Stormarn
Trittau

Kriegswaffen? Künstler nehmen Rheinmetall ins Visier

Gruppe 9. November und Unterstützer (v. l.): Ilse Magdalene Siebel, Axel Richter, Denise Heinemeier, Friderike Bielfeld, Christoph Störmer, Detlef Mielke, Holger Möller, Eva Maria Siebert.

Gruppe 9. November und Unterstützer (v. l.): Ilse Magdalene Siebel, Axel Richter, Denise Heinemeier, Friderike Bielfeld, Christoph Störmer, Detlef Mielke, Holger Möller, Eva Maria Siebert.

Foto: Elvira Nickmann

„Gruppe 9. November“ plant am Firmenstandort Protest-Aktionstag gegen Aufrüstung, Produktion und Export von Rüstungsgütern.

Trittau. Davon, dass sich ausgerechnet am Rande der beschaulichen Gemeinde Trittau eine Niederlassung der Rheinmetall-Tochtergesellschaft Waffe Munition befindet, dürfte nicht einmal jeder Ortsansässige wissen. Den Rüstungskonzern drängt es nicht unbedingt ins Licht der Öffentlichkeit. Soweit bekannt, bietet das Jubiläum zu seinem 130-jährigen Bestehen am Sonnabend, 13. April, für den Standort Trittau auch keinen Anlass für eine offizielle Feierstunde. Zumindest in diesem Punkt stimmen die Verantwortlichen mit einer Stormarner Künstlergruppe überein, die sich nach ihrem Gründungsdatum im Jahr 2018 „Gruppe 9. November“ nennt.

Aus ihrer Perspektive sehen die friedensbewegten Künstler ebenfalls keinen Grund für eine Geburtstagsfeier. Stattdessen nehmen sie das Jubiläum zum Anlass für einen Aktionstag am morgigen Sonnabend, der Rheinmetall und seinen Ableger in Trittau mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken soll. „Wir wollen Missstände auf künstlerischer Ebene bezeugen“, erläutert Axel Richter, Leiter des KunstHauses am Schüberg des Ev.-Luth. Kirchenkreises Hamburg-Ost in Ammersbek, das Vorgehen der Gruppe. Zu den Missständen, um die es dabei geht, zählt alles, was nach Ansicht der Kunstschaffenden Frieden verhindert, vor allem die Produktion von Waffen und Munition sowie deren Lieferung in Krisengebiete .

Der Trittauer Ableger stehe nicht nur symbolisch für den Konzern, der angebe, dass dort lediglich Munition für Ausbildung und Verteidigung wie Blendgranaten gefertigt würden. Genau diese Angaben stellt Richter infrage. Er sagt: „Dann tauchen diese Blendgranaten auf dem Tahir-Platz in Istanbul auf, wo sie gegen Menschen zum Einsatz kommen, die für die Demokratie demonstrieren.“

Künstler sprechen von „knallharten wirtschaftlichen Interessen“

Rheinmetall habe ein hochkomplexes und vernetztes System aufgebaut, in dem der Profit mehr zähle als Menschenleben. „Da stehen knallharte wirtschaftliche Interessen dahinter.“ Dem Gefühl der Ohnmacht, das die Künstler bei einem Spaziergang am Firmengelände empfunden hätten, wollten sie etwas entgegensetzen. Zum Nachdenken anregen, einen Kunstraum schaffen, in dem es möglich sei, „mit der Kunst ins Fantasieren zu kommen“. Beispielsweise darüber, ob es mithilfe von Druck auf die Politik nicht gelingen könnte, die Produktion auf andere Güter umzustellen.

Die Planung für den Aktionstag sieht so aus: Um 11 Uhr will die Gruppe mit allen Unterstützern von der Poststraße zum Rheinmetall-Firmengelände in der Straße Bei der Feuerwerkerei ziehen, um dort vor dem Werkstor ein musikalisches „Geburtstagsständchen“ anzustimmen. Ab 12 Uhr sollen Kunstaktionen auf dem Europaplatz dafür sorgen, dass Künstler und Bürger über die Themen Grenzen, Teilen und Kommunizieren ins Gespräch kommen. Bei der Friedensandacht im Anschluss wirken der Vocalis Chor aus Bargteheide und Christoph Störmer, ehemaliger Hauptpastor von St. Petri in Hamburg, mit.

Die Polizei rechnet mit etwa 20 Demonstrationsteilnehmern

Die Demonstration wird laut Polizeipressesprecher Torsten Gronau „im Rahmen des normalen Dienstplans von den Polizisten begleitet“. Es gehe eher darum, die Veranstaltung im Sinne einer „verkehrlichen Regulierung“ zu schützen. Er gehe von etwa 20 Teilnehmern aus. „Für uns ist es im Grunde egal, ob es dann 20 oder 50 sind.“ Die Gemeinde hat die Kunstaktion mit Schlusskundgebung auf dem Europaplatz genehmigt.

Bürgermeister Oliver Mesch äußert Verständnis für die Aktion, weist aber auch auf die Bedeutung von Rheinmetall als Arbeitgeber hin: „Was genau Inhalt der Kunstaktion ist, weiß ich nicht. Eine grundsätzliche kritische Auseinandersetzung ist aber immer wichtig und sollte auch im Sinne von Rheinmetall sein.“ Rheinmetall als Nachfolger der Nico Pyrotechnik sei ein wichtiger Arbeitgeber für die Menschen in der Region. Seines Wissens nach werden in Trittau keine Waffen produziert.

Rheinmetall-Pressesprecher Oliver Hoffmann sagt zu dem Vorhaben der Künstlerinitiative: „Wir respektieren das Recht zur freien Meinungsäußerung und lassen auch kritische Positionen Andersdenkender gelten.“ Der Konzern bitte aber um Fairness und verwahre sich entschieden gegen falsche Behauptungen und unsachliche Stimmungsmache.

Hoffmann weiter: „Mit unseren Produkten für die polizeilichen Kräfte und für die Bundeswehr schützen wir diejenigen, die sich in Deutschland und in gefährlichen Regionen der Welt für Frieden und Sicherheit engagieren.“ Das gelte auch für die Mitarbeiter in Trittau.

Alle Kommunen sollen Stein mit Friedensbotschaft bekommen

Das sieht die Hamburger Initiative gegen Rüstungsexporte völlig anders. „Seit 2002 wurde das Arsenal in Trittau ergänzt durch Waffen und Munition zur Aufstandsbekämpfung bis hin zu Blendgranaten“ schreibt sie in einem Flugblatt. Und weiter: „Angeblich dienen die Waffen der ,Verteidigung‘, wie der Titel beschönigt.“ Mit Titel ist der Name der Konzernsparte „Defense“ gemeint, zu der auch das Trittauer Werk gehört. Der Rheinmetall-Vorstandsvorsitzende Armin Papperger wird in demselben Flugblatt mit den Worten zitiert: „Bei Defense sind wir bestens positioniert, um den wachsenden Bedarf der Streitkräfte mit unseren Produkten und Dienstleistungen zu bedienen.“ Diese Aussage überzeugt die Initiative nicht. Mehr noch für den Export als für die Bundeswehr produziere Rheinmetall Maschinengewehre, Kanonen, Munition und Panzer.

Die Künstler haben einen Brief an die Bürgermeister aller Kommunen im Kreis geschrieben. Darin schlagen sie den Verwaltungschefs vor, jeweils einen der 55 von Axel Richter gestalteten Grenzsteine mit einer Friedensbotschaft zu versehen und an einem von ihnen ausgesuchten Friedensort aufzustellen. Sie sollen das Symbol dafür sein, dass die Stormarner Städte und Gemeinden miteinander in Frieden verbunden sind.

Wer die Grenzsteine näher in Augenschein nehmen will, hat bei der Kunstaktion Gelegenheit. Dann sind sie auf dem Europaplatz aufgeschichtet.

In einer früheren Version dieses Artikels wurde das Zitat „Seit 2002 wurde das Arsenal in Trittau ergänzt durch Waffen und Munition zur Aufstandsbekämpfung bis hin zu Blendgranaten“ dem Rheinmetall-Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger zugeschrieben. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen.