Stormarn
Lütjensee

Junge Leute für Kommunalpolitik begeistern

Vivian Müller (17) aus Wedel und Özgürcan Bas (19) aus Kiel sind mit 26 Jugendlichen zum poltischen Wochenende nach Lütjensee gekommen

Vivian Müller (17) aus Wedel und Özgürcan Bas (19) aus Kiel sind mit 26 Jugendlichen zum poltischen Wochenende nach Lütjensee gekommen

Foto: Sebastian Knorr

Jugendliche erfahren bei „PartizipAction“, wie sie Demokratie mitgestalten können. Das Projekt ist für den Bürgerpreis nominiert.

Lütjensee.  In seiner Heimatstadt Niebüll ist Bo Carstensen Vorsitzender des Kinder- und Jugendbeirats. Im Jugendgästehaus des Kreisjugendrings (KjR) Stormarn in Lütjensee ist der 18-Jährige heute Bürgermeister der fiktiven Gemeinde Hodderby – und muss ein wenig auf die Tube drücken, weil es gleich Mittagessen gibt.

Das Planspiel, das Carstensen und seine Kollegen aus den Kinder- und Jugendbeiräten des Landes nach Hodderby entführt, ist Teil von „PartizipAction!“ – einer Zusammenkunft von Kinder- und Jugendbeiräten aus Schleswig-Holstein, die vom Sozialministerium, dem KjR Stormarn und der Kinder- und Jugendarbeit Ahrensburg organisiert wird.

Workshop, um Demokratie „vor der Tür“ zu gestalten

Seit zehn Jahren geht es an jeweils einem Wochenende um den Paragraf 47f der Gemeindeordnung. Das ist der Passus, der Jugendlichen und Kindern ein Mitspracherecht in der Politik zusichert und den in Lütjensee heute wohl jeder auswendig kennt: „Die Gemeinde muss bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen.“ Ja – sie muss.

Damit das auch in ausreichender Weise geschieht, stehen drei Workshops auf dem Stundenplan, die den Jugendlichen bei der Vertretung ihrer Interessen helfen sollen: Moderation, Projektmanagement und „Demokratie direkt vor unserer Tür“. Bei Letzterem geht es um die Frage, wie sich Kommunalpolitik an Jugendliche vermitteln lässt – sowohl in der Schule als auch in der außerschulischen Jugendbildung.

Planspiel ist auch für den Unterricht an Schulen geeignet

Dass Bildung in diesem Jahr gesondert Thema ist, hat mit einem Treffen vor zwei Jahren zu tun. „Da haben die Jugendlichen gesagt, dass Kommunalpolitik in ihrem Politikunterricht kaum einen Platz hat“, sagt der Landesbeauftragte für politische Bildung Christian Meyer-Heidemann, der aus Kiel angereist ist. Im Gepäck hat er eine Mappe mit Unterrichtsmaterialen für Lehrer und eine Arbeitshilfe für die außerschulische Jugendbildung. Das Planspiel „Die Gemeinde Hodderby“ ist Teil dieser Materialiensammlung, die unter www.politische-bildung.sh/unterricht heruntergeladen oder bestellt werden kann.

Darin geht es um eine lokalpolitische Entscheidungsfindung: Eine Bundeswehreinheit wird aus Hodderby abgezogen und hinterlässt ein Gebäude mit großem Grundstück, das die Gemeinde kauft. Wer darf es nutzen? Ein Elternverein, der einen Waldkindergarten bauen möchte? Der FC Hodderby, der neue Fußballplätze braucht? Oder ein Kaninchenzuchtverein? Sie alle haben gute Gründe, ebenso wie Politiker Wähler haben – und persönliche Neigungen.

„Das ist eine gute Art und Weise zu lernen, wie Kommunalpolitik funktioniert“, sagt Özgürcan Bas (19), der heute den FC Hodderby und sonst den Kinder- und Jugendbeirat in Kiel vertritt. Die Arbeit verleihe nicht nur der Jugend eine Stimme, sondern sei auch persönlich prägend: „Ich war früher eher schüchtern, da habe ich viel profitiert.“

Jugendbeiräte gibt es schon in 64 Orten landesweit

Kurz vor dem Mittagessen muss es dann schnell gehen. Nachdem die Fraktionen sich untereinander getroffen und die Interessensvertreter ihre Positionen vorgetragen haben, präsentiert Bürgermeister Bo Carstensen mit den Politikern das Ergebnis, den größtmöglichen Kompromiss: Jeder bekommt ein bisschen. So richtig glücklich wird damit aber wahrscheinlich auch keiner. Der Kindergarten kooperiert etwa mit den Kaninchenzüchtern und baut die Tiere in sein pädagogisches Förderprogramm ein. Der Fußballverein muss derweil auf einige Kabinen verzichten.

Ob das realistisch sei, fragt Christian Meyer-Heidemann. So konkret wahrscheinlich nicht, gibt eine Teilnehmerin in der Abschlussrunde zu bedenken. Aber auch wenn das Ergebnis etwas idealistisch sein mag, die Jugendlichen haben Gelegenheit, ihre Rollen zu reflektieren – und tun das mit Verve: Hab ich zu viel gefordert? Wie hätten wir mehr rausholen können? Vor eins zeige das Planspiel, sagen sie: Dass in der Demokratie prinzipiell alles möglich ist – wenn man überzeugen kann und Koalitionen bildet.

Nominierung den schleswig-holsteinischen Bürgerpreis

Klaus Meeder vom Sozialministerium ist von Anfang an beim Projekt dabei. Die Jugendbeteiligung in Schleswig-Holstein sei kontinuierlich gewachsen, sagt er. 2010 gab es in 30 Kommunen Jugendbeiräte, mittlerweile sind es 64.

In diesem Jahr ist „PartizipAction“ zudem für den schleswig-holsteinischen Bürgerpreis nominiert, der am 5. November in Kiel verliehen wird. „Ein tolles Dankeschön für alle Jugendlichen, die sich engagieren“, sagt Klaus Meeder. Lob und Dank gab es schon vor der Veranstaltung. „Eine lebendige Demokratie braucht Kinder und Jugendliche, die sich einmischen“, sagte Matthias Badenhop, Staatssekretär im Sozialministerium. „Dazu trägt das Landesforum in hervorragender Weise bei.“