Stormarn
Coronavirus

Stormarns Obst- und Gemüsebauern fürchten Einbußen

Eine Erntehelferin pflückt eine Erdbeere auf einem Feld. Auch auf Feldern in Stormarn ist wegen der Corona-Krise zusätzliche Hilfe nötig.

Eine Erntehelferin pflückt eine Erdbeere auf einem Feld. Auch auf Feldern in Stormarn ist wegen der Corona-Krise zusätzliche Hilfe nötig.

Foto: Marcel Kusch / dpa

Saisonarbeiter aus Osteuropa dürfen nicht einreisen. Landwirte bezweifeln, dass Einheimische deren Fernbleiben kompensieren können.

Reinbek. Erntehelfer aus dem Ausland dürfen nicht mehr über die Grenze kommen. Diese Maßnahme hat das Bundesinnenministerium im Kampf gegen die Coronapandemie ergriffen. Seit Mittwoch und bis auf unbestimmte Zeit ist Saisonarbeitern die Einreise verboten. Und damit genau das eingetroffen, wovor sich Obst- und Gemüsebauern überregional fürchteten. „Das ist eine mehr als unglückliche Situation für uns“, sagt Peter Koll, der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Stormarn. „Das Ausmaß der Folgen ist jetzt noch gar nicht absehbar.“

Nur wenige verstehen, wie hart die Erntearbeit ist

800 bis 900 Saisonarbeiter sind im Kreis Stormarn normalerweise das gesamte Jahr über nötig, um etwa Spargel und Erdbeeren zu ernten. Zur unmittelbar anstehenden Hochsaison dürften es demnach einige Hunderte Helfer sein, deren Unterstützung den Bauern schmerzlich fehlt. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner appellierte jüngst, diesen Mangel unter anderem durch Beschäftigte der Gastronomie zu kompensieren, die derzeit aufgrund von Restaurantschließungen nicht arbeiten können. Auch aus anderen Berufsgruppen oder von Studenten könnte Hilfe kommen. Ein Vorschlag, der bei vielen Landwirten für Kopfschütteln sorgt.

„Die meisten verstehen nicht, wie hart diese Arbeit ist“, sagt Georg Lutz vom Ahrensburger Gut Wulfsdorf. Bei dem Betriebsinhaber haben sich schon 30 bis 50 Personen gemeldet, die bereit sind, bei der anstehenden Ernte mit anzupacken. „Das ist unglaublich toll und dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Lutz. Er rechnet damit, Ende April mit dem Stechen seiner viereinhalb Hektar zu beginnen. Gleichzeitig bezweifelt der Landwirt allerdings, dass kurzfristig eingestellte Kräfte aus der hiesigen Bevölkerung so viel leisten können wie die sechs osteuropäischen Helfer, die er zu dieser Zeit für gewöhnlich beschäftigt.

Die Spargelernte erfordere technisches Geschick

„Eigentlich ist unser Ernteteam über Jahre lang organisiert und eingespielt“, sagt Lutz. „Das wird kaum zu ersetzen sein.“ Zumal nicht allein das Stechen der Stangen anstehe, sondern auch die Sortierung und Verkaufsaufbereitung. All das sei weder einfach noch in einem derart kurzen Zeitraum zu lernen.

Peter Koll vom Kreisbauernverband bestätigt das. „Man darf nicht vergessen, dass die Arbeitskräfte, die jetzt durch das Einreiseverbot ausbleiben, für diese Arbeit geschult sind“, sagt er. Gerade die Spargelernte erfordere technisches Geschick. „Hinzu kommt die hohe körperliche Belastung.“ Denjenigen, die sich jetzt als Erntehelfer melden, sei das zum Teil bewusst. „Viele bezweifeln, dass sie der Aufgabe wirklich gewachsen sind.“

Landwirte freuen sich sehr über Solidarität aus Bevölkerung

Enno Glantz vom gleichnamigen Erdbeerhof in Delingsdorf kann das gut nachvollziehen. „Die Erntehilfe ist ein sehr spezieller Job“, sagt er. Wochenlange und pure Anstrengung für den Körper, die ungeachtet der Wetterverhältnisse teils vor 5 Uhr morgens beginnt – wer das nicht gewohnt ist, könne das kaum leisten. „Die Politik liegt falsch, wenn sie glaubt, die dafür geschulten Arbeitskräfte vollwertig ersetzen zu können“, sagt er. „Wenn sie bei diesen Maßnahmen bleibt, wird es der Bevölkerung an Spargel und Erdbeeren fehlen.“ Außerdem gingen viele Betriebe pleite.

Gleichzeitig betont Glantz jedoch, dass er und die weiteren betroffenen Landwirte sich sehr über die Solidarität aus der Bevölkerung freuen. Ob der vielen Hilfsangebote seien die Bauern unglaublich froh und greifen im Fall der Fälle gern auf sie zurück. „Es ist wichtig, dass wir diesbezüglich nicht falsch verstanden werden“, sagt Glantz. „Wir sind sehr dankbar, müssen gleichzeitig aber auch realistisch sein.“

Landwirt hofft, dass sich Corona-Krise entschärft

So sieht es auch Hans-Jörg Carstensen vom Reinbeker Hof Lohbrügge. Auch ihn haben schon Hilfsangebote erreicht. „Das ist toll“, sagt er. Dass Einheimische die Arbeit seiner zehn osteuropäischen Mitarbeiter kompensieren können, glaubt er aber nicht. „Was sich Julia Klöckner da vorstellt, ist naiv“, sagt Carstensen. Im Mai muss er Erdbeeren von einer Fläche von fünfeinhalb Hektar einbringen. Nur mit Helfern aus Deutschland sei das nicht möglich. „Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als es auszuprobieren.“

Vorerst positiv denkt Matthias Beeck vom gleichnamigen Spargelhof in Hamberge. Zehn von 24 benötigten Erntehelfern sind bereits vor dem Einreiseverbot aus Osteuropa erschienen. „Für die aktuell anfallenden Arbeiten habe ich also genügend Leute“, sagt er. „Kompliziert wird es erst, wenn um Ostern rum die Ernte beginnt und ich die restlichen Helfer benötige.“

Der Landwirt hofft, dass die Coronakrise bis dahin so weit entschärft ist, dass diese einreisen dürfen. Und wenn nicht? „Wenn wir wirklich auf einheimische Arbeiter zurückgreifen müssten, bräuchten wir wegen der anspruchsvollen Arbeit wohl doppelt oder dreimal so viele Kräfte, um die Ernte vollständig zu bewerkstelligen“, so Beeck. Das bedeutete folglich weitaus höhere Kosten. „Dann ist es irgendwann so weit, dass wir von einem existenziellen Problem sprechen