Stormarn
Neue Erkenntnisse

Ahrensburger Rentierjäger hatten dunkle Haut und blaue Augen

So sollen die steinzeitlichen Jäger, zu denen auch die späteiszeitlichen Rentierjäger aus dem Ahrensburger Tunneltal gehörten, ausgesehen haben.

So sollen die steinzeitlichen Jäger, zu denen auch die späteiszeitlichen Rentierjäger aus dem Ahrensburger Tunneltal gehörten, ausgesehen haben.

Foto: dpa / Jonathan Brady / picture alliance / empics

DNA-Analyse liefert erstaunliche Informationen über das Erscheinungsbild der späteiszeitlichen Menschen aus dem Tunneltal.

Ahrensburg. Wie sahen die Menschen aus, die bis vor rund 12.000 Jahren in dicke Felle gehüllt und mit Speer und Bogen bewaffnet im Ahrensburger Tunneltal auf ihre Beute lauerten? Neue Erkenntnisse aus der DNA-Analyse steinzeitlicher Jäger- und Sammlerkulturen, zu denen auch die späteiszeitlichen Rentierjäger aus dieser Region gehörten, legen nun nahe, dass sie dunkelhäutig waren und blaue Augen hatten.

Antworten auf Fragen der Menschheitsgeschichte

Zu dieser verblüffenden Erkenntnis beigetragen hat Professor Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. Sein Buch „Die Reise unserer Gene“ eroberte im Frühjahr die Spiegel-Bestsellerliste. Am Freitag erläutert der Biochemiker zum Auftakt einer neuen Veranstaltungsreihe über das Tunneltal, was wir heute noch mit den ehemaligen Bewohnern gemein haben. Johannes Krause sagt: „Wir befinden uns in einem Sequenzier-Zeitalter“. Während die Entschlüsselung des menschlichen Genoms früher noch mehr als zehn Jahre gebraucht habe, könne die DNA aus Knochen heute binnen eines Tages untersucht werden.

Mit der Archäogenetik habe sich ein ganz neuer Wissenschaftszweig entwickelt, sagt der erst 39-jährige Professor. „Mit der Analyse können Antworten auf die Fragen der Menschheitsgeschichte gefunden werden: Woher kommt der Mensch und wie hat er sich entwickelt?“

Migration sei Teil der europäischen Siedlungsgeschichte

Für ihn gibt es Belege, dass Migration kein Phänomen der Gegenwart, sondern Teil der europäischen Siedlungsgeschichte ist. Durch die Analyse der Steinzeitmenschen-Gene sei es gelungen, die Besiedlung Europas weitgehend zu rekonstruieren. Bestätigt habe sich die Erkenntnis, dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, so der Forscher. Neu sei jedoch das Wissen um die Hautfarbe der frühen Siedler. Sie blieben den Untersuchungen zufolge noch mehrere Tausend Jahre dunkelhäutig.

„Erst die Einwanderung anatolischer Bauern vor rund 8000 Jahren brachte den Ackerbau nach Europa“, sagt Krause. Dazu erwies sich eine Genmutation, die für eine helle Färbung der Haut sorgte, als vorteilhaft. Im verhältnismäßig sonnenarmen Europa konnte der Körper so besser Vitamin D bilden, dass die Jäger und Sammler noch durch den Verzehr von Fleisch oder Fisch aufgenommen haben.

Schließlich verdrängten die Bauern die vorherige Kultur weitgehend, so der Forscher. Wie sich die blauen Augen erhalten konnten, obwohl sie nicht dominant vererbt werden und kein anderer evolutionärer Vorteil bekannt ist, ist indes nicht endgültig geklärt.

Expertin hofft auf weitere Ausgrabungen

Laut Krause müssen sie bei der Partnerwahl eine hohe Anziehungskraft ausgeübt haben. „Eine dritte Gruppe erreichte Europa erst nach den frühen Bauern“, so Johannes Krause weiter. Die Untersuchungen legten nahe, dass eurasische Hirtenvölker vor 4800 Jahren für eine weitere Durchmischung des Genpools sorgten.

Für Svenja Furken, eine der Initiatorinnen der Interessengemeinschaft Tunneltal, sind die neuen Forschungsergebnisse ein weiterer Beleg für die Wichtigkeit des Areals. „Es gehört zu den bedeutendsten Forschungsregionen altsteinzeitlicher Archäologie“, sagt sie. In der Wissenschaft sei die Stadt Namensgeber einer eigenen Kultur, der Ahrensburger Kultur. Denn unter den hier gefundenen Proben sind neben aus Rentierknochen hergestellten Musikgeräten und Kunstobjekten auch 100 Holzpfeile.

Sie seien der weltweit älteste Beleg für die Nutzung von Pfeil und Bogen durch den Menschen, so die Umweltpädagogin. Sie hofft auf weitere Ausgrabungen, möglichst unabhängig vom geplanten Ausbau der S-Bahn-Strecke von Hamburg bis nach Ahrensburg mitten durch das Gebiet. „Ich träume davon, dass hier noch einmal ein echter Rentierjäger gefunden wird“, sagt Furken. Dennoch sind es fast nur die Artefakte wie die oben genannten, die die Besiedlung durch unsere Vorfahren belegen, ein menschliches Skelett fehlt bislang.

Vortrag Prof. Krause: Fr 13.09., 19.00–22.00, Stadtbücherei Ahrensburg, Manfred-Samusch-Straße 3, Abendkasse: 10,- (erm. 8,-), unter 21 frei, Info und Programm unter: www.tunneltal.de

Vorträge und Wanderungen am Sonntag: Das Tunneltal im Grenzgebiet zu Hamburg gilt als besonders schützenswert. Alleinstellungsmerkmal des Gebiets ist eine Kombination aus archäologisch wertvollen Funden aus den 1930er-Jahren von Alfred Rust. Hinzu kommen die eiszeitlich geprägte Moorlandschaft des Naturschutzgebiets und die Verbreitung des geschützten Kammmolchs. Geplant ist, eine S-Bahn-Verbindung mit zwei weiteren Gleisen vom Hamburger Hauptbahnhof bis nach Ahrensburg. Im Zuge dessen könnte es zu weiteren Ausgrabungen kommen. Ahrensburg hat im Frühjahr 2019 eine neue Schwimmbrücke durch das Moor eröffnet. Die Baukosten dafür belaufen sich auf mehr als 900.000. Die Interessengemeinschaft Tunneltal plant zusammen mit der Stadtbücherei und der Volkshochschule weitere Vorträge zum Thema. Wer sich vor Ort ein Bild machen will, hat dazu am nächsten SonntagGelegenheit: Dann führt Dr. Alf Grube, Leiter des Geologischen Landesamtes in Hamburg, vom Haus der Wilden Weiden (Eichberg 63, 22143 Hamburg), durch die zusammenhängenden Naturschutzgebiete Höltigbaum und Stellmoor-Tunneltal. Los geht es um 14 Uhr. Die Teilnahme kostet fünf Euro.