Stormarn
Schienenverkehr

Bahnlärm: Was kann Stormarn jetzt noch tun?

Ein Güterzug fährt an einer direkt am Gleisbett platzierten niedrigen-Lärmschutzwand vorbei. Die Deutsche Bahn testet derzeit, wie gut diese die Geräusche von Zügen abhalten.

Ein Güterzug fährt an einer direkt am Gleisbett platzierten niedrigen-Lärmschutzwand vorbei. Die Deutsche Bahn testet derzeit, wie gut diese die Geräusche von Zügen abhalten.

Foto: Thomas Frey / dpa

Kreis will sich stark machen und Einwände der Kommunen bündeln. Landrat sieht noch Chancen.

Ahrensburg.  Der Kreis Stormarn will sich nicht damit abfinden, dass die Deutsche Bahn weitergehenden Lärmschutz an der Bahntrasse Hamburg–Kopenhagen beharrlich ablehnt. „Wir müssen jetzt rasch in die Offensive gehen und konkrete Handlungsbedarfe klären“, bekräftigt Landrat Henning Görtz gegenüber dem Hamburger Abendblatt. Er baut dabei nicht nur auf mögliche Zugeständnisse hinsichtlich eines sogenannten übergesetzlichen Lärmschutzes. Görtz sieht sogar reale Chancen für Nachbesserungen beim gesetzlichen Anspruch auf konkrete Maßnahmen.

Neue Grenzwerte durch Wegfall des Schienenbonus

Zur Begründung blickt der Landrat zurück: Als 2013 im Kreisgebiet auf einer Länge von 16 Kilometern Lärmschutzwände entstehen, mit denen 420 Wohneinheiten besser geschützt werden, gilt noch der so genannte Schienenbonus. Jahrzehntelang ist dem Schienenverkehr ein Lärm-Aufschlag von fünf Dezibel zugestanden worden. Lag der nächtliche Grenzwert in reinen und allgemeinen Wohngebieten für Straßenverkehrslärm bei 49 Dezibel, so waren für Schienenlärm 54 Dezibel maßgeblich.

Nach erheblichen Bürgerprotesten verständigen sich Bundestag und Bundesrat im April 2013 darauf, den Bonus für neue Schienenbauprojekte per 1. Januar 2015 abzuschaffen. „Das könnte ein Ansatzpunkt sein um zu überprüfen, ob die nun geltenden Grenzwerte nicht zwingend weitergehende Maßnahmen nach sich ziehen müssen“, so Görtz.

Dabei seien jetzt aber die Kommunen gefordert, sagt der Landrat. Sie müssten mögliche Defizite möglichst schnell ermitteln und melden. Dass jede Kommune da für sich allein kämpfe, halte er für nicht effektiv und zielführend. Der Kreis sei bereit, die Ergebnisse zusammenzufassen, um sie dann in Richtung Land und Bund zu kommunizieren.

Ahrensburgs Bürgermeister Michael Sarach begrüßt den Vorstoß des Stormarner Landrats. „Noch sind die Messen nicht gesungen. Um aber erfolgreich zu sein, müssen wir nach dem Vorbild der Ostseebäder in Ostholstein alle an einem Strang ziehen und umgehend Verbündete finden“, so Sarach.

Bürgermeister sieht sich mit Vorwurf konfrontiert

Da von den Bauarbeiten für die S-Bahnlinie 4 städtische Flächen in erheblichem Umfang berührt sind, kann die Schlossstadt über ihre Selbstverwaltungsrechte Einfluss auf Art und Umfang der Lärmschutzmaßnahmen nehmen. Sarach: „Sechs Meter hohe Wände sind jedenfalls nicht akzeptabel, sie würden das Stadtbild zerstören.“ Er ist nach wie vor davon überzeugt, dass eine Tieferlegung der Trasse im Stadtgebiet von Ahrensburg den effektivsten Lärmschutz böte und alles andere allenfalls „Notlösungen“ sein könnten. Dass es möglich sei, beweise Bad Schwartau. Dort wird aktuell über einen 3,20 Meter tiefen Trog diskutiert. Ob er tatsächlich realisiert wird, steht allerdings längst noch nicht fest, wie bereits berichtet.

Unterdessen sieht sich Sarach mit dem Vorwurf konfrontiert, das heraufdämmernde Ungemach allzu lange ignoriert zu haben. „Zu bemerken ist, dass sich die Verwaltung seit der Übergabe der Resolution zum Bau der S 4 im November 2017 wohl kaum gekümmert hat“, moniert etwa Jürgen Siemers vom Bürger- und Grundeigentümer Verein (BGV) Waldgut Hagen.

Das bestreitet Sarach: „Wir haben die von den Stadtverordneten beschlossene Resolution an die Bahn weitergeleitet und inzwischen weitere Informationen und Einschätzungen zur Sachlage eingeholt.“ Der nächste Schritt folge, wenn das Planfeststellungsverfahren für den dritten Abschnitt des S-4-Neubaus eröffnet werde. Dann könne die Stadt über die Beteiligung der Träger öffentlicher Belange ihre Einsprüche vortragen.

Kreis soll sich Forderung nach A 1-Trasse anschließen

Im Übrigen sei das Thema bereits vor sechs Jahren im Bauausschuss diskutiert worden. „Ich habe schon 2013 für eine Troglösung plädiert, dafür bis hin zum damaligen Landrat aber keine Verbündeten finden können“, so Sarach.

Ginge es nach Peter Elmers, von 1972 bis 2002 Leiter des Tiefbauamts in Ahrensburg, sollte sich der Kreis lieber den Forderungen der Rahlstedter Bürgerinitiative anschließen, die für eine neue Bahntrasse entlang der Autobahn 1 von Hamburg-Moorfleet nach Lübeck-Reecke, östlich der Bestandsstrecke Hamburg–Kopenhagen, kämpft. „Diese Variante hätte viele Vorteile für die Stormarner, ohne dass den Hamburgern welche verloren gingen“, sagt Elmers.

Der viergleisige Ausbau der Strecke sei dann ebenso unnötig (die S-Bahn könnte auf dem Fernverkehrsgleis rollen), wie aufwändige Lärmschutzmaßnahmen in den dicht besiedelten Gebieten des Kreises. „Und es wären auch keine genehmigungspflichtigen Eingriffe in die Naturschutzgebiete Ahrensburger und Stellmoorer Tunneltal nötig“, fügt Elmers hinzu. Die schleswig-holsteinische Landesregierung hat dieser Variante allerdings unlängst eine deutliche Absage erteilt.

Wir müssen jetzt rasch in die Offensive gehen und konkrete Handlungsbedarfe klären
Henning Görtz,