Stormarn
Rethwisch

Jugger findet immer mehr Anhänger

VfL Rethwisch etabliert junge Sportart als Sparte. Am zweiten Wochenende im Juli werden mehr als 130 Sportler zum Turnier in Stormarn erwartet

Rethwisch. Sonnabendvormittag im Kurpark von Bad Oldesloe. Spaziergänger bleiben wie angewurzelt stehen. Einige runzeln die Stirn, andere lächeln süffisant. „Meist wird gefragt, was wir da treiben“, sagt Jan Schliep vom VfL Rethwisch. „Meine Antwort ist meist dieselbe: ‚Wir trainieren eine relativ junge Sportart, die man ,Jugger‘ nennt.“

Der rasante Rasensport findet in Deutschland immer mehr Anhänger. Ähnlich wie beim American Football oder Rugby geht es darum, den Jugg (so die Bezeichnung des Spielballs) zu erobern und so oft wie möglich im gegnerischen Tor (das sogenannte Mal) unterzubringen. Seit März 2011 ist Jugger in Rethwisch innerhalb des VfL als Sparte organisiert. Seit 2003 werden in der German Jugger League nationale Titelkämpfe ausgetragen, zudem Einzelturniere für alle Altersgruppen angeboten.

Im Unterschied zu den meisten anderen Mannschaftssportarten treten männliche und weibliche Spieler gemeinsam in einem Team an. Um den eigenen Ballträger vor gegnerischen Abwehrspielern zu schützen, setzen sie mit Schaumstoff gepolsterte Sportgeräte – die sogenannten Pompfen – ein. Wird ein Spieler von einer Pompfe getroffen, muss er für einen bestimmten Zeitraum aussetzen und darf nicht aktiv in das Spielgeschehen eingreifen. Verboten sind Treffer an Kopf und Händen. „Die Einhaltung der Regeln erfordert von jedem Spieler ein hohes Maß an Disziplin und Fairness“, sagt Schliep, „was unserem Sport wiederum einen gewissen pädagogischen Wert verleiht.“

Die Spielzeit wird in Trommelschlägen gemessen, die etwa einem Takt von 1,75 Sekunden entsprechen. Eine Partie dauert in der Regel zweimal 100 Trommelschläge (reine Spielzeit). Das Spielfeld misst 20 x 40 Meter, die beiden Male befinden sich zwei Meter von der jeweiligen Grundlinie entfernt. Als Spielball dient eine aus Schaumstoff gefertigte Nachbildung eines Hundeschädels. Dieses ungewöhnliche Spielgerät ist an den australischen Endzeit-Film von 1989 „Die Jugger – Kampf der Besten“ angelehnt, in dem umherziehende Mannschaften sich bei Wettkämpfen ihren kargen Lebensunterhalt verdienen.

In dem Hollywood-Streifen mit Hauptdarsteller Rutger Hauer gehen die Akteure äußerst brutal zur Sache, so dass Knochenbrüche und Platzwunden an der Tagesordnung sind. „Unsere Variante des Juggers hingegen ist nicht verletzungsanfälliger als gängige Sportarten wie Fuß- oder Handball“, sagt Schliep. Seit Jahren kämpft Rethwischs Spartenleiter gegen Vorurteile.

„Meist sind es Vorwürfe wie ‚Gewalt verherrlichende Sportart‘ oder ‚brachiale Aktionen’“, sagt Schliep. „Dabei ist unser Sport selbstregulierend. Jeder Ansatz von übermotiviertem Einsatz der Sportgeräte stößt innerhalb der Mannschaft schnell an seine Grenzen.

Jaqueline Kielmann ist Läuferin der Rethwischer „Victims“. Vor zwei Jahren hat die 16-Jährige Jugger für sich entdeckt. „Ich war sofort von diesem schnellen, dabei aber sehr fairen Mannschaftssport begeistert“, sagt sie. „Zudem verbindet die Szene untereinander ein ausgeprägter Teamgeist.“

Beim VfL Rethwisch verteilen sich 35 Mitglieder der Sparte auf zwei Mannschaften. „Eine Dritte befindet sich im Aufbau“, sagt Schliep, „Gerade bei Kindern und Jugendlichen wird Jugger immer beliebter.“ Der 13-Jährigen Luna Harms gefällt, „dass Jungen und Mädchen gemeinsam in einer Mannschaft spielen können.“ Mannschaftskollegin Laura-Marie Stürmer, 15, hat sich vor viereinhalb Jahren auf die Kette spezialisiert. „Ein sehr cooles Spielgerät“, sagt die Zehntklässlerin der Oldesloer Theodor-Mommsen-Schule. Sie erklärt: „Die Kette ist die wirkungsvollste Pompfe und wird deshalb besonders intensiv von der gegnerischen Mannschaft attackiert. Nicht selten steht Laura-Marie, wenn es um ihren Lieblingssport geht, spöttisch lächelnden Schulkameraden gegenüber. „Der Hohn vergeht den meisten, wenn sie das erste Mal beim Training vorbeischauen“, sagt die 15-Jährige. „Jugger muss man selbst gesehen haben, bevor man ein Urteil fällt.“

Tim Honsack benutzt seit kapp fünf Jahren das Q-Tip. Ein beidhändig geführtes Sportgerät, welches sich sowohl zum Stechen als auch zum Schlagen eignet. Der 20-Jährige studiert in Rostock Alte Geschichte und Klassische Archäologie. „So oft wie möglich besuche ich in Rethwisch meine Eltern und wenn es zeitlich passt, schau ich beim Training vorbei“, sagt Honsack.

Schliep lädt jeden Interessierten ein, Jugger während einer Trainingseinheit kennen zu lernen. Rethwischs Spartenleiter bittet vorab um einen kurzen Kontakt per E-mail an die Adresse jugger@vfl-rethwisch.de.