Stormarn
Kampfsport

Jugendliche in Großensee boxen mit Jürgen Blin

Boxer Jürgen Blin (l.) kam zum Training mit Jugendlichen nach Großensee. Er möchte sie für den Boxsport begeistern.  

Boxer Jürgen Blin (l.) kam zum Training mit Jugendlichen nach Großensee. Er möchte sie für den Boxsport begeistern.  

Foto: Laura Treskatis

Ehemaliger Profi kämpfte einst gegen Muhammad Ali. Jetzt unterstützte er den ehrenamtlichen Trainer Boris Dolgoruki.

Grossensee. Schon die ersten 20 Sekunden des Songs „Eye of the Tiger“ genügen, um die ehemalige Kneipe Großensee in einen Boxtempel zu verwandeln. Im Ring steht heute zwar nicht Rocky Balboa – dafür ein anderes Schwergewicht: Der ehemalige Profiboxer Jürgen Blin ist in seinen alten Heimatort gekommen, um mit Jugendlichen zu trainieren. Vor fast 50 Jahren boxte er gegen den Größten: Am 26. Dezember 1971 stand Blin gegen Muhammad Ali in Zürich im Ring. Vor rund 20.000 Zuschauern ging er in der siebten Runde k.o.

Körperliche Bewegung sei wichtig zu Aggressionsbewältigung

In Großensee fällt das Publikum deutlich kleiner aus. Auch die Technik hakt ein bisschen. So verstummt die Musik, noch bevor Survivor-Frontmann Dave Bickler den Refrain der Boxhymne aus den 1980er-Jahren anstimmen kann. Doch das ist an diesem Tag nebensächlich. Die Botschaft dahinter steht im Vordergrund: Zusammen mit dem ehrenamtlichen Boxtrainer Boris Dolgoruki will Blin einen Impuls setzen und Jugendliche für den Sport begeistern. „Die werden nicht zu Schlägern“, sagt Blin entschlossen und entkräftet damit ein altes Klischee. „Die werden ruhiger, koordinierter und selbstbewusst.“

Körperliche Bewegung sei ein wichtiger Bestandteil, um dauerhaft Aggressionen abzubauen, sind sich Blin und Dolgoruki sicher. „Boxen ist eine Form der Sozialisation“, sagt Dolgoruki. Als Hausmeister des Trittauer Gymnasiums beobachtete er schon so manche Schlägerei auf dem Schulhof, animierte daraufhin zum Probetraining. Am Trittauer Gymnasium startete Dolgoruki vor Jahren zunächst eine Arbeitsgemeinschaft Boxen. Weil die Nachfrage groß war, wurden Jugendarbeiter auf ihn aufmerksam. Seit neun Jahren gibt er nun einmal in der Woche Boxtraining in der Trittauer Campehalle, das durch die Gemeinde gefördert wird.

Ein solches oder ähnliches Angebot kann sich Rik Ohmeier auch für Großensee vorstellen. Ohmeier ist Vorstandsmitglied des Kultur- und Naherholungsvereins. Er stellt auch die Räumlichkeiten für das Boxtraining mit Blin und Dolgoruki. Bis in die 1970er-Jahre waren die Räume an der Trittauer Straße noch eine Gaststätte. Dort, wo damals ein Tanzsaal war, sind heute dicke Hanfseile gespannt. Doch bevor es in den Ring mit Jürgen Blin geht, steht Aufwärmtraining für die Jugendlichen auf dem Programm. Als Trainingsutensilien dienen Springseil und Medizinball. „Feuer frei“, ruft Blin den fünf Teilnehmern beim Schattenboxen zu. Mit geballten Fäusten schlägt er vor sich, um den Jugendlichen die richtige Technik zu demonstrieren. „Der Wille zählt“, sagt Blin. „Alles andere kann man lernen.“

Großensee war nur eine kurze Station in Blins Leben

Um Tipps vom Profi zu erhalten, ist auch Marco Moritz zum Training gekommen. Der 16-Jährige hat Erfahrung im Kampfsport: Seit elf Jahren macht er Karate und hat den schwarzen Gürtel. Mit Boxen begibt er sich auf ungewohntes Terrain. „Ich habe viel vom Training mitgenommen und neue Bewegungsabläufe gelernt“, sagt der Großenseer. Ähnlich geht es Bilal Ahmad Farid. „Man merkt, dass er sehr erfahren ist“, sagt der 20-Jährige. „Während andere zurückziehen, bleibt er immer stehen.“ Die Begeisterung der Jugendlichen kann auch Mitorganisatorin Brigitte Thumann nachvollziehen. „Blin hat eine Vorbildfunktion“, sagt Thumann. „Trotz seiner schweren Jugend hat er aus eigener Initiative heraus etwas aus seinem Leben gemacht.“ In jungen Jahren litt der heute 76-Jährige unter der Alkoholsucht seines Vaters. Noch vor der Schule musste er dessen Arbeit als Melkmeister verrichten. Im Zwei-Jahres-Takt zog die Familie um. So ist auch Großensee nur eine kurze Station im Leben des Ex-Profiboxers.

Im Alter von 14 Jahren lebte er nur wenige Monate im Ort, heuerte dann als Schiffsjunge auf einem Erzfrachter an. Später lebte er für einige Jahre in Trittau, dann in Reinbek, heute in Hamburg. Trotzdem blieb Blin dem SSV Großensee mehr als 60 Jahre treu, wurde im vergangenen Jahr zum Ehrenmitglied gewählt. In Großensee hatte Blin in den 1950er-Jahren zunächst Fußball gespielt. Boxen lag ihm mehr. 55 Kämpfe absolvierte er in seiner Zeit als Profi, weitere 110 Kämpfe als Amateur. Heute coacht Blin Nachwuchssportler – und solche, die es einmal werden wollen.

Info: Jugendliche können Probetraining absolvieren

Das Trittauer Jugendzentrum „Juze“ bietet immer donnerstags um 18 Uhr ein Boxtraining in der Campehalle an. Die Adresse lautet Rausdorfer Straße 1. Das Boxtraining ist für Jungen und Mädchen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren geeignet. Die Leitung des Trainings übernimmt der lizenzierte Boxtrainer Boris Dolgoruki. Interessierte können an einem Probetraining teilnehmen. Eine vorherige Anmeldung ist dafür nicht nötig. Die Teilnahme ist kostenlos. Das Training wird finanziell von der Gemeinde Trittau gefördert.