Stormarn
Serie

Liebeserklärung an Rausdorf: Mehr Tiere als Menschen

Florian Timmermann (26) hilft kräftig auf dem Hof seiner Eltern in Rausdorf mit

Florian Timmermann (26) hilft kräftig auf dem Hof seiner Eltern in Rausdorf mit

Foto: Laura Treskatis / HA

Warum lieben Stormarner ihre Heimat? Das erfahren Sie regelmäßig in der Abendblatt-Serie „Liebeserklärung an...“ Heute: Rausdorf.

„Ich halte die Rausdorfer Geschichte fest“

Norbert Walther kennt zahlreiche Geschichten aus dem Ort. Anlässlich des 750. Dorfjubiläums schrieb er zusammen mit Claas Riecken vor acht Jahren die Chronik über Rausdorf. Um die Dorfgeschichte möglichst bis in die Gegenwart zu skizzieren, führte Walther mit vielen Anwohnern Gespräche. „Einer aus der Familie macht es immer“, sagt Walther. Denn schon sein Urgroßvater, der Müller Emil Walther, konservierte die Dorfgeschichte und gilt als Rausdorfs erster Heimatforscher. Eine Reise in die Vergangenheit unternimmt Norbert Walther auch bei den Arbeiten an seinem Universal-Motor-Gerät, dem sogenannten Unimog. Das vielseitig einsetzbare Fahrzeug stammt aus dem Jahr 1956. „Solche Wagen sind heute sehr selten“, sagt Walther und fügt hinzu: „In so einem Teil steckt viel Arbeit.“

„Unter den Bauern herrscht keine Konkurrenz“

Jan Burmeister führt den Hof an der Rausdorfer Hauptstraße in dritter Generation. Sein Hauptgeschäft ist die Mast von rund 250 Bullen. Auch Weizen, Gerste, Raps und Futtermais hat der 32-Jährige angebaut. An seinem Heimatort schätzt Burmeister vor allem die gemeinschaftliche Atmosphäre. „Unter den Bauern herrscht keine Konkurrenz, alle haben das gleiche Ziel“, sagt Burmeister. So leihe man sich bei der Grasernte gegenseitig Erntewagen aus. Vor wenigen Wochen heiratete der 32-Jährige seine Frau Anna. „Beim Polterabend war fast das ganze Dorf auf dem Hof“, sagt Burmeister. Für die frisch Vermählten hatten die Rausdorfer Landwirte ein Hochzeitspaar aus Stroh angefertigt.

„Hier tanke ich vor meinen Reisen auf“

Er unternahm waghalsige Expeditionen an den Blauen Nil und überquerte den Atlantik auf einem Baumstamm. Doch sein Zuhause hat Rüdiger Nehberg im beschaulichen Rausdorf gefunden. In einer ehemaligen Kupfermühle hat sich der Menschenrechtler mit seiner Ehefrau Annette einen Wohnsitz geschaffen. „Hier tanke ich auf“, sagt Nehberg, der Rausdorf weiter als ein „paradiesisches Naturstück“ bezeichnet. Vor seinem Besuch bei einem brasilianischen Indianerstamm diente das Dorf ihm in den 1980er-Jahren als Trainingsgebiet. „Damals führte ich noch eine Konditorei in Hamburg“, sagt Nehberg. Seit 2000 setzt sich Nehberg mit seiner Menschenrechtsorganisation TARGET dafür ein, dass der Brauch der Genitalverstümmelung als unvereinbar mit der Ethik des Islam und zur Sünde erklärt wird.

„Wohnhaus und Werkstatt auf einem Grundstück“

Annerose Lüdtke wohnt seit 1973 im Elternhaus ihrer verstorbenen Großmutter Martha Schulz an der Hauptstraße. 1993 gründete sie mit ihrem Ehemann Albert auf dem Grundstück eine Bleiglaserei. „Wir führen ein kleines Familienunternehmen in Eigenregie“, sagt Lüdtke, die Kundschaft aus dem Großraum Hamburg, Lübeck und Schwarzenbek bezieht. Auch die Restauration von Fenstern, wie diesem Jugendstil-Exemplar aus einer alten Villa, gehört zu ihrem Aufgabengebiet. An Rausdorf schätzt sie vor allem die Ruhe und die Natur. „In fünf Minuten bin ich im Wald“, sagt Lüdtke. Dort unternimmt sie gern lange Spaziergänge mit ihren beiden Hunden Nick und Electra. Ebenso engagiert sich die 53-Jährige als stellvertretende Bürgermeisterin politisch für den Ort.

„Hier leben mehr Pferde und Kühe als Menschen“

In 24 Metern Höhe blickt Gunter Behncke vom Scharfenberg aus auf Rausdorf herunter. Mitten auf dem Hügel hat er sich einen Wohnsitz geschaffen. Behncke wuchs in Hamburg-Farmsen auf und zog 1976 nach Rausdorf. Seit 2011 ist der 72-Jährige Bürgermeister im Ort. „Hier ist die Luft viel schöner als in der Stadt“, sagt Behncke. Auch die gute Gemeinschaft weiß der Rentner zu schätzen. Behncke: „Das ist in einem kleinen Dorf sehr wichtig. Gerade, wenn man ein bisschen abgeschieden ist.“ Dennoch sieht er die jetzige Einwohnerzahl von 230 als ausbaufähig an. „Hier leben mehr Pferde und Kühe als Menschen“, sagt Behncke. „Rausdorf muss wachsen.“ Er könnte sich eine kleine Siedlung mit zehn Wohneinheiten vorstellen.

„Ich entschied mich für Rausdorf“

Rena Schmolling ist in Rausdorf aufgewachsen, lebt fast ihr ganzes Leben lang im Ort. Nach ihrer Ausbildung zur Reitlehrerin im nordrhein-westfälischen Warendorf wurde ihr in der sogenannten Pferdestadt ein Job angeboten. „Ich entschied mich für den elterlichen Betrieb und für die Selbstständigkeit“, sagt Schmolling. „Auch wenn das ein 24-Stunden-Job ist.“ In ihren Ställen beherbergt die 47-Jährige elf eigene und 65 Pensionspferde. Ihr Lieblingspferd ist der Holsteiner Hengst „Call me Knut“. Wie der mittlerweile verstorbene Eisbär Knut aus dem Zoologischen Garten Berlin verlor auch der Hengst früh seine Mutter. Schmolling; „Beide Tiere teilen das gleiche Schicksal.“

„Zuhause ist es immer am schönsten“

Auch die Familie Timmermann ist seit mehreren Generationen im Dorf verwurzelt. Florian Timmermann wird in naher Zukunft den Hof von seinen Eltern Jörg und Gudrun übernehmen. Der landwirtschaftliche Betrieb versorgt rund 100 Milchkühe und baut zudem Raps, Weizen, Gerste, Roggen und Futtermais an. Der 27-Jährige kann sich nicht vorstellen, jemals aus Rausdorf wegzuziehen. „Ich kenne hier jeden, hier ist meine Heimat“, sagt Timmermann. Vor vier Jahren arbeitete er ein halbes Jahr lang auf einer Farm im australischen Esperance und sammelte dort neue Erfahrungen. Danach zog es ihn wieder nach Rausdorf zurück. Zum Abendblatt sagt er: „Ich reise gern, aber Zuhause ist es immer am schönsten.“