. Tritt das Team zwei weitere Male nicht an, würde es für diese Saison vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Nächstes Jahr könnte es dann, zum ersten Mal sechstklassig, in der Landesliga weitergehen.

Die Spieler würden sich damit auch selbst treffen. Die Wechselfrist lief vergangenen Freitag ab, das Transferfenster ist bis Winter zu. Das gilt auch für den Verein, der keine neuen Transfers mehr tätigen kann. Notfalls könnte der Kader mit Spielern aus der zweiten Herren (Kreisliga) aufgestockt werden.

Den Schwarzen Peter hat nun Neu-Päsident Knothe. Einen turbulenteren Start in ein neues Amt dürfte ein Funktionsträger im Hamburger Amateurfußball selten hingelegt haben. Knothe stellte sich den Vorwürfen - und dementierte Mengers Darstellung. "Ich schätze ihn und Marcus Prahl, wollte beide halten. Ich habe sie bei den Spielerverpflichungen nicht übergangen. Über das Trainerteam wollte ich nach dem Spiel bei Paloma ergebnisoffen diskutieren. Bei dieser sportlichen Lage ist das notwendig." Folgt man Knothes Version, so traten Menger und Prahl zurück, weil sie ihn falsch interpretierten. Das habe den unheilvollen Verlauf der Ereignisse in Gang gesetzt.

"Besonders enttäuscht", sagte Knothe, "bin ich von Olaf Poschmann. Er hat als Trainer die Pflicht, die Mannschaft aufs Feld zu führen. Er fragte nicht bei mir nach, ob er entlassen sei, und verweigerte am Klubheim ein Gespräch mit mir." Ein Austausch mit Bülent Tinas habe stattgefunden, aber nur für den Fall, dass Poschmann entlassen werde. Knothe will ab heute "mit allen Beteiligten reden. Wenn es nicht mehr so emotional zugeht, wird es leichter". Das bleibt zu hoffen. Sonst könnte der FC Bergedorf 85 in seiner jetzigen Form bald Geschichte sein.