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Bad Oldesloe

A 1: Nun kommt die mobile Schutzwand gegen Gaffer

Aus jeweils 44 Elementen besteht der mobile Sichtschutz aus Kunststoff, der jetzt in Bad Oldesloe stationiert ist

Aus jeweils 44 Elementen besteht der mobile Sichtschutz aus Kunststoff, der jetzt in Bad Oldesloe stationiert ist

Foto: Markus Scholz / dpa

Sie ist 100 Meter lang und schnell aufgebaut: die mobile Schutzwand. Was die Autobahnmeisterei Bad Oldesloe nun gegen Schaulustige tut.

Bad Oldesloe.  Es ist Anfang Juni, als ein 60-jähriger Mann mit seinem Kleintransporter auf der Anschlussstelle Barsbüttel in einen Stau gerät. Er prallt gegen einen Lastwagen und wird in seinem Fahrzeug eingeklemmt. Nur mühsam können Rettungskräfte den lebensgefährlich verletzten Mann befreien. Dabei werden sie und das Opfer von Schaulustigen („Gaffern“) mit Smartphones gefilmt. Während der Arbeiten müssen Feuerwehrleute Decken spannen, um die Rettungsaktion vor den Kameras der Gaffer zu schützen, berichtet die Polizei.

Gezielter Einsatz bei Massenkarambolagen

Um Opfer und Rettungskräfte künftig besser vor Schaulustigen zu schützen, setzen die Autobahnmeistereien Bad Oldesloe (A 1) und Elmshorn (A 7) ab sofort Sichtschutzwände ein. Sie sollen bei Großschadensereignissen wie Massenkarambologen und Lkw-Unfällen zum Einsatz kommen, sagte der Kieler Verkehrsstaatssekretär Thilo Rohlfs am Dienstag bei einem Besuch der Autobahnmeisterei Bad Oldesloe.

Damit folgt Schleswig-Holstein nach Nordrhein-Westfalen und Bayern einer Initiative des Bundes. Die Kosten für die zwei insgesamt 86.400 Euro teuren Sichtschutzwände trägt der Bund. Mitarbeiter des schleswig-holsteinischen Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr demonstrierten, wie schnell der Aufbau der in Bayern hergestellten Kunststoff-Wand funktioniert. In 20 bis 30 Minuten ist der Aufbau der 100 Meter langen Wand fertig, sagte Frank Quirmbach, stellvertretender Direktor des Landesbetriebs. Die einzelnen 44 Elemente seien einfach zu bedienen, betonte er. Sie sind zwei Meter hoch und 2,20 Meter breit und könnten auch bei Windstärke 5 und 6 noch stehen.

Viele Gaffer filmen Unfälle mit Smartphone

Zuständig für den Aufbau wird die Autobahnmeisterei in Bad Oldesloe sein, die auf Anforderung der Polizei oder Feuerwehr agiert. Je nach der Entfernung zum Unfallort und der Verkehrslage auf der A 1 kann es bis zu 90 Minuten dauern, bis die Gaffer-Wand vor Ort steht. Dieser Aufwand lohne sich aber, sagt Quirmbach. Denn häufig dauert die Bergung der Fahrzeuge und die Räumung der Unfallstelle bis zu einem halben Tag. Was die Zahl der Gaffer weiter steigen lässt.

Immer wieder ziehen schwere Verkehrsunfälle auf der Autobahn Schaulustige mit ihren Smartphones an. Im Januar 2017 kam es auf der A 1 zwischen Bargtheheide und Bad Oldesloe bei Hagel und Blitzeis zu einer Massenkarambolage mit 30 Fahrzeugen. Eine Frau starb, mehrere Menschen wurden schwer verletzt. Gaffer hatten den Unfall und seine Folgen von einer Brücke und aus fahrenden Autos gefilmt.

Verstoß gegen den Datenschutz

Seit Jahren warnen Einsatzkräfte vor einer wachsenden Zahl von Schaulustigen an den Unfallorten. Verkehrspsychologen machen für die Sensationslust angeborene Instinkte der Menschen verantwortlich, die durch die digitalen Medien noch verstärkt würden. Mitarbeiter der Oldesloer Autobahnmeisterei sowie an anderen Standorten erleben immer häufiger, dass sogar schwer verletzte Opfer mit Handys fotografiert und gefilmt werden. „Diese Bilder tauchen schnell wieder in sozialen Netzwerken auf. Das will niemand selbst erleiden“, sagte der Vize-Chef des Landesbetriebs.

Gaffer verstoßen mit ihren Filmaufnahmen gegen Datenschutz und Persönlichkeitsrechte, sagte der Kieler Staatssekretär Thilo Rohlfs. Doch nicht nur das. Sie bringen sich selbst in Gefahr und riskierten, dass weitere furchtbare Unfälle geschehen und Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindert würden. Nach Angaben der Autobahnmeisterei Bad Oldesloe gab es in diesem Jahr bislang rund sieben große Unfälle auf der A 1, bei denen der Einsatz solcher neuen Sichtschutzwände angesichts der filmenden Schaulustigen sinnvoll gewesen wäre.

Verkehrsexperten erwarten, dass die gezielt eingesetzten Maßnahmen dazu beitragen, den Verkehr nach einem Unfall zu regulieren und längere Staus zu vermeiden. Das Pilotprojekt in Holland habe gezeigt, dass dadurch der Verkehrsfluss auf 60 Kilometer pro Stunde gesteigert wird.