Archäologie

TV-Forscher baut Waffe der Ahrensburger Rentierjäger nach

Der Experimentalarchäologe Harm Paulsen (r.) bei den Dreharbeiten für den Dokumentarfilm in Schleswig.

Der Experimentalarchäologe Harm Paulsen (r.) bei den Dreharbeiten für den Dokumentarfilm in Schleswig.

Foto: Svenja Furken

Harm Paulsen nutzt Pfeilfragment aus dem Tunneltal, um steinzeitlichen Bogen zu rekonstruieren. Aus dem Projekt entsteht ein Film.

Ahrensburg/Schleswig. Wie haben die Menschen, die während der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren im Ahrensburger Tunneltal lebten, gejagt? Das möchte der Experimentalarchäologe Harm Paulsen in einem Dokumentarfilm herausfinden, der derzeit im Ahrensburg Tunneltal und in Schleswig gedreht wird. Paulsen, der aus TV-Formaten wie „Terra X“, „Löwenzahn“ und „Planet Wissen“ bekannt ist, wird in dem Film einen steinzeitlichen Bogen rekonstruieren, wie ihn die Ahrensburger Rentierjäger genutzt haben könnten.

Pfeile gelten als die ältesten der Menschheitsgeschichte

Der Film, der den Titel „Pfeil sucht Bogen – das Ahrensburger Steinzeitexperiment“ tragen soll, ist ein Gemeinschaftsprojekt des Museums für Archäologie Schloss Gottorf in Schleswig und der Interessengemeinschaft (IG) Tunneltal. „Harm Paulsen nutzt für den Bogen das Fragment eines steinzeitlichen Pfeils als Vorbild, das im Ahrensburger Tunneltal ausgegraben worden ist“, sagt Svenja Furken von der IG Tunneltal.

Vor 85 Jahren hatte der Steinzeit-Forscher Alfred Rust in der durch Gletscher geformten Region im Südosten Ahrensburgs bei Ausgrabungen die Überreste von Pfeilen steinzeitlicher Rentierjäger entdeckt. Die Waffen konnten auf die Zeitspanne von 10.700 bis 9600 vor Christus datiert werden und gelten damit als älteste Pfeile der Menschheitsgeschichte. Bei einem Bombenangriff auf Kiel im Zweiten Weltkrieg waren sie zerstört worden – bis auf das Fragment eines Pfeilschaftes, das erst im Jahr 2013 wiederentdeckt worden war. „Die völlig unerwartete Wiederentdeckung dieses einen letzten Pfeils in einer unscheinbaren Zigarrenschachtel im Nachlass von Alfred Rust war für mich wie ein Lottogewinn“, sagt Sönke Hartz, Archäologe am Landesmuseum Schloss Gottorf, der das Experiment wissenschaftlich begleitet. Durch die Wiederentdeckung sei die Idee entstanden, mit Harm Paulsen einen passenden Bogen nachzubauen.

Archäologe kann auf 43 Arten ohne Hilfsmittel Feuer machen

„Die Rekonstruktion eines Ahrensburger Bogens ist eines der letzten großen Rätsel, das ich gerne lösen möchte“, sagt Paulsen. Der 76 Jahre alte Lübecker, der schon Dutzende steinzeitliche Werkzeuge rekonstruiert hat und laut eigener Aussage auf 43 verschiedene Weisen ohne moderne Hilfsmittel Feuer machen kann, betont: „Wir haben zwar die ältesten Pfeile der Menschheitsgeschichte aus Ahrensburg, aber es fehlt die entscheidende andere Hälfte: der Bogen.“

Paulsen werde für den Bogenbau nur solche Materialien und Werkzeuge zur Verfügung haben, wie die Rentierjäger sie nutzen konnten, sagt Svenja Furken. „Damit die Bedingungen möglichst denen von vor 12.000 Jahren gleichen, werden Archäobotaniker und Völkerkundler das Filmprojekt begleiten“, so die Umweltpädagogin.

Einige Bögen nordischer Völker dienen als Anregung

„Die Zahl verfügbarer Materialien war am Ende der letzten Eiszeit sehr begrenzt“, sagt Harm Paulsen. Dennoch hat der Experte bereits eine Vorstellung, wie der „Ahrensburger Bogen“ ausgesehen haben könnte. „Es gibt einige Bögen nordischer Völker, die ich als Anregung nehmen kann“, sagt er. Zusätzlich nutzt Paulsen einen weiteren Fund aus dem Ahrensburger Tunneltal. „Mittels ballistischer Untersuchungen an Rentierknochen mit Schussverletzungen, die ebenfalls im Tunneltal gefunden wurden, lässt sich auf die Eigenschaften des Bogens schließen“, erklärt der Experte.

Neben dem Experimentalarchäologen Harm Paulsen sind Wissenschaftler des Museums für Archäologie Schloss Gottorf und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel an dem Dokumentarfilm beteiligt. Regie führt der Dokumentarfilmer Mathis Menneking. Die Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn unterstützt das Filmprojekt.

Die Filmpremiere soll in Ahrensburger Bücherei sein

Die Dreharbeiten sollen im Frühjahr 2021 abgeschlossen sein. Im Anschluss soll der dreißigminütige Dokumentarfilm in der Stadtbücherei Ahrensburg Premiere feiern, bevor er als Teil der Dauerausstellung in Schloss Gottorf zu sehen sein wird.

Außerdem soll der Film in der Ausstellung „Die Welt der Ahrensburger Rentierjäger“ gezeigt werden, die eigentlich für diesen Herbst in der Stadtbücherei Ahrensburg geplant war, aber wegen der Coronapandemie auf das kommende Jahr verschoben wurde. In der Schlossstadt können Besucher dann auch das Pfeilfragment, das als Vorlage für den Bogen diente, selbst bestaunen.

Im Internet begleitet die IG Tunneltal die Dreharbeiten auf einem Blog unter www.tunneltal.de.