Stormarn
Grosshansdorf

Bürgermeister: „Die verbalen Angriffe gegen mich nehmen zu“

Er spricht Klartext im Abendblatt-Interview, beklagt die Respektlosigkeit mancher Einwohner Großhansdorfs: Bürgermeister Janhinnerk Voß.

Er spricht Klartext im Abendblatt-Interview, beklagt die Respektlosigkeit mancher Einwohner Großhansdorfs: Bürgermeister Janhinnerk Voß.

Foto: Marc R. Hofmann / HA

Im Sommerinterview spricht Janhinnerk Voß über pöbelnde Bürger, Verkehrsprobleme und Sorgen um das Ehrenamt.

Vorm Fliegen hat er Angst. Deshalb fährt Großhansdorfs Bürgermeister gern mit seiner Frau mit dem Auto in den Urlaub. Am liebsten nach Dänemark. Zwar hat er ein Faible für alte Lastwagen, aber für die Reisen nutzt er dann doch lieber seinen VW Touran. Seit 2002 ist der parteilose Janhinnerk Voß Verwaltungschef der Waldgemeinde. Am 15. September möchte der gebürtige Sylter für eine vierte Amtszeit gewählt werden. Alle im Ort vertretenen Parteien unterstützen den 54-Jährigen. Einen Gegenkandidaten gibt es bisher nicht. Im großen Sommerinterview mit dem Hamburger Abendblatt übt er Kritik an rauer werdenden Sitten in der Gesellschaft sowie an mangelnder Unterstützung durch die Nachbarkommunen Ahrensburg und Siek im Bestreben, Verkehrsprobleme zu lösen. Und er sendet einen Appell an das Verkehrsministerium in Kiel.

Herr Voß, bundesweit sind Politiker zur Zielscheibe verbaler und sogar körperlicher Attacken geworden. Was empfinden Sie dabei? Und gibt es solche Vorkommnisse auch in Großhansdorf?

Janhinnerk Voß Ich verabscheue jede Art von Extremismus – egal, ob von links, von rechts oder religiös motiviert. Taten wie die des Rechtsextremen in Kassel sind für mich unbegreiflich. Großhansdorf ist diesbezüglich noch fast eine Insel der Glückseligen. Aber verbale Angriffe auf mich und andere gibt es durchaus. Deshalb verlasse ich inzwischen hin und wieder sogar Feierlichkeiten. Wenn Alkohol fließt, werden die Angriffe schnell persönlich. Beim Sommerzauber bin ich schon einige Male mit Leuten zusammengerasselt. Ich stand auch einmal mit einem Nazi Nase an Nase. Das sind Dinge, die muss ich nicht haben. Inzwischen geht es immer auch gleich von Null auf Hundert.

Was meinen Sie damit?

Früher hieß es, ,Herr Voß, hier ist eine Laterne kaputt. Wäre schön, wenn die repariert wird’. Heute rufen Einzelne an und sagen: ,Was ist das für ein Scheiß, die Laterne ist kaputt. Macht ihr gar nichts mehr im Rathaus und trinkt nur noch Kaffee?’ Von dieser unguten Entwicklung berichten mir auch Bürgermeisterkollegen und Mitarbeiter meiner Verwaltung. Ja, die verbalen Angriffe nehmen auch bei uns zu. Körperliche habe ich noch nicht erlebt.

Hat das auch Auswirkungen auf die politische Stimmung?

Das Zusammenspiel zwischen Verwaltung und Politik ist gut. Aber wir haben durch Überhangmandate jetzt 25 statt bisher 19 Gemeindevertreter. Das sind natürlich sechs Meinungen mehr, sechs Wünsche mehr. Aber durch die teils langjährige Zusammenarbeit ist ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Man haut den anderen bei Fehlern nicht gleich in die Pfanne.

Und der politische Diskurs in der Gemeinde?

Auch hier gibt es Nazis oder Reichsbürger. Aber sie treten selten in Erscheinung. Zu strafrechtlichen Verfahren sah ich mich bisher nicht veranlasst.

Nazis in Großhansdorf?

Ja. Aber es gibt nicht etwa Sieg-Heil-Rufe. Auch Hakenkreuz-Schmierereien haben wir relativ wenig. Aber es gibt krasse und teils faschistoide Meinungsäußerungen. Wenigstens ist nach dem Weggang der Reichsbürger-Bewegung an der Himmelshorst Ruhe eingekehrt.

Der Autoverkehr ist auch bei Ihnen ein beherrschendes Thema. Besonders für die Anlieger der Sieker Landstraße. Wie ist Abhilfe zu schaffen für die Menschen an der Ostring-Ausweichroute durch Großhansdorf und Schmalenbeck?

In der Tat ist das ein beherrschendes Thema. 70 bis 80 Prozent aller Bürger-Anfragen kommen zum Straßenverkehr. Von Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern. Und jeder glaubt, er habe die einzig richtige Meinung. Die Hoisdorfer Landstraße ist neben der Sieker Landstraße ein Schwerpunkt, weil viele den Ostring umfahren. Die Situation an der ­großen Kreuzung in Siek ist auch ein Problem. Deshalb fordern wir für ein Bauvorhaben nicht einzelne Verkehrsgutachten, sondern ein zwischen Siek, Ahrensburg und uns abgestimmtes Konzept. Wir freuen uns für Siek und Ahrensburg über deren Erfolge in Bezug auf die Gewerbegebiete. Aber wir an der verkehrlichen Schnittstelle müssen sehen, dass auch unsere Interessen gewahrt werden. Da sehe ich erheblichen Bedarf.

Welche Rolle spielt die Wirtschafts- und Aufbaugesellschaft Stormarn dabei?

Die WAS erstellt ein Gutachten zu den Autobahnabfahrten und der Querung. Gerade der Rückstau an den Abfahrten ist hochproblematisch. Es ist ein Wunder, dass es dort nicht häufiger zu schweren Unfällen kommt. Mir berichten immer wieder Autofahrer von dramatischen Situationen im Berufsverkehr.

Aber es gibt bis heute kein Ergebnis. Obwohl sich das Kieler Verkehrsministerium und Landtagsabgeordnete aus Stormarn damit beschäftigten.

Seit Jahresanfang warte ich auf einen Termin mit der WAS. Das Gespräch kommt aber nicht zustande.

Warum nicht?

Weiß ich nicht. Ich frage alle drei bis vier Monate nach. Aber es gebe noch Klärungsbedarf. Verkehrsminister Bernd Buchholz hat einmal in einer Besprechung gesagt: ,Fehmarnbeltquerung, A 20, Rader Hochbrücke – das sind die drei Hauptprojekte. Da geht erst einmal alles Geld rein. Was dann übrig bleibt, geht in solche Projekte’. Dann sage ich, das Geld wird am Hamburger Rand verdient, dann muss dorthin auch das Geld fließen.

Würden Sie daraus einen Appell an die Kieler Adresse formulieren?

Mein dringender Appell an das Land: Macht Euch Gedanken über die Situation an der Autobahnabfahrt Ahrensburg/Großhansdorf! Mein dringender Appell an Ahrensburg und Siek: Lasst uns ein abgestimmtes Verkehrsgutachten auf den Weg bringen!

Warum geht es zwischen den drei Protagonisten nicht voran?

Die haben wohl genug mit sich selbst zu tun. Und möglicherweise mag keiner von beiden verzichten. Denn Kompromisse bei der Verkehrslenkung könnten auch Verzicht bedeuten.

Und der Radverkehr? Es gibt Verzögerung bei Park-and-ride-Stellplätzen. Und Kritik am Radwegenetz.

Beim Abendblatt-Radwege-TüV sind wir im oberen Drittel gelandet, bekamen die Note 3. Der Wunsch des ADFC, die Radfahrer auf die Straße zu bringen, kommt bei vielen Bürgern nicht gut an. Wir haben 40 Jahre lang versucht, die Leute von der Straße auf die Radwege zu bekommen. Nun sollen sie plötzlich wieder auf die Straße. Das ist schwierig.

Thema Wachstum: Stellt der Siedlungsdruck aus Hamburg Ihre Kommune vor Probleme?

Eher die, die hier eine Immobilie kaufen möchten. Wir haben einen Generationswechsel wie noch nie in Großhansdorf. Wir haben so viele Neubürger wie noch nie, so viele Kinder wie noch nie.

Wie viele Großhansdorfer sind es aktuell?

9292 laut Statistik. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Mein Ziel ist es, nicht auf Krampf 11.000 oder 12.000 Einwohner zu bekommen, nur um landespolitische Vorgaben zu erfüllen. Sondern eine Zahl, die der Ort verkraftet. Die sehe ich bei maximal 10.000. Das Land hätte gern 12.000. Aber dann müssten wir massiv verdichten, oder wir müssten in Landschaftsschutzgebiete ausweichen.

Das wäre wohl schwer vermittelbar, oder?

Richtig. Schließlich macht das den Reiz Großhansdorfs aus. Wir haben einen Gemeindevertreterbeschluss zur Mindestgröße der Grundstücke für Einzel- und Doppelhäuser: 800 Quadratmeter für Einzelhäuser, 1000 für Doppelhäuser. Es gibt aber auch Straßen, wo große Häuser auf großen Grundstücken denkbar sind. Aber das wäre auch am Markt vorbei. Wer will heute noch große Grundstücke? Entlang der Hauptstraßen und U-Bahn können wir verdichten, ohne dass das Regenrinne an Regenrinne bedeutet.

Und wie sieht es aus mit bezahlbarem Wohnraum?

Da müssen wir etwas unternehmen. Wir brauchen mehr davon. Etwa drei Viertel meiner Mitarbeiter wohnen nicht in Großhansdorf, weil sie es sich nicht leisten können oder wollen. Das geht anderen Arbeitgebern wie den Krankenhäusern genauso.

Großhansdorf – das Beverly Hills von Stormarn?

Irgendwie schon. Wir müssen etwas machen im sozialen Wohnungsbau. Und heutzutage muss auch niemand mehr dabei an dunkle Gestalten und brennende Ölfässer denken. Man sieht an Ahrensburg, dass das funktioniert.

Der geplante Neubau einer Müllverbrennungsanlage in Stapelfeld beschäftigte viele Menschen in umliegenden Orten. Auch in der Waldgemeinde?

Kaum einen. Es gibt wenige, die sich interessiert zeigen. Jeder Hundehaufen am Eilbergweg erzeugt mehr Aufmerksamkeit. Ich hatte das allerdings anders eingeschätzt. Die Grenzwerte für die Emissionen werden eingehalten, das ist sicher. Ob die gesundheitlichen Grenzwerte eingehalten werden, darüber kann man streiten. Wir sind jedenfalls nicht beteiligt am Verfahren, haben kaum Einfluss auf den Bau.

Ahrensburgs Bürgermeister möchte mit Ihnen über den Bau eines gemeinsamen Sportzentrums im Gewerbegebiet Beimoor-Süd verhandeln; ist das eine reizvolle Idee von Michael Sarach?

Wir reden schon seit drei Jahren darüber. Ich sehe das positiv, aber nicht auf Teufel komm’ raus. Wir werden unseren Bedarf ermitteln. Einen Fußball-Rasenplatz zum Beispiel können wir hier nicht bieten. Und wir bräuchten eine kleine Turnhalle.

Das Areal des ehemaligen Park Hotels liegt seit Jahrzehnten brach. Die Politik hat Pläne für eine Erlebnisgastronomie am See abgeschmettert. Auch Hotelpläne scheiterten. Warum geht da nichts?

Ein Hotel in einer wirtschaftlich tragfähigen Größe ist dort nicht darstellbar. Viele Großhansdorfer wünschen sich das alte Park Hotel zurück. Das alte hatte aber eine Größe, die heute nicht mehr wirtschaftlich wäre. Wir reden heute über mindestens 50 Zimmer. Wir reden über Gastronomie, Fitness – über Parkplätze. Wir hatten Entwürfe, mit denen wir den Standort Park Manhagen zerstören würden, weil sie beinahe eine Komplettabrodung auf dem Areal bedeuten würden. Es gibt Denkmalschutz, Waldschutz, Gewässerschutz – diese Schutzgüter schrecken Investoren durchaus ab. Eine kleine Lösung wie ein Park-Restaurant mit weniger Flächenbedarf wird sicher die Überschrift über weitere Vorhaben dort sein.

Themenwechsel: Großhansdorf ist immer noch ein bei Einbrechern und Autodieben überaus beliebter Ort. Unternimmt die Polizei in Stormarn aus Ihrer Sicht genug gegen die Verbrecher?

Die Zahlen sind rückläufig. Und seit der Streifendienst neu geregelt ist, sind die Ahrensburger Beamten sehr schnell mit zwei, drei Fahrzeugen hier vor Ort.

Aber so werden doch nur Lücken an anderer Stelle gerissen?

Ja. Und wenn man sieht, wie groß der Bereich mit einer Ausdehnung von circa 30, 40 Kilometern ist, in dem etwa 60.000 Menschen leben, dann kann man eigentlich nur gratulieren, dass die Polizisten das immer noch irgendwie schaffen.

Also gibt es doch zu wenige Beamte auf den Straßen?

So sehe ich das. Aber ich kann auch nicht vom Land heute mehr Polizisten, morgen mehr Lehrer und übermorgen mehr Förster fordern. Und dass die Straßen saniert werden. Und gleichzeitig mehr Geld für die Kommunen fordern.

Wie steht es um die Finanzen?

Eigentlich leben wir von der Hand in den Mund. Uns fehlen Gewerbesteuereinnahmen. Und wir haben historisch bedingt kein gemeindeeigenes Land, das wir dazu nutzen könnten. Unser Image als eine der reichsten Kommunen Deutschlands basiert allein auf der hohen Kaufkraft. Aber das hat mit den Gemeindefinanzen eben nichts zu tun.

Bitte benennen Sie die drei größten Herausforderungen für Ihre Kommune in den kommenden Jahren.

Das sind zukunftsfähige Schulen. Es ist der erweiterte Bereich des Klimaschutzes mit Umweltschutz sowie der Verkehrspolitik. Und mindestens so wichtig ist, wie wir es schaffen können, mehr Leute ins Ehrenamt zu bringen. Sehen Sie, wir haben etwa 50 Vereine im Ort. Alle haben Sorge, wie es in den nächsten Jahren weitergehen soll. Das, was die Ehrenamtler leisten, ist enorm, das könnten wir hauptamtlich nicht bedienen. Nehmen wir nur mal die Feuerwehr: „Um die hauptamtlich zu ersetzen, bräuchten wir allein etwa drei Millionen Euro pro Jahr. Und das ist nur ein Bruchteil ehrenamtlicher Arbeit. Für einen lebendigen Ort brauchen wir das Ehrenamt.