Spektakuläre Festnahme

RAF-Terror: Als der Sachsenwald Geschichte schrieb

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Volker Gast
Ein Polizeihubschrauber landet am 16. November 1982 auf einer gesperrten Straße im Sachsenwald. Der führende Kopf der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF), Christian Klar, wurde hier gefasst.

Ein Polizeihubschrauber landet am 16. November 1982 auf einer gesperrten Straße im Sachsenwald. Der führende Kopf der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF), Christian Klar, wurde hier gefasst.

Foto: dpa / picture alliance / dpa

Die Entdeckung eines Erddepots in Seevetal weckt Erinnerungen an die spektakuläre Festnahme von Christian Klar im Jahr 1982.

Reinbek. Er könnte der Mann sein, der beim Bäcker in der Schlange vor einem wartet. Den man schon vergessen hat, wenn man mit der Tüte Brötchen in der Hand den Bäcker verlässt. Seit zwölf Jahren lebt der frühere RAF-Terrorist Christian Klar, inzwischen ein 68 Jahre alter Senior, zurückgezogen in Freiheit – in der Gesellschaft, die er einst bis aufs Blut bekämpfte. Er arbeitete als Kraftfahrer, absolvierte ein Praktikum am Berliner Ensemble und erstellte den Internet-Auftritt für den Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm.

Als der Politiker der Linken 2016 für Klar einen Hausausweis für den Deutschen Bundestag beantragte, wurde das Arbeitsverhältnis öffentlich. Der Bundestag lehnte ab. „Aus Sicherheitsgründen.“

Depot in Seevetal entdeckt: RAF oder RZ?

In diesen Tagen wird die Erinnerung an den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF), zu deren führenden Köpfen Klar gehörte, und an seine spektakuläre Festnahme 1982 im Sachsenwald wieder lebendig. In Helmstorf bei Seevetal in Niedersachsen entdeckten Waldarbeiter ein mutmaßliches Erddepot.

Zunächst hatte das LKA vermutet, dass das Depot in den frühen 1980er Jahren von der RAF angelegt worden sein könnte. Mittlerweile deute die Auswertung der sichergestellten Schriftstücke eher auf Urheber aus den Reihen der Gruppierung Revolutionäre Zellen (RZ) hin, heißt es.

In einem Fass fanden sich Flüssigkeiten sowie Schriftstücke aus den 80er-Jahren. Darunter sollen laut NDR Anleitungen gewesen sein, wie bei einem Bombenanschlag möglichst viele Menschen verletzt und getötet werden können. 18 solcher Erdbunker soll die RAF in ganz Deutschland angelegt haben. 14 hat man bislang gefunden. Einer davon, der Erdbunker „Daphne“ im Sachsenwald, wird Top-Terrorist Christian Klar im Herbst 1982 zum Verhängnis.

Polizei findet 1982 RAF-Versteck im Sachsenwald

Schon Ende Oktober 1982 hatte die Polizei bei einem weiteren RAF-Versteck im Frankfurter Stadtwald einen Lageplan gefunden, der auf ein Versteck im Sachsenwald hinwies. Am 11. November 1982 kommt Bewegung in die Sache. In Frankfurt gehen Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz und zwei weitere RAF-Mitglieder der Polizei ins Netz. Bei den Frauen finden die Beamten einen Codierschlüssel, der auf den Lageplan im Sachsenwald passt.

Im Erddepot lagern zahlreiche Waffen, 90 falsche Pässe und über mehr als 10.000 Mark Bargeld. In drei Erdlöchern gehen daraufhin die Beamten einer Spezialeinheit aus Eutin in Stellung. Der Einsatz von Infrarot-Sensoren, die auf Körperwärme reagieren, erlaubt es ihnen, sich in einiger Distanz zum Erdbunker „Daphne“ aufzuhalten. Tagelang lang harren sie dort rund um die Uhr aus. Die Aktion ist so geheim, dass noch nicht einmal die örtliche Polizei etwas davon ahnt. Doch zunächst passiert nichts.

Christian Klar ist zu dieser Zeit der meistgesuchte Terrorist Europas. Aufgewachsen mit vier Geschwistern in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Freiburg, hatte er sich in einer Wohngemeinschaft mit seiner Freundin Adelheid Schulz und den späteren RAF-Terroristen Günter Sonnenberg und Knut Folkerts in den Jahren zwischen 1974 und 1976 radikalisiert. Im Herbst 1976 schmuggelt er mit zwei Mittätern vier Waffen aus dem Aostetal nach Deutschland. Es ist seine erste nachweisbare Verbindung zur RAF. Im Januar 1977 schießt er auf einen schweizerischen Grenzbeamten und einen Autofahrer, dessen Fahrzeug er stehlen will. Die Spirale der Gewalt beginnt sich immer schneller zu drehen.

RAF-Anschläge: Neun Morde und elf Mordversuche

Im Terrorjahr 1977 versucht die „zweite Generation“ der RAF, zu deren führenden Köpfen Klar mittlerweile zählt, die inhaftierten Mitglieder mit einer Serie von Anschlägen freizupressen. Im April 1977 werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter auf offener Straße erschossen. Im Juli folgt der Mordanschlag auf den Bankier Jürgen Ponto, und am 5. September sterben bei der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer seine vier Begleiter.

Der „Deutsche Herbst“, ein wochenlanges Nervenspiel um eine Freilassung der RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin sowie ihrer Weggefährten, endet schließlich mit der Ermordung Schleyers und der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“.

Christian Klar ist an allen Anschlägen mit Ausnahme der Flugzeugentführung beteiligt und wird dafür später wegen neunfachen Mordes und elffachen Mordversuchs verurteilt werden. Der RAF-Forscher Butz Peters beschreibt ihn in seinem Buch „Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF“ als „eiskalten Macher, der immer die nächste Aktion im Sinn hatte“.

Christian Klar war ein Schachspieler des Grauens

Klar selbst hat sich stets geweigert, sich über seine Motivationen in dieser Zeit zu äußern. „Ich lehne es ab, die RAF als Kriminalfall zu besprechen“, beschied Klar 2007 dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, als der ihn aufforderte, der RAF und der Gewalt abzuschwören. Köhler verweigerte daraufhin die Begnadigung.

In einem Interview mit der sozialistischen Wochenzeitung „Der Freitag“ resümierte Klar ebenfalls 2007 über die Terrorzeit: „Man muss feststellen: Die Sache unterlag.“ Wohlgemerkt: „die Sache“, nicht „meine Sache“ oder „unsere Sache“. Als sei ein Terrorakt eine Art behördlicher Vorgang, bei dem Gefühle keine Rolle spielen. Klar, der „eiskalte Macher“, war ein Schachspieler des Grauens, intelligent, aber ohne Empathie. Und am 16. November 1982 sollte er seinen letzten, fatalen Zug machen. Der Sachsenwald wird zum Schauplatz eines historischen Vorgangs.

Um 13.16 Uhr lösen die Infrarot-Sensoren aus

Es ist ein trüber, nasskalter Tag. Dauerregen rieselt seit Stunden auf die kahlen Bäume des Sachsenwaldes herunter, als zur Mittagszeit ein junger, schlanker Mann in einem dunkelblauen Trainingsanzug sein grünes Fahrrad in der Nähe des S-Bahnhofs Friedrichsruh abstellt und im Sachsenwald verschwindet. Ein Jogger, der noch schnell eine Runde drehen möchte, so scheint es.

Doch der Mann schlägt sich tief ins Unterholz einer Tannenschonung. Scheinbar ziellos wandert er im Zickzack durch den Wald. Um 13.16 Uhr lösen die Infrarot-Sensoren aus. Die sechs Polizeibeamten in den drei Erdlöchern sind gewarnt. Schließlich taucht der Mann nahe vor einem ihrer getarnten Erdlöcher auf, blickt sich suchend um und kniet nieder. „Mir standen die Haare zu Berge“, wird einer der Beamten, die den Zugriff vollzogen, später der Neuen Ruhr-Zeitung erzählen.

Christian Klar fünfmal zu lebenslanger Haft verurteilt

Mit der Maschinenpistole im Anschlag springt der Beamte hervor und ruft: „Halt, Polizei – keine Bewegung!“ Der Mann starrt den Polizisten mit großen Augen an, lässt sich dann wie vom Blitz getroffen auf den Boden fallen – und widerstandslos festnehmen. Nun geht alles ganz schnell: Mehr als 40 Polizeiwagen rasen durch den Sachsenwald, Hubschrauber kreisen in der Luft, ganz Friedrichsruh ist abgeschirmt.

Der Mann hat einen Pass auf den Namen Martin Barbarossa Wymand bei sich, doch nach dem Test des Fingerabdrucks ist klar: Es handelt sich um Christian Klar. Er wird zu fünfmal zu lebenslanger Haft verurteilt, die er in Einzelhaft absitzen muss. Am 19. Dezember 2008, nach 26 Jahren, wird er auf Bewährung entlassen. Aus Protest dagegen gibt Jürgen Vietor, der Co-Pilot der „Landshut“, der durch sein besonnenes Verhalten während der Entführung zum Helden wurde, sein Bundesverdienstkreuz zurück.

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