Stormarn
Stapelfeld

A 1: Feuerwehr setzt mobile Schutzwand gegen Gaffer ein

Nicht einmal zwei Minuten benötigen Stapelfelds Wehrführer Marcus Claus (v. l.) und seine Kollegen Svenja S., Sandra Radtke und Gisbert Meyer, um die Wand aufzubauen.

Nicht einmal zwei Minuten benötigen Stapelfelds Wehrführer Marcus Claus (v. l.) und seine Kollegen Svenja S., Sandra Radtke und Gisbert Meyer, um die Wand aufzubauen.

Foto: Janina Dietrich

Retter aus Stormarn wollen Unfallopfer mit einer aufblasbaren Absperrung vor unerlaubten Foto- und Filmaufnahmen schützen.

Stapelfeld. Bei Unfällen auf der Autobahn 1 erleben es die Retter der Freiwilligen Feuerwehr Stapelfeld immer wieder: Unbeteiligte Autofahrer bremsen ab und holen ihr Smartphone hervor, um die Szene zu filmen oder zu fotografieren. „Das passiert inzwischen leider bei fast jedem Einsatz“, sagt Wehrführer Marcus Claus.

Die Konsequenz: Drei bis vier Mitglieder sind bei größeren Einsätzen damit beschäftigt, Decken hochzuhalten, um die Verletzten vor den Blicken der Gaffer und ungewollten Aufnahmen zu schützen. „Die Kollegen fehlen uns dann für andere wichtige Aufgaben“, sagt Claus.

Die mobile Schutzwand ist 20 Meter lang

Damit soll jetzt Schluss sein. Die Gemeinde Stapelfeld hat für 4000 Euro einen aufblasbaren Sichtschutz für ihre Wehr angeschafft. Die mobile Wand ist 20 Meter lang, 2,10 Meter hoch, 27 Kilogramm schwer und lässt sich schnell aufbauen. „Wir brauchen maximal zwei Minuten“, sagt Claus.

Zwei Kollegen rollen die rot-weiße Plane aus, beschweren sie mit zehn tragbaren, jeweils zwölf Kilo schweren Sandsäcken und schließen die Konstruktion an ein Luftgebläse an. Innerhalb weniger Sekunden ist die Sicht auf den Unfallort verdeckt.

Die Absperrung soll bis Windstärke sieben einsetzbar sein

„Wir schützen die Unfallopfer“ ist auf der Absperrung zu lesen, dazu sind durchgestrichene Fotoapparate und Menschen zu sehen. „Die Wand hält bis Windstärke sieben“, sagt Marcus Claus. Die einzelnen Elemente sind mit Klettband befestigt, können von den Rettern bei Bedarf heruntergezogen und durchquert werden. Die Stapelfelder sind eigenen Angaben zufolge die erste Wehr in Schleswig-Holstein, die dieses Modell testet. „In Hessen und Bayern beispielsweise sind aufblasbare Wände bereits im Einsatz“, sagt der 49-Jährige. Im Fernsehen und Internet habe er Beiträge darüber gesehen, die ihn überzeugt hätten.

Feuerwehrleute erleben leider oft uneinsichtige Autofahrer

Sandra Radtke zählt zu den derzeit 45 aktiven Mitgliedern der Stapelfelder Wehr. Sie sagt: „Selbst das Absperrband der Polizei reicht nicht aus, um Schaulustige abzuhalten. Einige sind echt hartnäckig, zeigen keinerlei Einsicht, wenn sie angesprochen werden.“ Das bestätigt auch Kreisbrandmeister Gerd Riemann. „Es ist schlimm auf der Autobahn“, sagt der Reinfelder. „Manche gucken und gucken und sehen dann gar nicht mehr, wo sie selbst hinfahren.“

Die Helfer bemerkten das meistens durch Lastwagenfahrer, die lautstark hupten, weil die Autos vor ihnen plötzlich abbremsten. „Einige werden garantiert auch versuchen, am Ende der Wand vorbeizuschauen.“

Motorradfahrer wurde bei Unfall getötet

Riemann selbst ist erstmals vor gut 30 Jahren Zeuge der schwerwiegenden Folgen geworden, die so ein Verhalten haben kann. Damals hatte sich seinen Angaben zufolge auf der A 1/Höhe Hamberge ein Unfall ereignet. Auf der Gegenfahrbahn ließ sich ein Motorradfahrer von dem Geschehen ablenken, schaute hinüber statt auf die eigene Spur. Er raste in ein Auto, dessen Fahrer ebenfalls zum Gaffen abgebremst hatte. Der Motorradfahrer wurde quer über die Fahrbahn geschleudert und von mehreren Autos überrollt. Er war sofort tot.

„Solche Bilder bekommt man nie wieder aus dem Kopf“, sagt Riemann. Die Retter der Freiwilligen Feuerwehr Stapelfeld haben in der Vergangenheit einige Einsätze erlebt, bei denen sie gern einen Sichtschutz gehabt hätten. Sandra Radtke erinnert sich an einen Lastwagen-Unfall im Jahr 2018. „Der Fahrer war eingeklemmt, wir mussten ihn aus dem Fahrzeug schneiden“, sagt sie. „Plötzlich hat es auf der Gegenfahrbahn gekracht.“

Einige Feuerwehren setzen Fahrzeuge als „Prellbock“ ein

Wehrführer Marcus Claus hofft, dass es künftig weniger Folgeunfälle durch Gaffer geben wird. „Die Wand dient aber auch als Selbstschutz, damit kein abgelenkter Handynutzer mehr in die Unfallstelle hineinfährt“, sagt er. Viele Berufsfeuerwehren stellten aus diesem Grund selbst bei leichten Unfällen ein schweres Fahrzeug quer hinter die Einsatzstelle, sagt Riemann, „als Prellbock“. Die Wand halte zwar niemanden ab, habe durch ihre auffällige Farbe aber zumindest eine Signalwirkung.

Autobahnmeisterei stellt seit 2018 Wand für Retter bereit

Die Autobahnmeisterei in Bad Oldesloe setzt bereits seit Mitte 2018 auf eine mobile Schutzwand – allerdings in einer anderen Variante. Die 100 Meter lange Absperrung besteht aus 44 Kunststoff-Elementen, die jeweils zwei Meter hoch sind. Polizei und Feuerwehr können sie bei Bedarf anfordern. Der Aufbau dauert nach Angaben des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr 20 bis 30 Minuten, er wird von den Mitarbeitern der Autobahnmeisterei übernommen. Bis die Wand vor Ort steht, kann es je nach der Entfernung zum Unfallort und der Verkehrslage bis zu 90 Minuten dauern.

„Wir haben die Wand schon mehrfach eingesetzt, zum Beispiel bei einem Lastwagen-Unfall auf der A 1“, sagt Jörg Becker, Chef der Autobahnmeisterei. „Wir ziehen ein durchweg positives Fazit.“ Die Wand erfülle ihren Zweck: Sie bringe Schaulustige dazu, weiterzufahren, wirke sich positiv auf den Verkehrsfluss aus.

Handyfilmern droht eine Freiheitsstrafe

Nach Angaben des ADAC müssen Schaulustige, die Verletzte und Unfallautos fotografieren oder filmen, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. „Es ist dabei egal, ob die Aufnahmen weitergegeben oder veröffentlicht werden“, heißt es vom ADAC. Und weiter: „Was zählt, ist allein die Anfertigung, die laut Strafgesetzbuch ,die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt’.“