Stormarn
Bad Oldesloe

Das Haus zum Sterben nimmt Form an

Der Ehrenamtler Thomas Hemsing mit Bauherrin Sabine Tiedtke (M.) und deren Enkelin Zoe sowie Katrin Balkenhol vom Lebensweg-Förderverein.

Der Ehrenamtler Thomas Hemsing mit Bauherrin Sabine Tiedtke (M.) und deren Enkelin Zoe sowie Katrin Balkenhol vom Lebensweg-Förderverein.

Foto: Finn Fischer

Das erste Stormarner Hospiz soll im Frühjahr fertig sein. Bewerbungen für Jobs in der Einrichtung am Sandkamp gibt es schon.

Bad Oldesloe. Noch dominiert im Oldesloer Hospiz der Beton die Atmosphäre. Die Fenster sind vernagelt, Arbeiter verlegen letzte Stromkabel und Wasserleitungen. Doch bis zum Frühjahr 2020 soll aus dem Rohbau ein Ort der Einkehr und Begegnung entstanden sein. Für Menschen, die dem Tode nahe sind. Und für deren Angehörige.

Obwohl auf dem Gelände am Sandkamp Menschen sterben werden, soll es nicht nur ein Ort für Abschied und Trauer werden. So will der Lebensweg-Verein zum Beispiel auf dem Außengelände später Therapie-Alpakas halten. Ein ausgemusterter S-Bahn-Waggon soll für Projekte mit Jugendlichen dienen.

Hospiz hat zwölf Zimmer für künftige Bewohner

„Es ist für mich noch immer unwirklich“, sagt Sabine Tiedtke vom Verein, während sie in einem der noch kahlen Flure steht. Hier kann sie beobachten, wie ihre Vision von einem Haus zum Sterben Schritt für Schritt Wirklichkeit wird. Heute führt sie zum ersten Mal Journalisten über die Baustelle. Über das großzügige Außengelände, durch die etwa fünf Meter hohe Eingangshalle und den ebenso ausladenden Ess- und Aufenthaltsbereich. „Das Herzstück des Hospizes“, wie sie sagt. Es geht weiter durch die Küche, die Büros – die zwölf Zimmer der künftigen Bewohner. Noch liegen überall Kabel herum, an vielen Wänden fehlt der Putz. Eine Heizung gibt es noch nicht. Baustrahler beleuchten die Gänge, die einem Labyrinth gleichen. Eine Treppe führt hinauf in den Gruppenraum und aufs Dach, von dem aus der Blick auf das Gewerbegebiet und ins Grüne wandert. Eine Dachterrasse soll hier gebaut werden. 3,5 Millionen Euro wird das Anwesen wert sein.

Sabine Tiedtke ist die Erschafferin des ersten stationären Stormarner Hospizes, das am Stadtrand von Bad Oldesloe gebaut wird. „Ich kann mich noch immer gut an den Zeitpunkt der ersten Idee erinnern“, sagt sie. Das war vor sechs Jahren. Damals gründete die Oldesloerin den Lebensweg-Verein, scharte Mitstreiter um sich, warb um Spenden. Aus der anfangs 26 Mitglieder kleinen Gruppe sind 320 Menschen geworden, die sich für das Projekt einsetzen. Ein Wunder sei es, sagt Tiedtke, dass sie so weit gekommen sind.

Im März soll das Hospiz schlüsselertig übergeben werden

So richtig real wird alles aber wohl erst werden, wenn in ein paar Monaten die letzten Wände verputzt und die großen Fenster in der Eingangshalle eingesetzt sind. Wenn das Blockheizkraftwerk Wärme liefert und die 40 Angestellten anfangen, erste Bewohner zu versorgen. Im März soll das Hospiz schlüsselfertig übergeben werden, einen Monat später soll es in Betrieb gehen.

Heute hat Sabine Tiedtke hat ihre Enkelin Zoe mitgebracht. Sie zeigt der Achtjährigen, womit sich ihre Großmutter in ihrer Freizeit beschäftigt: Welche Fußböden sollen in welchen Räumen verlegt werden? Was für ein Baum wird einmal den Vorplatz zieren? Bald wird sie Gespräche mit potenziellen Mitarbeitern führen. Pflegekräfte, Hausmeister, sozialer Dienst. Erste Bewerbungen sind eingegangen. Sogar Anfragen für Praktika gibt es bereits.

160.000 Euro werden pro Jahr für den Betrieb benötigt

Während es vor einigen Monaten noch um das große Ganze ging, beschäftigt sich Sabine Tiedtke gedanklich mittlerweile mit vielen Details. Zum Beispiel mit einem S-Bahn-Waggon, der etwas abseits auf einem der stillgelegten Bahngleise stehen wird. Anfang der Woche wurde das Gestell geliefert. Der Waggon wird voraussichtlich in der zweiten Novemberhälfte mit einem Schwertransport folgen. Der Lebensweg-Verein wird für das ungewöhnliche Nebengebäude aus Blech und Stahl nichts bezahlen müssen. „Es ist eine Spende der Norddeutschen Eisenbahngesellschaft“, sagt Thomas Hemsing. Der Ehrenamtler kam auf die Idee mit dem Eisenbahnwagen und fragte bei den Eisenbahnfreunden in Neumünster (NEG) nach. „Die haben mir den Kontakt vermittelt. Bei der NEG hatten sie gleich diesen Wagen für uns.“ Nur für den Transport wird der Verein rund 5000 Euro zahlen müssen. Wie alles andere, das auf dem Gelände am Sandkamp zu finden ist, wird auch dieses Teilprojekt mit Spenden finanziert. 160.000 Euro benötigt der Verein pro Jahr, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können. Die Bewohner sollen nichts zahlen müssen. Für sie ist die letzte Station auf Erden kostenlos. 95 Prozent der Kosten übernehmen die Kranken- und Pflegekassen. Die restlichen fünf Prozent trägt der Verein.

Die ersten drei Bewohner des Hospizes werden Cremchen, Enno und Bernd sein. Nicht, weil sie krank sind und bald sterben müssen. Es sind drei Alpakas. Sie sind zwischen zwei und drei Jahre alt, wie Katja Balkenhol vom Vorstand des Lebensweg-Fördervereins sagt: „Das ist ein therapeutischer Ansatz. Bewohner oder Angehörige können mit den Tieren spazieren gehen.“

In Schleswig-Holstein werden derzeit sechs Hospize gebaut

Das Oldesloer Hospiz ist Teil eines Netzes, das zurzeit in Norddeutschland entsteht. In Schleswig-Holstein befinden sich gerade sechs Hospize im Bau. In zwei Jahren, glaubt Sabine Tiedtke, wird sich ihre Zahl mehr als verdoppelt haben. In Bad Oldesloe will der Lebensweg-Verein mit dem Haus auch einen Ort für eine Vernetzung verschiedener Palliativ-Organisationen schaffen. Sowohl in der Kreisstadt als auch in Ahrensburg gibt es bereits ambulante Freiwilligendienste, die Sterbende in deren Zuhause begleiten. Im Gruppenraum des Oldesloer Hospiz könnten beispielsweise Fortbildungen oder andere Veranstaltungen organisiert werden. „Ziel ist, eine lebendige Gemeinschaft zu bilden“.