Freizeitvergnügen

Wie Micropuller René Freimann zu Gold ziehen

| Lesedauer: 5 Minuten
Lutz Kastendieck
Modellbauer René Freimann aus Bargteheide und vier seiner Topmodelle, mit denen er schon zahlreiche Pokale eingefahren hat.

Modellbauer René Freimann aus Bargteheide und vier seiner Topmodelle, mit denen er schon zahlreiche Pokale eingefahren hat.

Foto: Privat / HA

Der erfolgreiche Modellbauer aus Bargteheide gehört inzwischen zu den Stars der Szene.

Bargteheide.  Dass Modellbauer René Freimann seinem größten Freizeitvergnügen nicht nur leidenschaftlich, sondern auch überaus erfolgreich frönt, beweist seine inzwischen umfangreiche Trophäensammlung. Im dänischen Görding hat der 27-Jährige aus Bargteheide jüngst wieder einmal buchstäblich viel Staub aufgewirbelt. Denn in der kleinen Gemeinde 20 Kilometer östlich von Esbjerg ist er erneut Europameister im Micropulling geworden, der Miniaturvariante des spektakulären Traktor Pulling.

Toptraktoren in den USA kosten 450.000 Dollar

„Als ich solch einen Wettkampf vor zehn Jahren im niedersächsischen Edewecht das erste Mal live verfolgte, war ich sofort infiziert“, sagt Freimann, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Schiere Motorkraft in maximale Zugkraft umzusetzen, finde er faszinierend. „Weil das viel mit Physik und Technik zu tun hat“, erklärt Freimann sein Faible.

Am liebsten würde er ja beim echten Traktor Pulling mitmischen. Doch dazu fehle ihm leider das nötige Kleingeld. Im Mutterland dieses Motorsports, den USA, würden Toptraktoren bis zu 450.000 Dollar kosten. Aufgerüstet seien sie zuweilen mit Hubschrauber-Turbinen, aus Stabilitätsgründen werde aber auch viel Titan und Karbon verbaut. In Europa müsse man mindestens 250.000 Euro in konkurrenzfähige Kraftprotze investieren.

Zum Meisterschaftsauftakt kommen 20.000 Fans

Ziel beim Traktor Pulling ist es, einen Bremswagen möglichst weit zu ziehen. Der auf dem Schlitten verbaute Gewichtsbehälter rutscht dabei auf einer Schiene immer weiter nach vorn, um so den Zugwiderstand sukzessive zu vergrößern. Dieses spektakuläre Kräftemessen verfolgen bei Traditionsveranstaltungen in Deutschland, wie etwa dem nationalen Meisterschaftsauftakt im westfälischen Füchtorf, alljährlich am letzten Sonntag im April bis zu 20.000 Zuschauer.

Dass es diesen Sport auch zehn Nummern kleiner gibt, ist für René Freimann ein Segen. „Hier kann ich meine Leidenschaft ausleben, ohne Zehntausende Euro ausgeben zu müssen“, sagt er. Die technischen Herausforderungen seien indes fast die gleichen. Das Regelbuch umfasst auch hier 50 Seiten. Länge, Breite und Höhe der Modelle im Maßstand 1:10 sind ebenso reglementiert, wie die maximale Motorleistung von 7,4 Volt.

Auch die Minimodelle können extrem laut sein

„Da bleibt noch jede Menge Spielraum zum Tüfteln, Tunen und Optimieren“, erklärt der Modellbauer, der sonst Straßenbauer beim Bauhof seiner Heimatstadt Bargteheide ist. Und wer glaubt, dass es beim Micropulling viel leiser zugeht als bei den Großen, der irrt. Da der Einbau von Schalldämpfern aus Platzgründen nicht möglich ist, sorgen auch die kleinen, dem Modellflugzeugbau entlehnten Zweitaktmotoren in Höchstleistung für eine Geräuschkulisse von bis zu 130 Dezibel.

Das alles garantiert eine Spannung und Realitätsnähe, die immer mehr Hobbybastler begeistert. Wurde die Szene in den 1990er-Jahren noch von den Niederländern dominiert, so bekamen sie nach der Jahrtausendwende vor allem Konkurrenz aus Deutschland und Dänemark. In den vergangenen Jahren fanden sich bei Wettkämpfen zudem immer häufiger Starter aus Belgien, Norwegen und Italien ein.

Sogar die Kupplungen sind maßgefertigt

Inzwischen gibt es neun verschiedene Klassen. Bei den Pro Stocks und der limitierten Freien Klasse können Einsteiger auch beim Verbauen von günstigen Standardteilen weit kommen. Bei den Superstocks und den Two-Wheel-Drives bedarf es indes eines gehobenen technischen Know-hows. Wer hier erfolgreich sein will, muss seine Modelle schon mit vielen selbst kreierten Teilen versehen, unter anderem maßangefertigten Kupplungen.

„Konstruktionsmängel und Fahrfehler werden in diesen Klassen viel schneller bestraft, das Risiko aus der Bahn zu geraten ist deutlich höher“, erläutert René Freimann. Doch der talentierte Bargteheider hat aus Fehlern schnell gelernt und gehört inzwischen zu den Topfavoriten in sechs der neun Klassen.

Seine Modelle haben Wert von 2500 Euro

Seinen ersten Pro Stock hat er 2014 einem erfahrenen Micropuller noch abgekauft. Ab dann hat er sich mit selbst entworfenen bis zu 2500 Euro teuren Modellen, deren Teile wie Motorhaube, Flügel und Käfig nicht selten aus dem 3-D-Drucker stammen, rasch weiter entwickelt. 2018 konnte er mit seinem Traktor Rocky, dessen Vorbild in Originalgröße auf einem Hof in Henstedt-Ulzburg steht, als erster Micropuller überhaupt das Triple aus Deutscher Meisterschaft, Europacup und EM-Titel gewinnen.

In Dänemark hat ihn nun sein Two-Wheel-Drive „Pretty Wicked“ aufs Siegertreppchen geführt. Auf der holprigen Piste gaben am Ende 15 Zentimeter Vorsprung den Ausschlag. Mit diesem Erfolg hofft der Champion zugleich Werbung für den Modellbau-Verein Bargteheide machen zu können, der seinen massiven Mitgliederschwund schnell stoppen will. „Modellbau ist ein tolles, erfüllenden Hobby und bietet zudem ein unterhaltsames Gemeinschaftserlebnis“, sagt René Freimann.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn