Coronavirus

Kiel plant Abi ohne Prüfung: Schüler sind irritiert

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Lutz Kastendieck und Pia Rabener
Maxine Kettler (19, l.) und Alina Lendt (19), Abiturientinnen am Gymnasium Trittau, machen sich auch Sorgen um den Abiball.

Maxine Kettler (19, l.) und Alina Lendt (19), Abiturientinnen am Gymnasium Trittau, machen sich auch Sorgen um den Abiball.

Foto: Pia Rabener

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien plant Absage der Leistungsnachweise. Bundesministerin fordert einheitliche Linie.

Trittau. Für rund 1300 Schüler an 18 Stormarner Schulen hätten am Donnerstag eigentlich die schriftlichen Abiturprüfungen begonnen. Doch wegen der Corona-Pandemie sind sie jetzt auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien hat am Dienstag vorgeschlagen, die Prüfungen generell abzusagen. Prien sagt: „In der derzeitigen Situation und angesichts der besonderen Herausforderungen halte ich diese Entscheidung für geboten.“

Seit dem 16. März ruht an den Schulen der Unterricht

Nach ausführlichen Beratungen der Fachleute in ihrem Ministerium und mit vielen Länderkollegen werde sie am heutigen Mittwoch dem Kabinett einen entsprechenden Beschlussvorschlag unterbreiten, später dann auch der Kultusministerkonferenz. Das Abitur und seine Note soll danach anhand der bisher erbrachten Leistungen festgelegt werden. Das gleiche gilt für den Ersten Allgemeinbildenden Schulabschluss (ESA) wie den Mittleren Schulabschluss (MSA)

Seit dem 16. März ruht der Unterricht an den Schulen. Wann und wie der Betrieb wieder aufgenommen werden könne, sei zur Stunde völlig ungewiss. Ende Juni wäre das Schuljahr aber zu Ende. Seit zwei Wochen habe man deshalb beraten, wie in diesem Jahr faire und gerechte Abschlussprüfungen ermöglicht werden könnten. „Wenn wir Abiturprüfungen in Schleswig-Holstein durchführen wollten, müssten wir direkt nach den Osterferien beginnen. Das erscheint derzeit aber unrealistisch“, so Prien.

Lehrer geben Schülern Aufgaben über das Internet auf

Während sich viele Schüler über verlängerte Osterferien freuen, werden Maxine Kettler (19) und Alina Lendt (19) vom Gymnasium Trittau von großer Ungewissheit geplagt. „Als die Durchsage kam, dass die Schule für die nächsten fünf Wochen geschlossen bleibt, waren wir erstmal geschockt“, sagt Maxine. Noch vor den Osterferien hätten bei ihr und Alina bereits die Prüfung im Profilfach Geographie angestanden. Die sei jetzt vorerst auf Anfang Mai verschoben worden, die mündliche Englischprüfung auf Ende April. Ausgewichen wird auf die Termine, die für Nachprüfungen vorgesehen waren.

Die Schüler des Gymnasiums haben von Lehrern Aufgaben über das Schulnetzwerk „Iserv“ zugesendet bekommen, die sie zu einem vorgegebenen Termin abgeben müssen. Wer in den nächsten Wochen ein Referat halten müsste, darf das jetzt auf Video aufnehmen und dem jeweiligen Lehrer zusenden.

Pläne für die Zeit nach dem Abitur seien hinfällig

Doch Maxine beschäftigt auch noch ein weiteres Thema: „Ich bin Mitglied des Abiball-Komitees und hafte als Vertragspartner für den Raum, den wir gemietet haben. 2000 Euro habe ich bereits angezahlt – Ende März steht die nächste Rate an.“ Erste Rücksprachen mit den Vermietern blieben bislang ohne konkretes Ergebnis. „Die wissen selbst noch nicht, wie sie verfahren sollen“, sagt Maxine. Im Grunde sei das momentan aber alles zweitrangig. „Hauptsache, meine Familie und besonders die Großeltern bleiben gesund“, sagt Maxine. Alina Lendt stimmt derweil traurig, dass alle Pläne für die Zeit nach dem Abitur nun hinfällig sind: „Ich wollte eigentlich nach den Prüfungen mehrere Wochen durch Europa reisen. Ich glaube, das kann ich wohl vergessen.“

Auch Pia Möller (18) steckt mitten in den Abi-Vorbereitungen. „Einerseits habe ich jetzt zwar viel mehr Zeit zum Lernen. Andererseits fällt mir zu Hause langsam die Decke auf den Kopf“, sagt die Schülerin der Hahnheideschule. Auch sie hat sich bereits darauf eingestellt, dass ihre Profilfachprüfung irgendwann nach den Osterferien ansteht. Auch ihr Abiball-Komitee steht bereits in Kontakt mit dem Vermieter. „Wir müssen uns jetzt schnell entscheiden, ob wir absagen oder nicht“, sagt Pia. Dabei könne doch niemand momentan absehen, wie sich die Lage entwickelt.

Hamburger Schüler starten Online-Petition gegen Absagen

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat inzwischen eine „möglichst einheitliche Linie“ angemahnt. Die wünscht sich auch die Lehrergewerkschaft GEW. Immerhin seien trotz aller föderalen Bildungshoheit der Länder zentrale Klausurtermine für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch fixiert worden.

Für Deutsch war etwa der 30. April, für Mathematik der 5. Mai vorgesehen. Kritiker monieren jedoch schon jetzt, Chancengleichheit hinsichtlich der Qualität der Abiturabschlüsse sei längst nicht mehr gegeben. Zwei Hamburger Schüler haben angesichts der völlig unklaren Situation auf dem Internetportal change.org jüngst eine Petition zur bundesweiten Absage der Abitur-Prüfungen auf den Weg gebracht. Stattdessen schlagen sie ein so genanntes „Durchschnittsabitur“ vor. Dessen Noten sollen aus den Semesterergebnissen der zurückliegenden vier Halbjahre gebildet werden.

Deutscher Lehrerverband war für Durchführung der Prüfungen

Aus Sicht der beiden Initiatoren seien Abiturprüfungen unter den konkreten Umständen für die in diesem Jahr rund 350.000 betroffenen Schüler weder gesundheitlich, noch psychisch, noch gesellschaftlich tragbar. Bis Dienstag, 16 Uhr, hatten bereits knapp 80.000 Unterstützer die Petition unterzeichnet.

Die ist inzwischen auf die ESA- und MSA-Prüfungen ausgedehnt worden. Hier sollen zur Ermittlung des Abschlusses die Noten aus den vergangenen beiden Halbjahren herangezogen werden.

Der Deutsche Lehrerverband hatte hingegen noch in der Vorwoche dafür plädiert, an den Abiturprüfungen grundsätzlich festzuhalten. „Die könnten unter Beachtung eines strengen Gesundheitsschutzes auch während der Coronaferien stattfinden“, erklärte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger.

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