Wirtschaft

Trotz Corona-Krise weniger Insolvenzen in Reinbek

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Susanne Tamm
Trotz der Corona-Krise sind im ersten Halbjahr weniger Firmen in Deutschland in die Pleite gerutscht als befürchtet. Martin Gertendpa

Trotz der Corona-Krise sind im ersten Halbjahr weniger Firmen in Deutschland in die Pleite gerutscht als befürchtet. Martin Gertendpa

Foto: Martin Gerten / dpa

Die Pandemie spaltet Stormarner Unternehmen in Gewinner und Verlierer. Die Gewerbesteuerentwicklung ist nicht nur stabil, auch positiv.

Reinbek. Die Pandemie bringt die Wirtschaft auf der ganzen Welt ins Wanken. Nur in China soll die Wirtschaft noch wachsen. Der Anteil an Kurzarbeit wächst auch in unserer Region: Im Kreis Stormarn haben im Januar 227 Betriebe Kurzarbeit neu angezeigt und erwarten bei 2266 Beschäftigten einen Arbeitsausfall. Im Vormonat registrierte die Arbeitsagentur noch 157 Neuanzeigen für 1505 Mitarbeitende, im November 2020 waren es 136 Anzeigen für 849 Beschäftigte.

Entgegen der Erwartungen sinkt jedoch die Zahl der Insolvenzen in und um Reinbek, wie Dr. Ulrich ­Fieber, Leiter des Amtsgerichtes Reinbek, bestätigt. „Im Jahr 2019 hatten wir 191 eingetragene Verfahren zu Unternehmensinsolvenzen und 136 eingetragene Verbraucherinsolvenzen. Im Jahr 2020 sind diese Zahlen deutlich zurückgegangen auf 148 Unternehmensinsolvenzen und 77 Verbraucherinsolvenzen“, berichtet er. „Hierbei handelt es sich um einen generellen Trend. ­Insgesamt kann man seit 2017 von einer Reduzierung von mehr als 50 Prozent sprechen.“ Allerdings ist die Insolvenzantragspflicht gerade ausgesetzt. Dies ermöglicht das Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Corona-Pandemie im ­Insolvenzrecht, das der Bund erneut bis 30. April dieses Jahres verlängert hat.

In Corona-Zeiten: Zahl der Insolvenzen in Reinbek sinkt

Auch die Gewerbesteuerentwicklung in Reinbek ist nicht nur stabil, sondern sogar positiv. Für 2021 erwartet die Kämmerei noch eine Million Euro mehr, nämlich Einnahmen in Höhe von 21,5 Millionen Euro. „Die Pandemie wird uns wohl erst in Zukunft einholen“, sagt Kämmerin Isabella Randau.

Eine derart ungewöhnliche Krise hat Nicole Marquardsen, Geschäftsführerin des VSW (Verband und Serviceorganisation der Wirtschaftsregionen Holstein und Hamburg), noch nie erlebt. Nach 20 Jahren Berufstätigkeit ist es nicht die erste Wirtschaftskrise für die Fachanwältin für Arbeitsrecht. „Sie war noch nie so branchenspezifisch, so extrem unterschiedlich wie diesmal“, stellt sie fest. „Gastronomie, Veranstaltungstechnik und -organisation, Catering und Messebau – das sind die Branchen, die besonders hart getroffen sind. Es gibt aber auch Gewinner wie die Hersteller von Filteranlagen oder Schutzausrüstungen.“ Dazwischen liege ein breites Mittelfeld, das weniger leide.

Kurzarbeit in 73 Prozent der befragten VSW-Unternehmen

Der VSW vertritt 417 meist mittelständische Mitgliedsunternehmen, bietet ihnen rechtliche Unterstützung und Fortbildungen. Die Mitgliederzahl stagniert. Zwar sparten die Unternehmen einerseits, wo sie könnten, andererseits sei der Beratungsbedarf extrem hoch, sagt Nicole Marquardsen.

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Nach einer VSW-Umfrage im Herbst 2020 mussten 50 Prozent der befragten Unternehmen vom ersten bis dritten Quartal 2020 kumuliert einen Umsatzrückgang verzeichnen. Bei dem überwiegenden Anteil dieser Unternehmen beschränkte sich der Umsatzrückgang jedoch auf bis zu 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr 2019. 73 Prozent hatten vorübergehend für einen Teil der Mitarbeiter Kurzarbeit umsetzen müssen. Dass Firmen versuchen, über die die Corona-Krise Personal abzubauen, hat sie bisher nicht gehört. „Das hätte auch vor keinem Arbeitsgericht Bestand“, betont sie. Betriebsbedingte Kündigungen könnten nur geltend gemacht werden, wenn Arbeit dauerhaft wegfalle.

Nach Hilfen für die Wirtschaft greifen

Trotz Umsatzeinbrüchen und Schließungen erwartet Nicole Marquardsen nicht das Schlimmste: „Ich gehe nicht davon aus, dass coronabedingt vermehrt Firmen insolvent gehen“, erklärt sie. „Denn die Instrumentarien wie Kurzarbeit, Finanzhilfen und das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht greifen.“

Jan Bode, Vorsitzender des Reinbeker Gewerbebundes, hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass die etwa 80 Mitgliedsfirmen höchst unterschiedlich mit Pandemie und Lockdown zu kämpfen haben: „Schwer ist es für die Gastronomen, Pensionen, die Friseure und Kosmetiker. Auch die Taxi-Unternehmen und die Autohäuser haben definitiv Probleme.“ Die Apotheken aber hätten mittlerweile weniger zu tun, weil es durch die Masken auch weniger Erkältungen gebe. Gleichzeitig könnten positive Folgen durch ­finanzielle Hilfen nach der Pandemie schnell aufgebraucht sein.

Immer noch stehen Hilfszahlungen aus

Für seine Spedition sei er mit dem vergangenen Jahr sehr zufrieden. Kurzarbeit musste er nicht anmelden. „Glücklicherweise gab es bisher unter den Mitgliedern noch keine Insolvenz“, sagt Jan Bode. „Ich habe aber schon gehört, dass einige aus ihrer privaten Reserve zuschießen.“ Dies liege auch daran, dass immer noch einige Hilfszahlungen ausstehen. „Die entscheidende Frage ist ja, was ist in zwei oder drei Jahren“, sagt er. Diese Prognose will er allerdings nicht geben.

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