Pilotprojekt

Was macht einen frauenfreundlichen ÖPNV aus?

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Melissa Jahn
Jasna Makdissi ist Gleichstellungsbeauftragte in Ahrensburg.

Jasna Makdissi ist Gleichstellungsbeauftragte in Ahrensburg.

Foto: HA

Studie untersucht geschlechterspezifische Bedürfnisse für den Bus- und Bahnverkehr. Kreis muss entscheiden.

Bargteheide.  Um Eltern-Taxis den Kampf anzusagen und auch geschlechterspezifische Wünsche in die Mobilitätswende zu integrieren, haben sich die Stadt Bargteheide und Amt Bargteheide-Land an einem Pilotprojekt beteiligt. Initiiert von den sieben hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten des Kreises und in enger Zusammenarbeit mit dem Fachdienst Planung und Verkehr wurde vom 9. bis 30. März 2020 eine Umfrage zur gendergerechten Planung des Öffentlichen Personennahverkehrs durchgeführt. Bei der Auswertung der 658 Fragebögen (55 Prozent davon Frauen) von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sind zum Teil überraschende Ergebnisse herausgekommen.

„Bisher gab es nur wenige, großräumige Untersuchungen“, sagt Prof. Dr. Brigitte Wotha, die die Leitung der Studie übernommen hat. „Die Konzentration auf eine bestimmte Region ist eine spannende Aufgabe, von der wir uns eine zuverlässige Grundlage für spätere Maßnahmen versprechen.“ Bargteheide ist als Stadt und das Amt Bargteheide-Land als ländliche Region von der Siedlungs- und Bevölkerungsstruktur repräsentativ für den Kreis Stormarn.

Ausgehend von einem Kriterienkatalog wurden Ziele ausgewählt, die regelmäßig angefahren werden. Im zweiten Schritt ging es um die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln – auch unter Berücksichtigung längerer Wegeketten. „Es geht in erster Linie um Teilhabemöglichkeiten für bislang in der Verkehrsplanung weniger berücksichtigte Zielgruppen wie Menschen mit Betreuungsaufgaben, Mobilitätseingeschränkte und Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt Wotha. „Frauen sind in diesen Gruppen oftmals besonders betroffen.“

In den ländlicheren Gebieten gibt es Lücken

Insgesamt bezeichnete die Expertin die Versorgung und das Angebot im ÖPNV des Kreises als zufriedenstellend und gut, sie lobte explizit die neue Gewerbebuslinie der Stadt Bargteheide. Doch gerade in den eher ländlich geprägten Regionen sowie in der Anpassung an spezifische Zielgruppen gebe es entscheidende Lücken. Das zeigen auch die Ergebnisse. Denn im Amt Bargteheide-Land überwiegt die Nutzung des motorisierten Individualverkehrs nicht nur – sie liegt auch deutlich über bundesweiten Werten. Während in der Stadt 64 Prozent der Wege mit dem Fahrrad, zu Fuß oder dem ÖPNV zurückgelegt werden, sind es im Amtsgebiet nur 26 Prozent. 71 Prozent aller Wege werden von weiblichen Befragten im Amtsbereich mit dem eigenen Pkw zurückgelegt.

Einen sehr hohen Anteil daran haben alleinerziehende Frauen und Frauen mit Betreuungsaufgaben, die den ÖPNV kaum nutzen. „Auffallend ist hingegen, dass in der Stadt nur 37 Prozent der Männer den eigenen Pkw nehmen“, sagt Brigitte Wotha. „Sie liegen damit unter dem bundesweiten Durchschnitt von 45 Prozent.“

Da es vor allem an strukturellen Defiziten liege, wenn Menschen den ÖPNV nicht nutzen, müssen Maßnahmen an dieser Stelle ansetzen – auch, um den Verkehr wirtschaftlich besser auslasten zu können. Ein großer Baustein ist die Begleitmobilität, wobei es um Wege zur Schule, zu nachmittäglichen Aktivitäten der Kinder, Arztbesuche oder Behördengänge geht. Bezeichnend ist, dass 80 Prozent der Menschen mit Betreuungsaufgaben im Amt Bargteheide-Land den ÖPNV selten oder nie nutzen. 46 Prozent aller Wege, die aufgrund familiärer Betreuungsaufgaben anfallen, betreffen dabei Frauen, Männer hingegen nur zu 36 Prozent.

Bessere Taktung und Zuverlässigkeit gewünscht

Einig sind sich die Befragten im Hinblick auf ihre Wünsche. An erster Stelle stehen häufigere und besser getaktete Verbindungen, an zweiter Stelle Zuverlässigkeit. Günstigere Fahrpreise nannten Frauen an dritter Stelle, Männern an vierter Stelle. „In den begleitenden Gesprächen haben wir gesehen, dass auch der Aspekt des Sicherheitsempfindens nicht zu unterschätzen ist“, sagt Wotha. „Angst, zum Beispiel vor dunklen Tunneln, führt dazu, dass bestimmte Wege gemieden werden.“

Bernd Gundlach, Leiter des Amtes Bargteheide-Land, sagt: „Das Gutachten zeigt, dass wir an der Qualität und Quantität des ÖPNV noch arbeiten müssen, da er bisher nicht immer eine echte Alternative zum Individualverkehr gibt. Wir brauchen mehr innovative und auch unkonventionelle Ansätze, um den Umstieg zu erleichtern.“ Damit die 30.000 Euro teure Studie des Kreises in konkrete Maßnahmen mündet, hat Wotha ein Handlungskonzept erstellt. Die Maßnahmen sollen nun in den fünften regionalen Nahverkehrsplan des Kreises eingebunden werden. Mögliche Anregungen sind eine höhere Taktfrequenz, auch außerhalb der Schulverkehre, mehr Haltestellen, Fahrradabstellplätze, Schülertickets auch innerhalb der Stadt Bargteheide, kostenfreie Tage am Wochenende und zielgruppenspezifisches Marketing.

Im Mai wird die Studie der Kreispolitik präsentiert

Um den Genderaspekten gerecht zu werden, könnte unter anderem ein Fahrgastbeirat eingerichtet und ein einkommensabhängiges Mobilitätsticket eingeführt werden. Ein weiterer Punkt ist die stärkere Ausrichtung auf Bedarfsverkehre. „Um auch in der Zukunft mindestens eine zufriedenstellende Note für unseren ÖPNV zu bekommen, müssen wir an der Verlässlichkeit arbeiten“, sagt Bargteheides Bürgermeisterin Birte Kruse-Gobrecht. „Wenn ein Baustein wie die Bahn ausfällt oder der Bus nur einmal in der Stunde fährt, setzt das die Akzeptanz deutlich herab.“

Die Studie wird im Mai dem Verkehrsausschuss des Kreises präsentiert. Welche Handlungsempfehlungen dann umgesetzt werden, entscheidet die Politik. „Unsre Aufgabe als Verwaltung ist es, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen“, sagt Björn Schönefeld, der beim Kreis für den ÖPNV zuständig. „Denn ohne Geld passiert erstmal nichts.“

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