Stormarn
Karate

Reinbekerin fährt zur WM nach Chile

Arlette Haacke von der TSV Reinbek hat allen Grund zur guten Laune. In Budapest löste sie für viele überraschend doch noch das Ticket für die U18-Weltmeisterschaften in Südamerika.

Arlette Haacke von der TSV Reinbek hat allen Grund zur guten Laune. In Budapest löste sie für viele überraschend doch noch das Ticket für die U18-Weltmeisterschaften in Südamerika.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Karatekämpferin Arlette Haacke vom TSV Reinbek kämpft Ende des Monats in der Hauptstadt Santiago um eine Podiumsplatzierung.

Reinbek.  Wie es der Zufall will: In der Schule beschäftigt sich Arlette Haacke seit einigen Wochen mit dem Land Chile zu Zeiten des Diktators Augusto Pinochet – aufgrund der vielen Menschenrechtsverletzungen zwischen 1973 und 1990 sicherlich ein eher unerfreuliches Thema.

Gleichzeitig löst der Name der südamerikanischen Nation bei Arlette jede Menge Glückshormone und grenzenlose Vorfreude aus. Die 16-Jährige von der TSV Reinbek hat sich für die U18-Weltmeisterschaften im Karate qualifiziert, die vom 23. bis 27. Oktober in Chiles Hauptstadt Santiago de Chile ausgetragen werden. „Realisiert habe ich das Ganze noch nicht wirklich“, sagt Arlette mit funkelnden Augen. „Das WM-Ticket habe ich mir quasi erst auf den letzten Drücker gesichert. Nun ist vielleicht sogar Edelmetall in Reichweite.“

Vor dem kürzlich in Budapest (Ungarn) ausgetragenen abschließenden Qualifikationsturnier war die Ausgangslage klar. Arlette benötigte in der Gewichtsklasse bis 48 Kilogramm unbedingt eine Medaille. Zudem musste sie eine bessere Platzierung erreichen als die Berlinerin Seden Bugurr, ihre direkte Konkurrentin im Kampf um den letzten WM-Startplatz. Alles lief nach Plan: Sedin schied überraschend in der ersten Runde aus, Arlette gewann die Bronzemedaille. „Bei der Siegerehrung sind mir die Freudentränen in Strömen aus den Augen geschossen“, sagt Arlette. „Ich kann mich nicht erinnern, vor Glück schon einmal so geheult zu haben.“

Am 15. Oktober bezieht Arlette ein Trainingslager

Vereinskameradin Pauline Sattler dagegen verpasste die WM-Teilnahme nur hauchdünn. Die 16 Jahre alte Reinbekerin ging in Budapest in der Gewichtsklasse bis 53 Kilogramm sogar als eine der Favoritinnen an den Start, unterlag in Runde eins nach einer nicht gewerteten Fußtechnik aber unglücklich mit 0:1. Jugendbundestrainer Klaus Bitsch entschied sich gegen Pauline und für Michelle Süß aus Brandenburg.

Das Abenteuer „Weltmeisterschaft“ beginnt für Arlette nun am kommenden Dienstag, 15. Oktober. Für vier Tage bezieht die 16-Jährige zunächst gemeinsam mit ihren Nationalmannschaftskollegen in der Nähe von Frankfurt ein Trainingslager. Von Hessens größter Stadt aus geht es dann am Freitag, 19. Oktober, per Direktflug weiter in die chilenische Millionenmetropole.

Im Sommer vergangenen Jahres hätte wohl niemand einen Cent auf eine WM-Teilnahme der 16-Jährigen gewettet: Nach dem Aus in der ersten Runde bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt (Thüringen) hatte Arlette vom Karatesport die Nase voll. „Ich hatte monatelang trainiert, war hervorragend eingestellt und auf den Punkt topfit und dann dieser Rückschlag“, sagt Arlette. „Das hat mich emotional derart getroffen, dass ich mit dem Karate eigentlich ganz aufhören wollte.“ Arlette blieb den Trainingseinheiten fern, hielt aber den Kontakt zu Trainer Timo Stieger-Fleischer, Kai Beck, Diana Vip und Pauline Sattler aufrecht.

Der Verein ist für mich wie eine Familie

„Keiner hat mich gedrängt, alle haben mir lediglich gut zugeredet, ich soll meinen Entschluss doch bitte noch einmal überdenken“, sagt Arlette. Nach kurzer Gedankenpause fügt sie hinzu: „Da habe ich gespürt, dass der Verein für mich wie eine Familie ist, die ich sehr vermisse.“ Nach sechs Monaten holte die junge Reinbekerin den Karateanzug nebst Handschuhen aus dem Schrank und kehrte zurück auf die Matte.

„Arlette ist eine äußerst leidenschaftliche und emotionale Kämpferin mit einem riesengroßen Herz“, sagt Stieger-Fleischer. „Sie verfügt mittlerweile auf der Matte aber auch über die nötige mentale Balance. Arlette hat gelernt, dass manche Situationen nicht nur emotionales Handeln, sondern bei der Umsetzung der taktischen Vorgaben auch einen klaren Kopf erfordern.“

Eine gehörige Portion Selbstbewusstsein bewies die französischstämmige Teenagerin bereits im Alter von zwölf Jahren, als ihr damaliger Trainer zu viel Druck auf sie ausübte. „Ich brachte meine Leistung, verhielt mich als Zwölfjährige vielleicht aber nicht so professionell wie er es sich vorstellte“, sagt Arlette und schmunzelt. „Als er mir nahelegte, den Verein zu verlassen, sagte ich zu ihm: ,Man sieht sich immer zweimal im Leben. Beim nächsten Mal bin ich dann vielleicht Weltmeisterin.’“