Kopenhagen wie im Märchen

Ein Stadtbummel auf den Spuren des berühmtesten dänischen Schriftstellers H. C. Andersen ist wie ein Triumph der Poesie über den Zeitgeist

Dänemarks Hauptstadt mag trendy sein, wie sie will. Das Herz der fröhlichen kleinen Metropole schlägt noch immer dort, wo sich schon vor fast 200 Jahren der Märchendichter Hans Christian Andersen inspirieren ließ: zwischen dem Hafenviertel Nyhavn und dem Vergnügungspark Tivoli oder auch zwischen Schloss Rosenborg und dem Runden Turm.

Herbst 1819: Die dänische Hauptstadt ist noch von Wällen und Gräben umschlossen. Nur einige Hügel und Schlösser wie Rosenborg ragen außerhalb der Stadtmauern aus dem Gewirr der Gassen. Im alten Neuen Hafen, Nyhavn, drängen sich Segelschiffe und Lastkähne. In den Kneipen rechts und links der Kaianlagen wird gebechert, was das Zeug hält. Auf den 14-jährigen Jüngling, der gerade mit der Postkutsche aus Odense angekommen ist, muss die Residenz des Königs von Dänemark und Herzogs von Schleswig und Holstein wirken wie heutzutage New York auf jemanden, der zum ersten Mal die Skyline von Manhattan sieht.

Immerhin drängen sich seinerzeit in Kopenhagen schon 120.000 Menschen. Dieser junge Mann, fest entschlossen, als Schauspieler die Bühnen der Metropole zu erobern, trägt den dänischen Allerweltsamen Hans Christian Andersen. Aber nicht durch sein mimisches Talent, sondern durch seine Märchen, 160 Geschichten voller Magie und Poesie, sollte er schon bald in aller Welt berühmt werden.

Kopenhagen heute: eine Metropole von sympathischen Dimensionen mit nicht einmal halb so vielen Einwohnern wie Hamburg. Noch immer prägen Gemütlichkeit, Heiterkeit und Ausgeglichenheit die Atmosphäre. Die Wälle sind längst geschliffen, die Stadt hat sich ausgedehnt und natürlich vielfach verändert. Aus manchem Traditionsquartier ist ein Szenekiez geworden; so tummeln sich im alten Schlachthofviertel von Vesterbro schon lange Designer, Modemacher und (Lebens-)Künstler, im altehrwürdigen Lateinerviertel rund um die Universität werden Nostalgietouristen fündig - und treffen auf ein bunt-alternatives Völkchen.

Im Zentrum der Metropole hockt, überlebensgroß in Bronze gegossen, ein Mann mit Zylinder, Spazierstock und Buch. Andersens Denkmal steht an der Ecke, wo sich der Rathausplatz und der nach ihm benannte Boulevard treffen. Einen idealeren Ausgangspunkt gibt es nicht, um zu einem Bummel auf den Spuren des Märchendichters aufzubrechen, dessen Bücher in über 140 Sprachen übersetzt wurden, mehr als die Werke irgendeines anderen Autors.

Andersen scheint über den breiten Boulevard hinwegzuschauen, träumerisch in die Ferne. Oder doch zum Tivoli hinüber, der Mutter aller Vergnügungsparks? In der ersten Saison, im Sommer 1843, hat sich Andersen dort im chinesischen Pavillon zum Märchen von der Nachtigall inspirieren lassen. Mit etwas Fantasie lassen die Karussells, die exotischen Bauten, der grüne Charakter an die Zeit vor 170 Jahren zurückdenken.

In seinen Kopenhagener Anfangsjahren zog es H.C. Andersen immer wieder ins Königliche Theater und ans Hoftheater im Schloss Christiansborg. Zwar stellte sich schon bald heraus, dass nicht die Bühnenbretter die Welt für Andersen bedeuten sollten. Aber seine Leidenschaft für Theater und Gesang sicherte ihm früh wohlhabende Gönner, die ihn nahezu täglich zum Essen einluden. Seine Unterkünfte allerdings waren über lange Zeit hinweg eher ärmlich. Zum Beispiel hauste er in der Ulkegade 108 (heute Bremerholmen), in einer leer geräumten Speisekammer ohne Fenster. Kurz darauf zog er in die Dybensgade, nicht weit entfernt vom Hotel d'Angleterre, das sich der arrivierte Dichter Jahrzehnte später häufiger mal gönnen sollte. Am 1. Mai öffnet übrigens Kopenhagens feinste Herberge nach zweijähriger Renovierung wieder: alter Charme, neuer Glanz.

Besonders wohl fühlte Andersen sich an mehreren Adressen in Nyhavn, damals das Viertel der Seeleute, Hafenarbeiter und leichten Mädchen, heute das Lieblingsrevier aller Kopenhagen-Besucher. Im Hotel du Nord, wo heute das Kaufhaus Magasin du Nord steht, logierte H.C. Andersen neun Jahre lang, unterbrochen durch viele Auslandsreisen. Es zog ihn nach Italien, Frankreich, Spanien und oft nach Deutschland: "Reisen heißt leben", so sein Credo, "das Reiseleben ist mir die beste Schule der Bildung geworden."

Vom Runden Turm, der zu Andersens Zeit schon 200 Jahre lang das Observatorium der Universität beherbergte, schaute der Dichter gern auf jenes alte Kopenhagen, von dem heute noch viel erhalten ist. So würden die gelben Häuser am Frederiksholms Kanal noch immer eine gute Kulisse zu einem Andersen-Märchen abgeben. Dort haben sich Hausboot-Bewohner die Idylle als Lebensform bewahrt. Selbst auf Speisekarten wie im Restaurant Els auf Nyhavn, wo der Dichter gern gegessen hat, oder in Porzellanfiguren bei Royal Copenhagen am Amagertorv, von der Kleinen Meerjungfrau bis zum Standhaften Zinnsoldaten, lässt sich dem Dichter nachspüren. Und zur großen Samba-Show, eine Art später Karnevalsumzug, der sich jedes Jahr im Mai mit geradezu südlicher Lebensfreude durch die Stadt wälzt, gehören immer auch Darstellungen aus Andersens zauberhafter Welt.

"Mein Leben ist ein hübsches Märchen, so reich und glücklich", zog Andersen in seiner Autobiografie Bilanz. Das mag nicht immer so gewesen sein, er galt als kauziger Hagestolz und als Hypochonder, als eigenbrötlerisch, aber auch als sehr lebenslustig. Seine letzte Ruhe fand der Dichter 1875 auf dem Assistenz-Friedhof, der so parkähnlich angelegt ist wie der 20-mal größere Ohlsdorfer Friedhof. Zum angesagten Szeneviertel Nørrebro mit seinen vielen Antik- und Multikulti-Läden sind es nur ein paar Schritte.