Stormarn
Jahresstatistik

Fluglärm: Einzelne beklagen sich 3000-mal

Die Flugspuren der Landungen aus Richtung Stormarn von Freitag um 15.30 Uhr bis Sonntag um 16.30 Uhr, 10. bis 12. Januar.

Die Flugspuren der Landungen aus Richtung Stormarn von Freitag um 15.30 Uhr bis Sonntag um 16.30 Uhr, 10. bis 12. Januar.

Foto: Grafik: Frank Hasse

Stormarner reichten 44.000 Beschwerden mit Absender ein. Drei Großhansdorfer und neun Bargteheider extrem genervt.

Ahrensburg. Rund 70 Stormarner haben sich im Vorjahr bei der Hamburger Umweltbehörde massiv über Fluglärm beklagt. Zusammen schickten sie fast 44.000 Beschwerden ab – und stellten damit den Großteil der gut 60.000 Beschwerden mit Absender. In Hamburg, wo die Flugzeuge mit der Nähe zum Helmut-Schmidt-Airport in Fuhlsbüttel deutlich niedriger unterwegs und lauter sind, legten rund 1200 Menschen knapp 6000 Beschwerden ein. Das geht aus der Jahresstatistik der Fluglärmschutzbeauftragten hervor.

„Wie schon in den Vorjahren gab es große regionale Unterschiede bei der Zahl der Beschwerden und der Beschwerdeführer“, sagt Jan Dube, Sprecher der Behörde für Umwelt und Energie. Während die Hamburger Protestler im Schnitt auf fünf Eingaben kommen, sind es in Stormarn zum Teil mehr als 3000. Das Engagement ist auch das Verdienst von drei aktiven Bürgerinitiativen.

Deutlich weniger verspätete Flüge nach 23 Uhr

Für die Umweltbehörde ist vor allem der Rückgang um 42 Prozent bei den verspäteten Nachtflügen nach 23 Uhr ein Erfolg. Die Zahl sank vom Negativ-Rekord 2018 mit fast 1200 Flügen auf 678. Ordnungswidrigkeitsverfahren, Bearbeitungsgebühren, viele Gespräche und der 21-Punkte-Plan der Bürgerschaft zeigten Wirkung. „Der Trend stimmt, er soll sich aber weiter fortsetzen“, sagt Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne).

In Stormarn sind drei der 9400 Einwohner in der Waldgemeinde Großhansdorf extrem genervt von den Jets. Sie brachten es zusammen auf fast 9200 Beschwerden. Dabei liegt die Gemeinde nicht direkt an der Einflugschneise, die alle Piloten bei Landungen aus Richtung Osten nehmen müssen. Die Großhansdorfer Messstelle des Vereins Deutscher Fluglärmdienst (DFLD) registriert an vielen Tagen gar keine Überflüge und selten mehr als zehn.

Die Jets überfliegen Jersbek in einer Höhe von 900 Metern

In Jersbek erkannte das DFLD-Gerät im Vorjahr häufig mehr als 100 Landeanflüge täglich. Anfang September waren es sogar 156 und 159. Genau über dem Dorf liegt der Zehn-Nautische-Meilen-Punkt (18,5 Kilometer zum Flughafen) des geraden Leitpfads für die Landebahn 23 (aus Richtung Langenhorn/Walddörfer). In Jersbek sind die Flugzeuge etwa 900 Meter über dem Boden. Das Instrumentenlandesystem (ILS) unterstützt die Piloten beim Anflug.

Im 1800-Einwohner-Ort ist sowohl die Zahl der Beschwerden als auch die der Absender in den vergangenen drei Jahren gesunken. „Die generellen Belastungen in unserem Gebiet werden tendenziell als sinkend wahrgenommen“, sagt Markus Jahn von der Arbeitsgruppe Fluglärmschutz Jersbek (FLJ). Das liege an der geringeren Zahl an Flugbewegungen insgesamt sowie einer häufiger zu beobachtenden Nutzung leicht variierender Anfluglinien. Die Abnahme der verspäteten Nachtflüge zeige, dass der Flughafen seinen Einfluss gelten machen kann, um eine weitere Entlastung zu erzielen. „Insbesondere ist auf die Einrichtung verbindlicher Ruhezeiten und eine gerechte Belastung der betroffenen Region zu achten“, so Jahn.

Vereinsportal ermöglicht schnelle Eingaben im Internet

Die Gruppe weist alle Mitbürger auf das Online-Beschwerdeportal der Behörde hin und auch auf das Portal des Deutschen Fluglärmdienstes. Das Formular der Initiative DFLD lässt sich dank sogenannter Cookies schnell ausfüllen, lediglich Datum und Uhrzeit müssen ergänzt werden. Sogar der Beschwerdetext ist eingetragen: „Flugzeug war extrem laut und führte zu erheblicher Belästigung.“

Die Initiative Fluglärmgeplagte Gemeinde Elmenhorst (FGE) weist ebenfalls auf die offiziellen Stellen hin, leitet aber auch Beschwerden weiter. „Viele möchten sich nicht mit Namen und Adresse beschweren, weil sie dadurch Nachteile befürchten“, haben die FGE-Sprecher Jörg und Susanne Mollner sowie Barbara und Joachim Gosch festgestellt. „Es sind auch sehr viele der Meinung, dass es nichts verändert, wenn man sich beschwert.“

Elmenhorster fordern direkte Landungen aus dem Süden

Positiv sei der Rückgang der Starts und Landungen nach 23 Uhr. Auch werde immer öfter versucht, die Bahnbenutzungsregeln einzuhalten und ab 22 Uhr nicht mehr aus Richtung Stormarn zu landen. Leider würden Flüge nach Mitternacht aber verschwiegen. „Es sind nicht gerade wenige, die vor allem nach 24 Uhr landen.“ Zudem müsste mehr über nicht bewohnte Gebiete wie Felder und Wiesen geflogen und lärmreduzierte Anflugverfahren generell angewandt werden. Die FGE findet es „unmöglich“, dass aus Süden kommende Flugzeuge nicht direkt landen, sondern in einem Bogen teilweise bis hinter Bad Oldesloe einschweben.

Die Bürgerinitiativen für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig Holstein (BAW) bemängeln ebenfalls, dass die „besonders belastenden Flüge nach Mitternacht“ ausgeklammert würden. „Insgesamt verdeutlicht die Entwicklung, dass unser Vorwurf, die meisten nächtlichen Verspätungen sind vermeidbar, zutreffend ist“, sagt BAW-Sprecher René Schwartz aus Ahrensburg. Der Rückgang bei den späten Starts sei wesentlich geringer als bei den Landungen. „Hier muss dahingehend nachgesteuert werden, dass für die Starts zukünftig Einzelgenehmigungen bei der zuständigen Umweltbehörde einzuholen sind.“

Zahl der anonymen Beschwerden steigt auf 258.000

Auch die BAW weist Bürger auf die Online-Beschwerdemöglichkeiten hin. Auf ihrer Homepage gibt es einen direkten Link zum DFLD-Formular. Über die Jahresstatistik für 2019 sagt Schwartz: „Die luftverkehrsbedingten Belastungen sind das Problem, nicht die Beschwerdeführer.“

Deren Gesamtzahl ist bei den mit Absender erfassten Fällen von rund 1960 auf etwa 1520 gesunken. Die gegenteilige Entwicklung gab es bei den anonymen Anzeigen: Ihre Zahl stieg drastisch von 125.000 auf 258.000. Davon stammten 187.000 aus Hamburg und der Rest fast ausschließlich aus Norderstedt. Laut Behörde „gibt es deutliche Hinweise darauf, dass diese Form der Beschwerden vermutlich zumeist unter Zuhilfenahme softwaregestützter digitalisierter Automatisierungsprozesse abgesandt wird“.

Flughafen hält automatisierte Proteste für wenig sinnvoll

Diese Masse an anonymen, regelmäßigen Beschwerden hält auch der Flughafen für wenig zielführend. „Solche Beschwerden ohne Begründung haben keinerlei Aussagekraft“, sagt Airport-Sprecherin Janet Niemeyer. „Vielmehr sorgen sie für einen unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand – Zeit, die fehlt, um ernst gemeinten, begründeten Beschwerden nachzugehen.“ Automatisierte Proteste seien von anderen Flughäfen bekannt: So erhielt Frankfurt/Main im Jahr 2018 von nur 52 Personen mehr als 914.000 Beschwerdemails.