Pandemie

Wie ein Bargteheider Profi-Windsurfer vor Corona flüchtete

Michele Becker, Profi-Windsurfer aus Bargteheide, hat sich nach seiner Rückkehr für zwei Wochen in einer kleinen Wohnung in Isolation begeben.

Michele Becker, Profi-Windsurfer aus Bargteheide, hat sich nach seiner Rückkehr für zwei Wochen in einer kleinen Wohnung in Isolation begeben.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Michele Becker musste Trainingsaufenthalt auf Teneriffa abrupt abbrechen. Mit dem Auto ging es 2800 Kilometer zurück in die Heimat.

Bargteheide.  Um ein Uhr nachts ist Michele Becker bester Laune, die Müdigkeit wie weggeblasen. Gerade eben hat der 21 Jahre alte Profi-Windsurfer mit seinem Transporter der Marke Iveco das Ortsschild Bargteheide passiert. Dabei war die 2800 Kilometer lange Autofahrt zurück in die Heimat quer durch Spanien, Frankreich, Belgien und Deutschland auch für einen Weltenbummler wie ihn zu Zeiten der Coronakrise kein Zuckerschlecken.

Teneriffa ist Treffpunkt der Elite der deutschen Windsurfer

Die Realität holt den jungen Bargteheider jedoch schnell wieder ein. Wie verabredet wartet Mutter Petra Becker vor der elterlichen Haustür in der Heimat. Mit entsprechendem Sicherheitsabstand wirft sie dem Filius den Schlüssel zu einer leerstehenden Parterre-Wohnung der Familie zu. Michele Becker hatte zuvor beschlossen, sich nach mehrmonatigem Aufenthalt auf der kanarischen Insel Teneriffa freiwillig zwei Wochen in Quarantäne zu begeben. „Wer wie ich längere Zeit mit zwei anderen Jungs in einer Wohngemeinschaft auf engstem Raum zusammengelebt hat, kommt für ein paar Tage schon gut allein klar“, sagt der dunkelhaarige Bargteheider zuversichtlich.

Bis vor Kurzem war Beckers Arbeitsplatz noch das das grün-blaue Wasser des Atlantischen Ozeans vor El Medano im Süden der kanarischen Insel. Teneriffa ist jedes Jahr Treffpunkt der Elite der deutschen Windsurfer, um sich unter bestmöglichen Bedingungen auf die kommende Saison vorzubereiten. Spaniens Maßnahmen, die Coronapandemie in den Griff zu bekommen, erwischten den 21-Jährigen eiskalt. „Landesweit wurde von einem Tag auf den anderen der Ausnahmezustand ausgerufen“, sagt er. Aufgrund der verhängten Ausgangssperre durfte Becker sein im Süden der Insel gelegenes Appartement nur noch für den Einkauf von dringend benötigten Lebensmitteln oder Medikamenten verlassen. Windsurfen war tabu.

Polizisten beobachteten seine Abreise sehr genau

Michele Becker, der normalerweise den ganzen Tag auf dem Wasser verbringt, fühlte sich wie im Gefängnis. „Die ersten Tage habe ich mir mit einigen Freunden noch Gedanken gemacht, wie wir die strengen Regeln umgehen und vielleicht doch noch aufs Wasser gehen können“, sagt der Profi-Surfer und schmunzelt. „Durch das resolute Auftreten der örtlichen Polizei hatte sich das Ganze aber schnell erledigt. Einen Jogger sollen zwei Polizisten sogar vor unserer Haustür auf der Promenade angehalten und verhaftet haben.“

Becker entschloss sich, früher als geplant nach Bargteheide zurückzukehren. Das Beladen seines Iveco Daily beobachteten zwei Polizisten mit Argusaugen. „Mit strengem Blick und ohne ein Wort zu verlieren fuhren sie in einem Streifenwagen mehrmals im Schritttempo an mir vorbei, dabei kam ich mir vor wie ein Schwerverbrecher“, sagt Becker. In englischer Sprache erklärte er den Ordnungskräften daraufhin die Situation.

„Ich fühlte mich ständig unter Beobachtung.“

Die 36 Stunden andauernde Reise mit der Fähre von Santa Cruz de Tenerife auf das spanische Festland verlief dagegen reibungslos. „Beim Betreten des Schiffes erhielt jeder Passagier ausreichend Desinfektionsmittel. Der Umgang untereinander – bei Einhaltung des entsprechenden Sicherheitsabstands – war locker und freundlich“, sagt Becker. Zwei Nächte verbrachte er auf einer Isomatte im Aufenthaltsbereich des Schiffes.

Die Idee, Freunde für ein paar Tage in Tarifa zu besuchen, verwarf der 21-Jährige schnell wieder. „Ich wollte nur noch auf die Autobahn und schnurstracks bis nach Hause durchfahren“, sagt Becker. „Selbst beim kurzen Halt an der Tankstelle oder dem Gang zur Toilette hatte ich immer ein ungutes Gefühl“, sagt Becker. „Mit Mundschutz wollte ich sowenig wie nötig reden und bloß nichts anfassen. Dazu fühlte ich mich ständig unter Beobachtung.“

Keine Überprüfung an der Kontrollstelle zu Deutschland

Je weiter seine Reise nach Norden führte, desto mehr entspannte sich die Lage. Mulmig wurde ihm noch einmal an der Grenze zu Frankreich. „Minutenlang musste ich zusehen, wie die Grenzbeamten das Auto vor mir aufs Genaueste kontrollierten“, sagt der junge Stormarner. „Mich hingegen winkten sie anschließend ohne jeglichen Kommentar durch.“ An einer Mautstelle im Norden des Landes musste Becker noch einmal auf dem Seitenstreifen anhalten und erklären, weshalb er durch Frankreich fahre. „Dafür hätte ich eigentlich vor Beginn der Fahrt ein Formular aus dem Internet herunterladen und ausfüllen müssen“, sagt der Profi-Surfer. „Da ich aber keinen Drucker besaß, erstellte ich das Formular handschriftlich. Zum Glück gab es keine Beanstandungen.“

An der Grenze zu Belgien munterten die Beamten den jungen Wassersportler in gebrochenem Deutsch auf, dass er es ja nun bald geschafft habe. An der Kontrollstelle zu Deutschland, die Becker gegen 21 Uhr passierte, gab es dann keine Überprüfung.

Becker ist Stormarns Sportler des Jahres 2017

Michele Becker, der vor zwei Jahren als deutscher U20-Meister im Slalomfahren von den Lesern der regionalen Zeitungen sowie einer aus Funktionären des Kreissportverbands Stormarn und Sportjournalisten zusammengesetzten Jury zu Stormarns Sportler des Jahres 2017 gekürt wurde, hofft auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität. Noch hält er an dem Ziel fest, sich so schnell wie möglich in der Spitze der deutschen Surfer etablieren. Seine beiden Hauptsponsoren – die Firmen Duotone und Fanatic – halten dem 21-Jährigen auch während der angespannten Lage die Treue. Becker: „Egal, wann die Saison beginnt, dass ich auf Hilfe zählen kann, gibt mir ein gutes Gefühl.“