Wo der Iran noch Persien ist

Das lange isolierte Land im Mittleren Osten hat seinen schlechten Ruf noch nicht ganz hinter sich gelassen. Doch der Tourismus wächst wieder

Sie sind winzig, filigran, und oft kaum größer als eine Briefmarke: Die Bilder von Mostafa Fotowat sind weit über die Grenzen des Iran hinaus berühmt. „Ich male auf Kamelknochen und Elfenbein, meine Pinsel sind aus Katzenhaar, gehalten von Taubenfedern“, sagt der Künstler, ein schmaler Mann mit grauem Haar und dicken Brillengläsern. Die Farben mischt er selbst aus Gummiarabikum und Pigmenten. „Die Miniaturmalerei hat eine lange Tradition im Iran“, sagt er, „bereits zur Jahrtausendwende schmückten Vögel, Katzen und Liebespaare die Verse berühmter Dichtungen wie das Shāhnāme, das Buch der Könige, unser persisches Nationalepos.“ Heute verkauft Fotowat die Winzlinge nach Asien, Europa und in die USA.

Fotowats Atelier liegt versteckt hinter dem Rundgang des Platzes des Imam in Isfahan, der mit fast 90.000 Quadratmetern einer der größten der Welt ist. Pferdedroschken ziehen vor den Moscheen vorüber, deren Kuppeln türkisblau oder bunt gekachelt in der Sonne glänzen, Frauen mit Kinderwagen schlendern an den Wandelgängen aus gefliesten Rundbogen entlang, wo es Kunsthandwerk und Schmuck zu kaufen gibt, Jugendliche mit Piercings und rot gefärbten Haaren posieren vor der Hohen Pforte. Einst nur als Eingang zum Platz geplant, ist sie über Jahrhunderte zum Palast mit fünf Ebenen angewachsen, monumental und zugleich von einer tiefen Stille, die alten Gebäuden eigen ist. Rechts davon erhebt sich die Königsmoschee, ein Prachtbau aus Mosaiken, mit schmuckvollen Gebetshallen und Portalen, gegenüber die Scheich-Lotfollāh-Moschee, auch sie über und über mit den kunstreichsten Kacheln geschmückt, türkis und goldfarben meist, ein Wunderwerk an Schönheit und Symmetrie. Die Menschen gehen ein und aus, sitzen auf den Rasenflächen des Platzes oder fahren mit Fahrrädern umher. Besuchern winken sie zu, bieten Kekse oder Kuchen an, und rufen: „Welcome to Iran!“

„Wir freuen uns über Besucher, vor allem über Deutsche“, sagt Akram Sattari. Der Ingenieur kommt oft nach der Arbeit hierher. „Als Iraner sind wir nicht mit den Arabern verwandt, die Nachfahren von Nomaden sind“, sagt er. „Wir sind Perser. Persien bedeutet übersetzt ,Land der Arier‘. Wir sind also mit euch verwandt, wir haben dieselben Wurzeln.“ Die eigene Geschichte ist vielen Iranern stark bewusst und fest in ihrem Nationalgefühl verankert. Historische Stätten, viele von ihnen zum Weltkulturerbe zählend, sind gut erhalten und gut besucht – vielleicht muss die Vergangenheit besonders hoch gehalten werden in einem Land, in dem sie sinnstiftend für die Gegenwart steht, in der sich viele Iraner als aus der Weltgemeinschaft isoliert und zu Unrecht ausgestoßen sehen. „Das Bild des Iran ist schlecht“, sagt Sattari, „dabei ist Ruhe eingekehrt, nachdem nun Rohani Präsident ist statt Ahmadinedschad.“

Tatsächlich ist das Image des Iran noch immer geprägt von vermeintlichem Atombombenbau, politischer Repression und islamischem Fundamentalismus. Doch der Tourismus wächst: Von rund 2,1 Millionen 2009 stieg die Zahl der Besucher aus dem Ausland auf 3,8 Millionen im Jahr 2012, davon 1,7 Millionen aus Europa. „Wir möchten ein nützliches Mitglied der Weltgemeinschaft sein“, sagt Khosro Kassaian, Präsident der Handelskammer in Isfahan. „Das Bild des Iran im Ausland entspricht nicht der Wirklichkeit. Wir fördern den Tourismus, damit Besucher unsere Geschichte verstehen und uns Stück für Stück besser kennenlernen.“

Isfahan zum Beispiel, mit fast 1,8Millionen Einwohnern, wird „Perle des Orients“ genannt. Die Stadt erstreckt sich entlang des Flusses Zahaned Rud. Als Wahrzeichen gilt die Khaju-Brücke von 1650 mit ihren zweistöckigen Backsteinbögen ebenso wie die ältere Marnan-Brücke. Die Bogen beider Brücken stammen aus der Zeit der Safawiden, der von 1501 bis 1722 herrschenden Dynastie, die den schiitischen Islam als Staatsreligion etablierte – er ist es bis heute geblieben. Die Brücken, nachts in gelbgoldenes Licht getaucht, sind heute ein beliebter Treffpunkt für Familien, Jugendliche und Spaziergänger. Die Region ist fruchtbar: Datteln, Pistazien und Melonen wachsen hier – die Granatäpfel Kashan, deren Kerne nicht rot sind, sondern weiß und süß, sind im ganzen Land berühmt für ihre Saftigkeit und ihr Aroma.

Im Süden des Landes liegt Shiras, der „Garten des Iran“. Die Stadt ist berühmt für ihre Blumen und Rosen – schon der Dichter Hafis (1320–1389), dessen „Diwan“ Goethe zum „West-östlichen Diwan“ inspirierte, schwärmte von ihnen. Sein Grab liegt heute in einem der schönsten Gärten der Stadt. Besucher lehnen an den Säulen und sitzen um den Sarkophag, murmeln leise Verse und Wünsche, streichen mit den Fingern über den Stein.

Unweit von hier pilgern Gläubige zum Mausoleum Schah Tscheragh, wo zwei Brüder des achten Imam begraben sind, der als bedeutender Nachfahre des Propheten gilt. Auf dem weiten Innenhof sitzen oder spazieren Hunderte von Menschen in der Abenddämmerung, Lichterketten und Lampions reflektieren funkelnd auf bunten Kuppeln. Im Inneren der Gebetsräume bricht sich das Licht riesiger Kronleuchter tausendfach in den Spiegelmosaiken an den Wänden, es glitzert und funkelt von allen Seiten, während die Gläubigen telefonieren, sich unterhalten oder im Koran lesen. Draußen auf dem Hof knien manche zum Gebet, andere sitzen auf Mauervorsprüngen oder Simsen.

„Wir müssen rein und natürlich sein, wenn wir eine Moschee betreten“, sagt Wida Gudarzi. Sie ist Englischlehrerin und kommt jede Woche zum Gebet. „Diesmal hat mich die Aufseherin nicht hineingelassen, ich hatte Nagellack aufgetragen, was nicht erlaubt ist.“ Gudarzi arbeitet nebenbei als Kosmetikerin. „Viele von uns haben mehrere Ausbildungen und Jobs. Die Sanktionen treffen unser Land hart, wir müssen sehr viel arbeiten für wenig Geld“, sagt sie.

Nordöstlich von Shiras liegt das sagenumwobene Persepolis, mehr als 500 Jahre v. Chr. gegründet von Dareios I., eine der größten Städte des ersten Perserreichs der Achämeniden. Die Stadt wurde 330 v. Chr. von Alexander dem Großen zerstört und ab 1931 von deutschen Archäologen wieder ausgegraben. Sie fanden Paläste und Befestigungsmauern, Wohnstätten der Könige und die Schatzkammer des Reichs, monumentale Skulpturen und Darstellungen von Stieren, Löwen und Pferden. Deren Überreste ragen heute als steinerne Säulen in den Himmel, Reliefs und verblassende Ornamente zieren verwitterte Felsquader und Steinblöcke. Am Hang der einst prachtvollen Palaststadt liegen die Grabstätten von Artaxerxes II. und Artaxerxes III. wie Bärenhöhlen, bewacht von einem Wachmann, der sich über jeden zu freuen scheint, der in der Hitze des Tages den Aufstieg unternimmt. Sand und Staub liegen wie ein Schleier über der einstigen Hauptstadt und dem Land, das einst so fruchtbar war mit Wasser, Bäumen, Früchten, und Vögeln, ein Land der Trauben und Granatäpfel.

Die heutige Hauptstadt Teheran mit 8,6 Millionen Menschen ist Standort der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen. Sie wächst rasant, es gibt Arbeit und Geld. Die Folgen sind teure Wohnungen und viele Autos, zu manchen Zeiten ist kein Durchkommen durch die verstopften Straßen. Erholung finden die Teheraner am Stadtrand: Darband ist Treffpunkt und Ausflugsziel für junge Leute und Familien, die hier essen gehen, spazieren oder in den höher gelegenen Regionen des Elburs-Gebirges wandern, klettern und Trecking-Touren machen. Auf dem Weg in die Berge verkaufen Händler gelierten, klebrig-sauren Fruchtsaft und Zuckerwatte, es türmen sich Luftballons und Stofftiere, Menschen schieben sich dicht an dicht.

An jedem größeren Gebäude der Stadt, an jeder Moschee prangt Ajatollah Khomeini in schwarzer Robe und mit weißem Bart, den Blick nachdenklich und streng auf einen Punkt irgendwo rechts unten gerichtet. Khomeini wird als Begründer der derzeitigen Staatsform verehrt, als religiöser und politischer Führer, der allein über die Geschicke des Landes bestimmte. Seit seiner Nachfolge 1989 hängt neben ihm der jetzige Ajatollah Chamenei, in gleicher Pose und mit gleichem Blick.

Im Nordwesten der Stadt ragt der Milad-Fernsehturm in den Himmel, ein Bau von 435 Metern Höhe, ein Konstrukt aus Glas und Stahl von der Leichtigkeit eines Halms. Hierher kommen die gut verdienenden Teheraner mit Freunden oder Kindern, die Frauen stark geschminkt, die Kopftücher perfekt gesteckt. Von der Plattform aus verliert sich der Blick in einem Meer von Hausdächern, quadratisch oder rechteckig von Straßen durchschnitten, die sich im Dunst bis zum Horizont ziehen.

Südwestlich von hier liegt der Imam-Khomeini-Flughafen. Bei der Kontrolle werden Frauen von Männern getrennt und in Kabinen von strengen Beamtinnen im Tschador durchsucht. Kaum fährt das Flugzeug über das Rollfeld, wechselt die Musik in der Kabine von klassisch zu westlich. Die Frauen ziehen ihre Kopftücher vom Haar und verstauen sie in ihren Taschen. Draußen in der Dunkelheit blinken und funkeln die Lichter der Millionenmetropole und werden kleiner und kleiner.