Hölk-Hochhäuser verrotten

Fahrstuhl defekt – Vermieter will Bewohner tragen lassen

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Juliane Minow
Ali Öz, Bewohner des Hölk-Hochhauses in Bad Oldesloe, plagen Rückenschmerzen, seit er seine Einkäufe die Treppen hochtragen muss.

Ali Öz, Bewohner des Hölk-Hochhauses in Bad Oldesloe, plagen Rückenschmerzen, seit er seine Einkäufe die Treppen hochtragen muss.

Foto: Juliane Minow

Schimmel, Rohrbrüche, Wasserschäden: Nun müssen 400 Menschen in Bad Oldesloe auch noch Treppen steigen. Ältere sind gefangen.

Hamburg. Imbrahim Algarad hat schwer zu tragen. Er ist einer von rund 400 Bewohnern eines der Hölk-Hochhäuser in Bad Oldesloe, die momentan den Aufzug nicht nutzen können. Immer wieder war er in der Vergangenheit ausgefallen. Seit Dienstag, 7. Juni, wird er saniert. Zehn Wochen sollen die Arbeiten dauern. So lange noch müssen die Mieter Treppen steigen. Doch in dem zwölfstöckigen Gebäude wohnen viele alte und kranke Menschen und auch Familien mit kleinen Kindern, die durch die Situation vor große Probleme gestellt worden sind.

„Ich wohne im zwölften Stock“, sagt Algarad, Ehemann und Vater zweier Kleinkinder. Nicht nur, dass das Einkaufen für ihn wesentlich aufwendiger geworden ist, auch der Kinderwagen und die Kinder müssen hoch- und runtergetragen werden. „Wir können nur noch kleinere Mengen einkaufen, weil wir nicht mehr so viel auf einmal schaffen“, sagt der Bewohner.

Hölk-Hochhäuser verrotten: Trageservice auch für Bewohner?

Denn: Das Düsseldorfer Immobilienunternehmen LEG, das seit Dezember Eigentümer ist, hat zwar einen Trageservice für Einkäufe eingerichtet. Drei Tage die Woche sind zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes tagsüber vor Ort, um beim Tragen behilflich zu sein. Doch wenn der Trageservice vor Ort ist, arbeiten die meisten Menschen.

„Wir stellen im Alltag fest, dass das nicht der Lebensrealität der Menschen entspricht“, sagt Maria Herrmann. Sie leitet das Quartiersmanagement der Hölk-Hochhäuser und fungiert als Schnittstelle zwischen Vermieter und Mietern. „Menschen, die arbeiten gehen, können den Service meist nicht nutzen. Man kann seinem Arbeitgeber nicht sagen, dass man um 12 Uhr zu Hause sein muss, weil dann der Tragedienst aufhört“, sagt Herrmann.

Besonders betroffen: Senioren und Familien mit Kleinkindern

Nach Abendblatt-Informationen wird der Service pro Tag nur von einer Handvoll Menschen genutzt. Die anderen müssen ihre Einkäufe nach Feierabend doch selbst schleppen. Auch am Sonnabend, wenn viele ihre Wocheneinkäufe erledigen, sind die Menschen auf sich gestellt. Darüber möchte Herrmann aber zeitnah mit der LEG sprechen und die Situation verbessern. Man möchte versuchen, spontan auf die Bedürfnisse der Mieter einzugehen. „Drei Tage sind meines Erachtens zu wenig. Es müsste zum Beispiel auch am Wochenende einen Tragedienst geben“, so Herrmann weiter.

Problematisch ist aber nicht nur das Thema Einkaufen. In dem Haus leben außer Familien mit kleinen Kindern auch viele alte und kranke Menschen, die seit dem Beginn der Sanierungsarbeiten weitgehend auf sich gestellt sind. Einige sitzen im Rollstuhl. „Der Tragedienst trägt nur Güter, keine Personen“, so die Leiterin des Quartiersmanagements. Das bedeutet: Wer im Rollstuhl sitzt oder aus anderen Gründen nicht mobil ist, kann seine Wohnung bis auf Weiteres kaum verlassen.

Bewohner tragen lassen? Nur mit Verordnung

Mit attestierter Verordnung sei es Betroffenen grundsätzlich zwar möglich, einen Personentragedienst zu organisieren. „Die Schwierigkeit ist aber, jemanden zu finden, der das macht“, so Herrmann. Das sei wegen der rechtlichen Gegebenheiten schwierig bis unmöglich und quasi nur in Notfällen als Krankentransport möglich. Das bestätigt auch ein Mitarbeiter der LEG.

Auch für Familien mit kleinen Kindern, die die Treppen nicht selbst steigen können, ist die Situation mehr als beschwerlich. Wenn sie auf beengtem Raum miteinander auskommen müssen, sei das ein großer Stressfaktor. Man habe während Corona gemerkt, was das mit Familien mache. „Dass wir Menschen haben, die in ihrer Wohnung bleiben müssen, die für uns nicht sichtbar sind, macht mir am meisten Sorgen“, sagt Herrmann. „Wir können nur hoffen, dass sie sich irgendwie melden. Wir versuchen auch, die Stockwerke abzuklappern und den Menschen unsere Hilfe anzubieten.“

Hölk-Hochhäuser: Bewohner brauchen viel Geduld

Alkojah Khetam lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern, die zwei, drei, sieben und elf Jahre alt sind, im zehnten Stock des Hochhauses. Einmal hat sie bislang den Trageservice für Einkäufe in Anspruch genommen. Doch die Zeiten sind auch für sie schwierig einzuhalten. Ihre kleinen Kinder muss sie ohnehin selbst tragen. „Dadurch habe ich mittlerweile schlimme Rückenschmerzen“, sagt die Mutter. Ändern kann sie an den Zuständen aber nichts. Khetam: „Im Moment wünsche ich mir einfach nur, ein paar Stockwerke weiter unten zu wohnen.“

Nicht nur alte Menschen und Familien, sondern auch junge Leute stellen die Sanierungsarbeiten vor Unannehmlichkeiten. Ein 16 Jahre alter Bewohner hat einen E-Scooter, der um die zwölf Kilogramm wiegt. „Den muss ich nun jeden Tag in den siebten Stock tragen, das ist schon sehr schwer“, beklagt der 16-Jährige. Ali Öz wohnt „nur“ im fünften Stock. Rückenschmerzen bereitet ihm das Tragen aber trotzdem. „Ich habe Probleme mit den Bandscheiben. Es ist richtig schwer“, sagt er. Den Trageservice in Anspruch genommen hat er aber noch nicht. Öz: „Ich bin noch jung. Ich kann meine Einkäufe selbst tragen.“

Doch trotz aller Widrigkeiten: „Ich bin erstaunt, wie gelassen und leidensfähig die Menschen sind“, sagt Maria Herrmann. „Ich erlebe eine große Geduld und wenig Empörung. Ich glaube, die Menschen verstehen schon, dass es am Ende für sie eine Verbesserung sein wird.“ Mitte August soll der neue Fahrstuhl fertig sein.

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