Ahrensburg

Reisebüro-Ärger: Das Opfer hat jetzt Flugverbot

| Lesedauer: 6 Minuten
Janina Dietrich
Anita Koch (54) hält das Schreiben des Inkasso-Büros und die Flugtickets in der Hand, die sie wegen des Verbotes nicht nutzen durfte.

Anita Koch (54) hält das Schreiben des Inkasso-Büros und die Flugtickets in der Hand, die sie wegen des Verbotes nicht nutzen durfte.

Foto: Janina Dietrich / HA

Inkasso-Unternehmen fordert Nachzahlung von 3800 Euro. Staatsanwaltschaft will bald über Anklage gegen Ahrensburger Firma entscheiden.

Ahrensburg. Die Mail des Inkasso-Unternehmens wirkt einschüchternd. Auf Englisch fordert die Firma mit Sitz in Dubai Anita Koch dazu auf, 3791,86 Euro an die Fluggesellschaft Emirates zu zahlen – für einen Flug nach Australien im Jahr 2017. „Ich habe erst einmal alles an meine Tochter weitergeleitet, weil ich Zweifel hatte, ob das Schreiben seriös ist“, sagt die 54-Jährige aus Fuhlenhagen (Kreis Herzogtum Lauenburg). Doch Telefonate und weitere Recherchen bestätigen: Die Forderung ist echt, und das Unternehmen will das Geld auch noch innerhalb von 48 Stunden haben. Sonst droht ihr ein Flugverbot bei der Airline.

Es ist Mittwoch, der 6. Februar 2019, als Koch die E-Mail in ihrem Postfach findet. Zwei Tage später will sie mit derselben Fluggesellschaft wieder nach Adelaide fliegen. Die Tickets sind gebucht, bezahlt und ausgedruckt, auch der Online-Check-in hatte problemlos funktioniert. Doch nun will die Airline sie nicht mitfliegen lassen, wenn sie die Forderung nicht rechtzeitig begleicht. Der Flug aus dem Jahr 2017 sei, so heißt es in der Mail, noch nicht bezahlt worden. Die angegebene Kreditkarte habe nicht belastet werden können. Anita Koch ist entsetzt.

Beim Einchecken am Abflugschalter gab es Schwierigkeiten

Was war passiert? Seit 2013 fliegt sie regelmäßig nach Australien, um ihre Tochter und deren Familie zu besuchen. Dreimal buchte sie die Flüge beim Reisebüro Langeloh aus Ahrensburg, gegen das die Staatsanwaltschaft Lübeck wegen einer Vielzahl von Betrugsvorwürfen inzwischen ein umfangreiches Ermittlungsverfahren führt (das Abendblatt berichtete). Die ersten beiden Reisen in den Jahren 2013 und 2016 verliefen laut Koch problemlos, doch 2017 habe es beim Einchecken am Abflugschalter in Hamburg Schwierigkeiten gegeben. „Als mein Sohn und ich unsere Unterlagen von Frau Langeloh abgaben, konnten die Mitarbeiter uns unter der angegebenen Buchungsnummer nicht finden.“ Weder ein Hinflug, noch ein Rückflug seien gebucht – trotz der zuvor geleisteten Zahlung von 2654,66 Euro an das Reisebüro.

„Stattdessen waren an dem Morgen Business-Flüge auf unsere Namen gebucht worden“, sagt Koch. „Wir sind davon ausgegangen, dass Frau Langeloh unsere offizielle Buchung vergessen hatte und uns dann Business-Sitze reserviert hat, weil die Economy-Klasse schon besetzt war.“ Rücksprache habe sie nicht halten können, da das Reisebüro zu dem Zeitpunkt, einem Freitagabend, bereits geschlossen hatte, so Koch.

Das Opfer erstattet Strafanzeige

Die fehlenden Rückflüge habe das Reisebüro schließlich – nach langer Diskussion – über eine andere Fluggesellschaft gebucht. „Als ich wieder in Deutschland war, habe ich Frau Langeloh in ihrem zweiten Reisebüro in Schwarzenbek zur Rede gestellt“, sagt Koch. „Sie hat die Situation bagatellisiert. Da wir bis zu diesem Zeitpunkt keinen finanziellen Schaden hatten, ließ ich es auf sich beruhen.“ Reisebüro-Inhaberin Angela Langeloh war auf Abendblatt-Anfrage nicht für eine Stellungnahme zu den Vorfällen zu erreichen.

Ihre Reise nach Australien für 2019 buchte Anita Koch direkt bei der Fluggesellschaft. „Alles funktionierte zunächst problemlos“, sagt die Ergotherapeutin. Bis zu der Mail des Inkasso-Unternehmens. „Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich das Geld in so kurzer Zeit nicht aufbringen können.“ Ein Anwalt rät ihr, Strafanzeige bei der Polizei gegen Angela Langeloh wegen Betrugs zu erstatten. Noch am selben Tag sei sie zur Kriminalpolizei nach Ahrensburg gefahren.

Mehr als ein Dutzend Opfer meldeten sich beim Abendblatt

Anita Koch ist nicht die einzige, die sich von dem inzwischen geschlossenen Reisebüro betrogen fühlt. Mehr als ein Dutzend Menschen meldeten sich seit Sommer 2018 beim Abendblatt, berichteten von Flügen und Hotels, die sie über die Firma gebucht und teils doppelt oder dreifach bezahlen mussten. Einige fordern fünfstellige Summen zurück.

Bei der Staatsanwaltschaft in Lübeck stehen die Ermittlungen gegen das Unternehmen kurz vor dem Abschluss. Wie berichtet, hatte die Behörde bei der Kripo in Ahrensburg noch Nachermittlungen in Auftrag gegeben. Diese sind inzwischen erfolgt. „Wir haben die Akten zurück“, sagt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. „Die zuständige Kollegin arbeitet sie nun durch und entscheidet, ob und in welchen Fällen sie Anklage erhebt.“ Anschließend müsse zunächst die Reisebüro-Inhaberin informiert werden, erst dann könne sie das Ergebnis offiziell verkünden. Hingst schätzt, dass es in etwa vier Wochen so weit sein wird.

Jetzt ist sie 35 statt 20 Stunden unterwegs

Was aus dem Fall von Anita Koch wird, ist noch unklar. Der Mitflug nach Australien im Februar wurde ihr von Emirates nicht gestattet, sie musste kurzfristig auf eine andere Airline umbuchen. Diesmal war sie 35 Stunden unterwegs – statt wie sonst 20 Stunden. Mit der deutlich längeren An- und Abreise muss sich die 54-Jährige in Zukunft wohl arrangieren. Eine Tatsache, die sie am meisten ärgert. „Ich habe nur begrenzten Urlaub, will davon so viel Zeit wie möglich mit meiner Tochter und meinem Enkelkind verbringen.“

Emirates schreibt ihr in einer Mail, dass der Flug 2017 direkt über die Internetseite unter Angabe der falschen Kreditkarte gebucht worden sei, einen Vertrag mit dem Reisebüro Langeloh habe die Fluggesellschaft nicht geschlossen. Bei dem Ticket für ihren Sohn sei eine andere Kreditkartennummer angegeben worden, da gebe es bisher nichts zu beanstanden. Anita Koch ist verzweifelt. Sie sagt: „Ich habe das alles nie gebucht. Aber vielleicht werde ich irgendwann das Geld zahlen, nur um wieder normal fliegen zu dürfen.“

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