Stormarn
Klimadebatte

Viele Stormarner wollen auf ihr Auto nicht verzichten

Bettina Kreft (38) mit Sohn Elïa (1) nutzt ihr Auto, weil sich mit drei Kindern weder das Rad noch der ÖPNV anbieten.

Bettina Kreft (38) mit Sohn Elïa (1) nutzt ihr Auto, weil sich mit drei Kindern weder das Rad noch der ÖPNV anbieten.

Foto: Luise Mütterlein

Zahl der Kraftfahrzeuge wie die der Neuzulassungen steigt von Jahr zu Jahr. Führerscheinumtausch verschärft Personallage im Fachdienst.

Bad Oldesloe. Allen aktuellen Klimaschutzdebatten und Bemühungen um eine Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zum Trotz – die Zahl der Kraftfahrzeuge im Kreis Stormarn nimmt von Jahr zu Jahr weiter zu. Das belegen aktuelle Statistiken der Kreisverwaltung. „Zum 23. August waren es 205.741 und damit bereits knapp 3000 Fahrzeuge mehr als am 31. Dezember des Vorjahres“, sagt Dirk Willhoeft, Leiter des Fachdienstes Straßenverkehrsangelegenheiten.

Dabei unternimmt der Kreis seit Jahren große Anstrengungen, den ÖPNV attraktiver zu gestalten. So etwa durch eine Taktverdichtung auf vielen Buslinien, bessere Anschlüsse an Regionalzügen, kürzere Umstiege auf S- und U-Bahnen sowie einen Ausbau der Anrufsammeltaxis und alternativer Personenshuttle wie ioki, einem neuen Angebot der Deutschen Bahn (wir berichteten).

System der Anrufsammeltaxis soll optimiert werden

„Mit diesem innovativen Projekt könnten wir in ländlichen Gegenden einen großen Schritt in die Zukunft machen und das bestehende System der Anrufsammeltaxis deutlich optimieren“, sagt Björn Schönefeld, in der Kreisverwaltung für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zuständig.

Mittels einer App können die ioki-Gefährte nicht nur rund um die Uhr angefordert werden, sondern sogar kurzfristig. Die Anmeldung soll bei entsprechendem Ausbau des Fahrzeugnetzes bis zehn Minuten vor Abfahrt möglich sein. „Das würde dem Nahverkehr eine größtmögliche Flexibilität verschaffen“, so Schönefeld. Auch deshalb, weil das hergebrachte Haltestellensystem aufgebrochen werde.

Die nächste Bushaltestelle ist 20 Minuten entfernt

Doch weil das momentan noch Zukunftsmusik ist, können und wollen viele Stormarner auf ihr Auto nicht verzichten. „Die nächste Bushaltestelle ist 20 Minuten entfernt – mit dem Rad wohlgemerkt. Und dann fahren die Busse nur alle Stunde“, sagt zum Beispiel Bettina Kreft, die mit ihrer Familie an der nordwestlichen Kreisgrenze wohnt. Mit drei Kindern müsse sie einfach flexibel sein. Außerdem habe sie des Öfteren in Bad Oldesloe, Bargteheide und Ahrensburg zu tun. „Das geht mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch ins Geld und ist nicht wesentlich günstiger, als gleich mit dem Auto zu fahren“, so die 38-Jährige.

Jürgen Wietfeld aus Oststeinbek könne nicht auf sein Fahrzeug verzichten, weil er als Sachverständiger beruflich viel unterwegs ist. Doch auch privat nutzt der 71-Jährige es gern. „Im Urlaub fahren wir oft umher, um möglichst viel von Land und Leuten zu sehen“, sagt Wietfeld. Doch selbst im Alltag sei der Wagen ein unentbehrlicher Begleiter. „Ich spiele nämlich gern Golf. Und ein Golfbag lässt sich bekanntlich mit dem Fahrrad nicht so leicht transportieren“, erklärt er.

Ohne Auto dauert Weg nach Grönwohld eine Stunden

Kristina Chomse verweist ebenfalls auf suboptimale Busverbindungen. „Schnell mal etwas erledigen, mit dem Kind zum Arzt fahren oder die Großeltern in Allermöhe besuchen – für all das ist es einfach viel praktischer das Auto zu nutzen“, gesteht die 34 Jahre alte Raumausstatterin aus Glinde. Dennoch bemühe sie sich, den Wagen so oft wie möglich stehen zu lassen, um sich zu Fuß auf den Weg zu machen.

Das würde auch Stefan Kramer liebend gern tun. Nur lasse ihm der Alltag dafür oft kaum Zeit. „Wir wohnen in Delingsdorf, ich arbeite jedoch in Grönwohld“, berichtet der 36 Jahre alte Grundschullehrer. Das sei zwar nur eine Strecke von knapp 20 Kilometern. Während er dafür mit dem Auto aber etwa 25 Minuten benötige, brauche er mit dem Bus mehr als doppelt so lange.

Schneller bei der Tochter, wenn die Kita Alarm schlägt

Hinzu komme, dass er als Lehrer berufsbedingt viele Abendtermine wahrnehmen müsse, wie etwa Elternversammlungen, Elterngespräche, Weiterbildungen und Schulkonferenzen. Zudem sei nicht selten viel Material hin und her zu transportieren, etwa für den Unterricht, zur Kontrolle von Klassenarbeiten oder zur Vorbereitung der Zeugnisse.

Auf das eigene Auto angewiesen sei er aber nicht zuletzt wegen seiner zweieinhalb Jahre alten Tochter. „Wenn die Kita Alarm schlägt, muss ich natürlich so schnell wie möglich dort sein. Es verschafft mir einfach ein besseres Gefühl, dass ich in Notsituationen mit größtmöglicher Flexibilität reagieren kann“, sagt Stefan Kramer.

235 Neuzulassungen mehr als im Vorjahreszeitraum

So ist es kaum verwunderlich, dass von einem Rückgang des Individualverkehrs nach wie vor keine Rede sein kann. Die Zahl der Neuzulassungen im Kreis steigt ständig. Registrierte die Kreisverwaltung 2017 noch 12.756, so waren es im Vorjahr 13.040, ein Plus von 284. Und obwohl erst acht Monate des laufenden Jahres vergangen sind, verzeichnet der Fachdienst bereits jetzt eine erneute Zunahme um weitere 235.

„In Bezug auf alle zulassungsrelevanten Vorgänge, dazu zählen auch Fahrzeug-Ab- und Ummeldungen, hatten wir bereits Ende Juli 4745 Fälle mehr zu bearbeiten als im Vergleichszeitraum des Vorjahres“, sagt Willhoeft. Um auch den längst angelaufenen Führerscheinumtausch zeitnah bewältigen zu können, hat der Fachdienst eine weitere Personalaufstockung beantragt.

Lesen Sie hier einen Kommentar von Abendblatt-Redakteur Lutz Kastendieck

Führerscheinumtausch dauert aktuell bis zu zehn Wochen

Der Abschied vom geliebten „Lappen“ ist in vollem Gange. Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte das Bundesverkehrsministerium die Umtauschfristen für alle vor dem 19. September 2013 ausgestellten Führerscheine.

Einen wahren Run erlebt seitdem auch die Fahrerlaubnisbehörde des Kreises im Rögen 36-38, Gebäude G, Raum G7, in Bad Oldesloe.

1670 Führerscheine wurden dort 2018 umgetauscht, 1062 mehr als 2017. Bis 31. Juli dieses Jahres sind bereits 1133 Anträge gestellt worden und damit 134 mehr als im Vorjahreszeitraum.

Führerscheininhaber, die vor 1953 geboren sind, können sich mit dem Umtausch bis 19. Januar 2033 Zeit lassen. Zwischen 1953 und 1958 Geborene müssen als Erste bereits bis 19. Januar 2022 aktiv werden.

Weil Berufskraftfahrer ihre Fahrerlaubnis alle fünf Jahre verlängern lassen müssen, kam es zu einem sprunghaften Anstieg von Fallzahlen. Die Bearbeitungszeit für den Führerscheinumtausch beträgt bis zu zehn Wochen.

Alle weiteren Infos unter www.kreis-stormarn.de/service/lvw/leistungen/index.html?lid=40