Reinbek

Architekt: „Abriss des Rathauses wäre der helle Wahnsinn“

| Lesedauer: 7 Minuten
Susanne Tamm
Horst Schlund, Architekt des Reinbeker Rathauses, mit einem Fotos seines Werkes: Die Stockwerke sind abgestuft, sodass das Bauwerk zur Nachbarschaft hin nicht massiv wirkt. Auf der Aufnahme aus den 1970er Jahren ist das Rathaus noch im Bau, im Hintergrund ist das Nagel-Hochhaus zu sehen.

Horst Schlund, Architekt des Reinbeker Rathauses, mit einem Fotos seines Werkes: Die Stockwerke sind abgestuft, sodass das Bauwerk zur Nachbarschaft hin nicht massiv wirkt. Auf der Aufnahme aus den 1970er Jahren ist das Rathaus noch im Bau, im Hintergrund ist das Nagel-Hochhaus zu sehen.

Foto: Susanne Tamm

1969 hatte Horst Schlund das Gebäude in Reinbek konzipiert. Weil er ein Urheberrecht hat, müssen Pläne mit ihm abgestimmt werden.

Reinbek.  Es ist nicht sein größtes, aber doch das entscheidende Bauwerk seiner Laufbahn: Das Rathaus Reinbek. Architekt Horst Schlund geht auch heute noch im Alter von 88 Jahren jeden Werktag für ein paar Stunden ins Büro, in das mittlerweile auch sein Sohn, Architekt Torsten Schlund, mit eingestiegen ist. „Warum sollte ich nicht mehr arbeiten? Viele Handwerker oder Künstler tüfteln doch auch gern noch und gehen nicht in den Ruhestand.“ Lächelnd erzählt er: „Ein früherer Chef von mir hat immer gesagt, ein Architekt muss irgendwann hinter seinem Zeichenbrett zusammenbrechen.“

Von einem Zusammenbruch scheint der Reinbeker jedoch weit entfernt. Auch heute noch, fast 50 Jahre, nachdem das Rathaus fertig gestellt worden ist, erinnert er jede Einzelheit: die Materialien, die Baustruktur und die Entstehungsgeschichte. Alle Unterlagen und Pläne sind noch in seinem Büro. Nur das kleine preisgekrönte Modell steht irgendwo im Rathaus, um das jetzt in der Politik eine Diskussion entbrannt ist: abreißen oder sanieren?

Rathaus Reinbek: Horst Schlund hat das Urheberrecht auf das Bauwerk

Für den Architekten Schlund steht fest: „Ein Abriss wäre der helle Wahnsinn!“ 1969 gewann er mit seinem Entwurf den Architektenwettbewerb, bis heute hat er das Urheberrecht inne. Inspiration habe er nicht gebraucht, erklärt er. „Am Anfang eines Gebäudes steht eine Grundidee, aus der alles andere wächst.“ Beim Rathaus sei es die gewesen, dass im Kern der dreibündigen Gebäudeanlage das alte Rathaus steckt. Der alte Gebäuderiegel wurde ein neuer mit drei Bürotrakten. „Er ist absolut intakt. Eine erneute Erweiterung des gesamten Gebäudes würde keinen Unterschied machen“, bekräftigt der Architekt. Von außen ist das alte Rathaus nicht mehr zu erkennen. Im Innern gibt es nur noch Spuren davon: eine alte Treppe und Glocken.

„Ach Gott, die“, erinnert sich der 88-Jährige. „Das war eher eine Bimmel als eine Riesenglocke. Wir waren schon am Bauen, da mussten die plötzlich noch untergebracht werden.“ Sie fanden schließlich Platz in einem Vorraum im Aufzugsschacht. „Vermutlich verstauben sie dort noch heute“, sagt er.

Nach 50 Jahren hat der Architekt Verbesserungsvorschläge

„Immerhin ist es nächstes Jahr 50 Jahre in Betrieb. Dafür hat sich das Ding doch ganz gut gehalten“, stellt er fest. „Die holzfurnierten Wände im Innern sind noch genauso schick wie immer.“ Über die Farbgebung aus sattem Orange und Blau habe man sich damals auch schon gestritten. Aber die einst teuren Innenwände seien über die Jahre kostengünstig pflegeleicht geblieben: Niemand hätte Löcher zuspachteln, neu verputzen oder streichen müssen. „Aber bei der Farbgebung würde ich mit mir reden lassen“, sagt der Senior.

Er hat nach den fünf Jahrzehnten Verbesserungsvorschläge, die einen Abriss obsolet machten. „Schließlich kann man von einer alten Dame nicht erwarten, dass sie noch so attraktiv und begehrenswert wie mit 20 ist“, sagt er trocken. „Aber Proportionen und Architektur sind noch in Ordnung.“ Die Fassade aus den horizontalen profilierten Betonbändern würde er heute aber nicht mehr in diesem Material gestalten. „Denn bei nassem Wetter sieht das sehr unschön aus“, stellt er fest. Vor allem, weil sie unregelmäßig trocknen.

Vorgehängte Fassade lässt sich sanieren

Im Gegensatz zu den Runzeln sei die Außenhaut des Rathauses jedoch leicht und vor allem zufriedenstellend zu sanieren und zu erneuern: „Die Fassade besteht aus vorgehängten Betonelementen“, sagt er. „Die kann man leicht abnehmen, neue gedämmte Fenster und eine vernünftige Dämmung an die Wand, dann hängt man eine Fassade aus Aluminium, oder eine verputzte Fassade davor, fertig.“

Tatsächlich hatte er damals eine vierfache Dämmung mitgeplant, die damals kritisch beäugt wurde. „Heute gilt dieser Dämmwert als Nullwert“, sagt er achselzuckend. Auch die Rigips-Innenwände ließen sich größtenteils herausnehmen und so die Räume neu aufteilen. „Da bleiben nur einige Stützen und einige tragende ausgesteifte Wandteile, wie der Aufzugsschacht, übrig“, erläutert der Architekt.

Horst Schlund und sein Sohn sind sich einig, dass schon aus ökologischen Gesichtspunkten ein Abriss unwirtschaftlich wäre: Unter dem Rathaus liegt nicht nur die Tiefgarage, sondern auch noch ein zweigeschossiger Bunker. Beim Abbruch würde zu viel „graue Energie“ verschwendet. Das sage er aus Überzeugung, nicht weil er auf den Auftrag aus wäre. Sein Urheberrecht sei ein Mitspracherecht, es sei natürlich nicht verpflichtend, dass er oder sein Sohn Torsten als sein Nachfolger auch den Auftrag für eine Sanierung bekämen.

Rathaus-Erweiterung war mit eingeplant

„Andererseits wäre es natürlich sinnvoll“, sagt er. Und Sohn Torsten ergänzt: „Wir bräuchten keine Bestandsuntersuchung machen, weil wir alles haben. Vor zehn Jahren haben wir alles schon einmal durchgeplant und einen Kostenvoranschlag gemacht. Damals ergaben sich für einen Neubau auf der „grünen Wiese“ Kosten von etwa 14 Millionen Euro. Der Abbruch wurde auf knapp 700.000 Euro geschätzt. Aber das waren die Preise und Planungen von vor zehn Jahren“, betont Torsten Schlund. In der Zwischenzeit wurde die Sanierung immer wieder verschoben, weil es in Reinbek andere Prioritäten gab: die Schulen. Horst Schlund ist der Ansicht, der heutige Standort sei ideal, „schon allein wegen der guten S-Bahn-Anbindung.“

Bereits lobend im Urteil der Jury erwähnt wird übrigens auch die eingeplante Möglichkeit zur Erweiterung des Rathauses. „In der Tiefgarage sind bereits die Pfeiler vorhanden, die man auf dem Parkdeck fortsetzen könnte“, berichtet Horst Schlund. „Ich habe es schon mehrmals gesagt, aber es hört ja nie jemand zu: Auf der Grundfläche des Parkdecks von rund 200 Quadratmetern könnte man noch einen dreistöckigen Erweiterungsbau neben dem Lichthof ansetzen. Die Stellplätze auf dem Parkdeck darunter könnten erhalten bleiben, wären aber vermutlich durch die Säulen etwas kleiner.“

Die Definition von „grauer Energie“

Die sogenannte graue Energie bezeichnet die Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes – oder eines Gebäudes – aufgewendet werden muss. Vom Fundament bis zur Dachpfanne benötigt jedes Bauteil eine gewisse Menge Energie für die Herstellung und den Transport.

Einige basieren auf endlichen Ressourcen wie Erdöl oder seltenen Erden, andere hingegen basieren auf nachwachsenden Rohstoffen wie Holz oder anderen Pflanzen. Dabei sind manche Materialien und Rohstoffe leichter herzustellen oder zu gewinnen als andere. (Quelle: Stiftung Baukulturerbe) Stahlbeton ist besonders energieintensiv in der Herstellung.

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