Touristen als Entwicklungshelfer

Nachhaltiger Fremdenverkehr bringt in Kambodscha das Alltagsleben nahe - Reisende können so Einheimischen helfen

Gemächlich rollt der Ochsenkarren vor und hält in einer Staubwolke. Das Taxi ist da. Mit einem einladenden Lächeln zeigt der Bauer auf die schmale Ladefläche hinter sich. Ich springe auf. Mit einem Zungenschnalz treibt der Alte die weißen dürren Rinder an. Die lassen sich aber nicht wirklich aus der Ruhe bringen. Auf schmalen Wegen rumpeln wir gemächlich an grünen Reisfeldern vorbei. Arbeiter blicken neugierig auf, manche winken. Als westlicher Tourist fällt man hier noch auf. Reiseführer Chung erklärt auf der Fahrt durch das Dorf Komphein, wie und wovon die 180 Familien starke Gemeinde lebt, die 16 Kilometer abseits vom Touristenmagneten Siem Reap und den Tempeln um Angkor Wat liegt. "Die Menschen leben hauptsächlich vom Reisanbau. Sie arbeiten hart. Doch oft reicht es nicht mal für eine dritte Mahlzeit am Tag", sagt Chung. Einige müssten mit drei Dollar am Tag auskommen - nicht genug, um eine Familie zu ernähren.

Um den Ärmsten in Komphein zu helfen, hat sich im Jahr 2009 die gemeinnützige Initiative Husk gegründet. Sie arbeitet mit Touranbietern wie "The villa siem reap tour" oder "Beyond. Unique Escapes" zusammen, um über nachhaltigen Tourismus die Lebensqualität der Dorfbewohner langfristig zu verbessern. Touristen besuchen das Dorf, helfen bei der Reisernte, flechten Körbe aus Bambus oder kochen ein landestypisches Gericht und lernen so das Leben der Kambodschaner kennen. Ein kleiner Teil des Geldes geht direkt an die Gastfamilie. Der größere Anteil wird jedoch in einen Fonds für die gesamte Gemeinde eingezahlt. Davon werden unter anderem Wasserfilter angeschafft, Schulen gebaut, Bäume gepflanzt und Toiletten eingerichtet. "Wir bitten die Gäste darum, der Gastfamilie keine Geschenke mitzubringen, um Neid unter den Bewohnern zu vermeiden", sagt Chung. Spenden an die Initiative können dagegen gezielt eingesetzt werden. Chung deutet auf eine windschiefe Bambushütte auf Stelzen. Sie besteht aus einem einzigen Raum, der Esszimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Lager in einem ist. Unvorstellbar, dass hier vor Kurzem noch zwei Familien gelebt haben. "Von dem Geld, das die Touristen in das Dorf bringen, konnte eine zweite Hütte gebaut werden", sagt Chung.

Immer mehr Pauschaltouristen und Rucksackreisende entdecken Kambodscha für sich. Hauptattraktion im Königreich zwischen Thailand, Laos und Vietnam sind immer noch die Tempel von Angkor. Auch die Strände zwischen Kep und Sihanoukville, die Bauten aus der französischen Kolonialzeit neben den klassischen asiatischen Tempelanlagen in Phnom Penh oder Bootsfahrten auf dem Mekong sind längst kein Geheimtipp mehr. Außerhalb dieser Attraktionen sind allerdings kaum touristische Strukturen vorhanden. Einige Reiseanbieter machen daraus eine Tugend und bieten Reisen unter dem Stichwort Ökotourismus an. So können Reisende unter einfachen Bedingungen bei Gastfamilien auf dem Land übernachten oder auch nur einen Tag dort verbringen, um sich ein Bild von dem einfachen Landleben ohne Strom und fließend Wasser zu machen und die einmalige Herzlichkeit der Bevölkerung zu erleben. Etliche Partner, darunter die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), fördern nachhaltige Tourismusprojekte.

Der Ochsenkarren stoppt vor einem Holzhäuschen. Hier lebt Shanra mit ihren drei kleinen Söhnen. Für heute sind sie meine Gastfamilie. Shanra erwartet ihr viertes Kind. Bei einem Arzt war die Hochschwangere aber noch nicht. Ihr Mann ist in Thailand, weil er hofft, während der Trockenzeit dort Arbeit zu finden.

Shanra zeigt mir, wie man aus Bambusblättern ein Dach fertigt. Dieses muss spätestens alle drei Jahre erneuert werden, wenn es nicht durchregnen soll. Gemeinsam arbeiten wir daran, legen die getrockneten Blätter übereinander und nähen sie fest. Beim Plaudern vergeht die Zeit schnell. Shanra möchte wissen, wie die Temperaturen in Deutschland sind. Als Chung übersetzt, dass es im Winter sehr kalt ist und Schnee liegt, blickt sie mich aus sanften braunen Augen erstaunt an. Sie hat noch nie Schnee gesehen, nicht einmal im Fernsehen. Ihre Söhne beobachten uns zunächst schüchtern aus der Ferne. Doch schnell haben sie sich an den Anblick der Fremden gewöhnt, und spätestens beim gemeinsamen Gang zum Tümpel rennen die Jungs vorweg und lachen ausgelassen. Wir sollen Wasserblumen für das Mittagessen pflücken. Shanra hat schon einen großen Topf auf dem Feuer, in dem sie eine saure Fischsuppe kocht.

Während die Suppe köchelt, hacken wir Knoblauch, Chili, Zitronengras und Ingwer und mixen es mit zerstoßenem, gesalzenem und fermentiertem Fisch zu einem Dip. "Prahok servieren wir nur zu Festen oder bei wichtigem Besuch", sagt Chung. Ihm läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Doch das i-Tüpfelchen fehlt noch. Er stellt mir eine Schale roter Ameisen hin und fordert mich auf, zu kosten. Die Khmer essen so ziemlich alles, was vier Beine hat (plus minus vier weiterer) und den Rücken zur Sonne trägt. Wer die Stände mit frittierten Schlangen, Kakerlaken und Fröschen gesehen hat, den stellen Ameisen nicht mehr vor Herausforderungen, zumal sie nicht mehr krabbeln. Ich picke mir ein paar Ameisen aus der Schüssel. Jetzt heißt es Augen zu und durch. Hmmm, gar nicht so übel. Sie schmecken intensiv nach Limone. "Die hier kommen von einem Mangobaum und sind deshalb besonders sauer", erklärt Chung. Das heißt: sparsam würzen, sonst wird unser Prahok zu sauer. Gurke und grüne Mango sind schnell geschnippelt. Damit dippen wir. Dazu gibt es Reis, getrockneten Fisch und saure Fisch-Wasserblumen-Suppe. Chung bietet mir außerdem Sandwiches an, die er sicherheitshalber aus dem Hotel mitgebracht hat. Die Jungs freuen sich mehr darüber, und so lasse ich mir unser gemeinsam zubereitetes Mittagessen schmecken. Schließlich findet man Prahok in keinem der zahlreichen Restaurants in Siem Reap.

Nach einer kleinen Mittagspause bringt mich Chung zunächst zum Mönchskloster, dann zur Grundschule, wo die Kinder auf ihren Lehrer warten. Er hat sich verspätet. Keine Seltenheit, meint Chung. Gute Lehrer seien Mangelware. Nur ein paar Schritte entfernt steht die neue Englischschule. Sie wurde von Husk zum Großteil aus Plastikflaschen erbaut. Die Flaschen werden von den Einheimischen mit Werkstoffen gefüllt. Dafür werden sie bezahlt. Dann werden die gefüllten Flaschen wie Ziegel aufgeschichtet und eingemauert. Das ist gut für die Umwelt, und die Kinder haben einen Ort, wo sie Englisch lernen können, um mal bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Wer sich massieren lassen möchte, findet in jeder Stadt "Seeing Hands"

Die Erst- und Zweitklässler sitzen in einem Stuhlkreis und wiederholen auf Englisch, was die Lehrerin ihnen über das Zähneputzen erzählt. Die Wände sind mit bunten Bildern geschmückt, und die Kinder präsentieren sich gegenseitig stolz ihre Zahnlücken und lachen fröhlich. Statt wie sonst üblich auf dem Feld zu ackern, werden einige von ihnen später in einem Büro oder im Tourismus arbeiten können. In einem Gebäude nebenan beugen sich die Frauen über ihre Nähmaschinen. Sie fertigen Kuscheltiere an, die dann im Fair-Trade-Handel verkauft werden - ein weiteres Projekt, das Husk in Komphein initiiert hat. Auch wenn es schwerfällt, sollte man nichts von Kindern kaufen, weil die Eltern sie dann oft nicht mehr zur Schule schicken. Beim Souvenirkauf kann man auf fair gehandelte Ware achten.

Zahlreiche Läden unterstützen die Ausbildung benachteiligter Jugendlicher, helfen Frauen aus armen Familien sowie Behinderten und setzen sich für faire Löhne ein, zum Beispiel Ranjancrafts und Artisans' Association of Cambodia. Viele der kleineren Projekte sind lokal begrenzt und helfen direkt vor Ort. Wer zum Beispiel in Kampot bei Dorsu einkauft, unterstützt die Ausbildung von Frauen. Es lohnt sich also, beim Shoppen genau hinzusehen. Wer sich massieren lassen möchte, findet in jeder Stadt "Seeing Hands". Die Massagen werden von Blinden ausgeführt; der Verdienst hilft ihnen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Meine Arbeit ist für diesen Tag getan. Viel zu schnell sind die Stunden verflogen. Es ist Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. "Li hai", sagt Shanra und schenkt mir zum Abschied ein unvergessliches Lächeln.