Schiffsreisen

"Noch immer eine der sichersten Reisearten"

Lesedauer: 8 Minuten
Angelika Bucerius

Welche Vorkehrungen auf Passagierschiffen getroffen werden müssen, damit bei einer Havarie Panik vermieden wird

Nach dem Schiffsunglück der "Costa Concordia" drängt sich die Frage auf, wie es um die Sicherheit der Passagiere an Bord von Kreuzfahrtschiffen bestellt ist. Kapitän Adam Pazdzioch, 41, aus Polen, von Sea Cloud Cruises und der Norweger Kjetil Bones Larsen, 44, Sicherheitsexperte bei Hurtigruten, nehmen Stellung. Einig sind sie sich darin, dass Kreuzfahrten zu den sichersten Reisearten zählen.

Hamburger Abendblatt:

Herr Pazdzioch, Herr Bones Larsen, Sie sind seit Jahren auf See unterwegs und haben unzählige Sicherheitsübungen geleitet. Angesichts des Unglücks der "Costa Concordia": Können Sie noch mit gutem Gewissen sagen, dass Kreuzfahrten sicher sind?

Adam Pazdzioch:

Sie sind eine der sichersten Reisearten.

Kjetil Bones Larsen:

Wenn man die gesamte Anzahl von Kreuzfahrtgästen pro Jahr betrachtet, ist der Prozentsatz an Unfällen extrem gering. Das liegt vor allem an den hohen Sicherheitsstandards der Branche, die ständig evaluiert und verbessert werden.

Viele Passagiere der havarierten "Concordia" berichten, es habe Panik wie auf der "Titanic" geherrscht. Lässt sich bei solch einem Unglück Panik überhaupt vermeiden? Immerhin reden wir von Schiffen zum Teil mit Tausenden Menschen an Bord.

Bones Larsen:

Dafür braucht es eine gut trainierte Crew. Eine verantwortungsvolle, sicher handelnde Crew beruhigt die Gäste und baut Vertrauen auf. Es geht darum, den Passagieren glaubhaft das Gefühl zu vermitteln, dass die Besatzung die Sicherheit an Bord im Griff hat. Präzise und aktuelle Informationen über die Notsituation sind dabei enorm wichtig. Denn gut informierte Passagiere, die wissen, was sie tun müssen, geraten nicht so schnell in Panik.

Pazdzioch:

Auf einem Passagierschiff muss jeder Offizier und jedes Crew-Mitglied ein "Crowd and Crisis"-Training absolvieren, um die jeweilige Situation zu kontrollieren und eine Panik an Bord zu vermeiden. Auf unseren Schiffen werden die Passagiere in kleine Gruppen unterteilt, die von einem der Offiziere betreut werden, die ein spezielles Training absolviert haben.

Sind die Sicherheitsstandards bei Kreuzfahrtschiffen international gleich oder gibt es Unterschiede?

Pazdzioch:

Die Sicherheitsstandards werden von der IMO (International Maritime Organization) beschlossen. Reguliert werden sie von der SOLAS Convention (International Convention for the Safety of Life at Sea).

Gibt es vorgeschriebene Notsignale und Ansagen?

Pazdzioch:

Es gibt das Signal siebenmal kurz, einmal lang, dem eine Durchsage des Kapitäns oder des Wachoffiziers folgt. Zusätzlich gibt es auf unseren Schiffen das Signal einmal kurz, einmal lang, gefolgt von einer Durchsage des Kapitäns, dass das Schiff evakuiert wird.

Wie entscheidet man, ob ein Schiff evakuiert wird oder (noch) nicht?

Pazdzioch:

Der Kapitän ist der Einzige an Bord, der aufgrund seiner professionellen Beurteilung der Notfallsituation und den Meldungen seiner Führungsoffiziere den Befehl zu einer Evakuierung geben kann. Dies ist der Fall, wenn er die Situation an Bord nicht mehr für kontrollierbar hält, und er das Leben der Passagiere und der Crew an Bord nicht mehr für sicher erachtet.

Viele Passagiere sehen - oder jetzt muss man wohl eher sagen: sahen - die Sicherheitstrainings an Bord als eher lästig oder amüsant an. Sind sie denn zwingend vorgeschrieben?

Pazdzioch:

Die SOLAS Konvention verlangt, dass die Sicherheitstrainings an Bord innerhalb von 24 Stunden nach Einschiffung stattfinden. Auch Passagiere, die bereits an Bord sind, weil sie mehrere Reisen hintereinander gebucht haben, müssen an jedem Sicherheitstraining teilnehmen. In der Praxis sieht es so aus, dass wir vor dem ersten Auslaufen aus dem Hafen, meistens etwa zwei Stunden nach der Einschiffung, ein erstes Briefing für die Gäste abhalten, in dem sie grundsätzliche Informationen zu ihrer Sicherheit an Bord erhalten. Am nächsten Morgen findet die praktische Sicherheitsübung statt, in der die Gäste in kleine Gruppen eingeteilt und über den Ablauf der Rettungsmaßnahmen im Notfall unterrichtet werden. Jeder Passagier, der zu einem späteren Zeitpunkt an Bord kommt, erhält ein separates Sicherheitsbriefing und eine separate Sicherheitsübung.

Bones Larsen:

Bei Hurtigruten zeigen wir zusätzlich auf verschiedenen Bildschirmen und an Informationspunkten rund um die Uhr Sicherheitsinfos.

Pazdzioch:

Ja, das ist ein Muss.

Bones Larsen:

Es gibt immer genügend Rettungswesten an Bord. Um sicher-zugehen, gibt es darüber hinaus noch eine große Anzahl zusätzlicher Westen. Die Anzahl der Plätze in den Rettungsbooten muss zudem immer über der zugelassenen maximalen Passagier-anzahl liegen. So sind jedem Gast und jedem Crewmitglied eine Rettungsweste und ein Platz im Rettungsboot garantiert.

Sollen Passagiere im Notfall wirklich in die Kabine gehen, um ihre Rettungsweste zu holen?

Pazdzioch:

Dies sollte im Notfall vermieden werden, um unnötiges und gefährliches Durcheinanderrennen in den Korridoren und Kabinen zu vermeiden. Passagiere und Crew-Mitglieder sollten stattdessen so schnell wie möglich an einen sicheren Ort gebracht werden. Wenn sich Passagiere, während das Notrufsignal ertönt, in der Kabine aufhalten, sollten sie ihre Rettungsweste und warme Kleidung nehmen und sich an den vereinbarten Sammelpunkt begeben. Wenn sie sich außerhalb ihrer Kabine aufhalten, sollten sie direkt zum vereinbarten Sammelpunkt gehen, wo ihnen Rettungswesten, warme Kleidung, Wasser und Medikamente von den Crew-Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus befindet sich immer eine ausreichende Anzahl an Rettungswesten in unseren Rettungsbooten.

Bones Larsen:

Wir haben bewusst keine Rettungswesten in den Kabinen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen wollen wir nicht riskieren, dass am Ende nicht jeder Passagier mit einer Rettungsweste ausgestattet werden kann, weil sie nicht in ihre Kabine gelangen. Zum anderen wollen wir vermeiden, dass sich Passagiere verletzen, weil sie die Weste nicht richtig anlegen. Stattdessen sind an verschiedenen Sammelstationen Sicherheitsausrüstungen platziert. So behalten die Crewmitglieder die Kontrolle und können Passagieren beim richtigen Anlegen der Westen helfen.

Bei den Schiffsübungen versammeln sich die Passagiere an speziellen Stationen. Verhalten sich im Notfall die Menschen wirklich so diszipliniert oder stürmen sie nicht eher das nächste Rettungsboot?

Pazdzioch:

Unsere Segelschiffe sind verhältnismäßig klein und ebenso die Anzahl an Passagieren und Crew-Mitgliedern. Durch die dadurch mögliche, bessere Kontrolle kann Panik vermieden werden. Das Verhältnis unserer trainierten Crew-Mitglieder zur Anzahl an Passagieren ist fast 1:1. Dieses Verhältnis wird bei größeren Passagierschiffen nicht erreicht. Weiter haben wir einen hohen Anteil an seemännisch ausgebildeter Crew an Bord, die mit den Schiffen sehr vertraut ist.

Ist über Bord springen und an Land schwimmen eine Option?

Pazdzioch:

Der Sprung über Bord sollte die wirkliche letzte Option sein.

Was ist an dem Grundsatz dran: Frauen und Kinder zuerst?

Pazdzioch:

Gute Seemannsschaft und Verhalten eines Gentlemans setzen dies eigentlich voraus.

Bones Larsen:

In einem Notfall zählt jede Sekunde. Es ist keine Zeit, um Passagiere nach Geschlecht oder Alter aufzuteilen. Aber natürlich bekommen Passagiere, die besondere Hilfe brauchen - dazu zählen Kinder oder beispielsweise gehbehinderte Menschen - besondere Unterstützung von der Crew. Außerdem achtet die Besatzung sehr darauf, dass Familien während der Evakuierung zusammenbleiben.

Muss der Kapitän tatsächlich erst als Letzter von Bord gehen?

Bones Larsen:

Der Kapitän ist verantwortlich für die Sicherheit für jeden an Bord - Gäste und Crew. Es ist schwierig, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn man das Schiff verlässt, bevor jeder sicher an Land ist.

Pazdzioch:

Manchmal macht gerade diese letzte Entscheidung einen Kapitän zu einem wirklichen Kapitän.